Sowohl Moderna als auch Biontech/Pfizer arbeiten an Impfstoffen gegen die Omikron-Variante. Foto: imago//Dinendra Haria

Für manche Menschen gibt es eine Empfehlung für eine zweite Auffrischungsimpfung. Aber was ist mit dem Omikron-Impfstoff? Wer auf ihn warten sollte, wer verzichten kann – und wer sich besser noch mal den ursprünglichen Impfstoff injizieren lassen sollte. Ein Überblick.

Es ist Sommer – und damit die Jahreszeit, die für Atemwegserkrankungen eigentlich ungünstig ist. Aber die Omikron-Variante des Coronavirus verursacht immer noch viele Ansteckungen. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz lag zwar vor einem Monat mehr als doppelt so hoch – mehr als 800 betrug sie damals, zuletzt lag sie bei rund 340. Die Dunkelziffer ist aber zwei- bis dreimal höher. Auch dreifach Geimpfte sind mittlerweile kaum noch davor geschützt, sich anzustecken. Das führt zu der Frage: Sollte man sich jetzt ein viertes Mal mit einem der schon zugelassenen Corona-Impfstoffe impfen lassen? Oder sollte man lieber auf das neue Omikron-Vakzin warten – und wie gut wird dieses schützen? Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

 

Warum funktionieren die bestehenden Impfstoffe weniger gut gegen Omikron? Das liege am stark veränderten Spikeprotein der Omikron-Variante, sagt Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund. Dadurch könnten sich „Antikörper, die als Reaktion auf die ursprünglichen Impfstoffe gebildet werden, nur noch unzureichend an Omikron binden“. „Daher ist der Impfschutz gegen die reine Infektion selbst nach dreifacher Impfung nicht so gut, wie er gegen frühere Varianten war. Zusätzlich lässt dieser Schutz auch noch schneller nach.“

Wie gut funktionieren die Omikron-Impfstoffe, die gerade entwickelt werden? Moderna und Biontech/Pfizer haben Daten aus ihren ersten Studien mit den Omikron-Vakzinen präsentiert. Die von beiden Impfstoffherstellern verwendete mRNA ist für das Spikeprotein der ersten Omikron-Linie (BA.1) codiert. Die Menge der Antikörper, die Omikron neutralisierten, war danach höher als nach Verabreichen der bisherigen Impfstoffe: etwa um das Achtfache beim Moderna-Omikron-Booster (enthält sowohl die Information für das Spikeprotein der Omikron-Variante als auch für den Wildtyp) und um das 19,6-Fache für eine Version von Biontech/Pfizer, die nur das Omikron-Spike enthielt. Die Verbesserung der Antikörperantwort schmolz jedoch gegenüber den neuen Varianten BA.4/BA.5 auf ein Drittel.

Ist es ein Risiko, einen Impfstoff einzusetzen, der in dieser Zusammensetzung nicht oder kaum an Menschen getestet wurde? „Bei der Grippeimpfung wird der jährliche Impfstoff ja nicht auch noch vorher in Studien getestet“, sagt Carsten Watzl. Die Veränderungen vom Wildtyp-Corona-Impfstoff gegenüber dem Omikron-Booster sind geringer als bei Influenzavakzinen. Bei den Grippeimpfstoffen werden oft Viruslinien mit ausgetauschten Genomteilen (sogenannten Gensegmenten) verwendet, bei Sars-Cov-2-Impfstoffen dagegen lediglich einige Buchstaben des genetischen Alphabets auf der mRNA verändert. „Die Verträglichkeit der angepassten Impfstoffe scheint vergleichbar mit den Originalimpfstoffen zu sein“, sagt Watzl.

Wird der Omikron-Impfstoff aufgrund der sich weiterentwickelnden Varianten im Herbst noch aktuell sein? Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat sich dafür ausgesprochen, auf einen bivalenten Impfstoff zu setzen – der also aus einer Omikron-Komponente sowie dem Wildtyp-Impfstoff besteht. Und das, obwohl diese ursprüngliche Wildtypvariante weitgehend ausgestorben ist. „Die Mischung ist eine gute Idee, denn so behält man die Komponente, von der man weiß, dass sie funktioniert“, sagt Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Uni Zürich. „Zusätzlich nimmt man noch etwas rein, damit auch B-Zellen stimuliert werden, die die neuen Teile des Omikron-Spikes erkennen.“

Diese Impfung auf die aktuell dominanten Varianten BA.4 und BA.5 auszurichten, hält Trevor Bedford, Spezialist für Virusevolution am Fred Hutchinson Center in Seattle, für sinnvoll. Das Virus werde sich weiter verändern. „Aber diese Evolution wird höchstwahrscheinlich auf BA.4/BA.5 aufbauen, so dass Impfstoff-Updates nicht davon tangiert werden sollten“, twitterte Bedford. Auch die FDA plädiert dafür, künftige Impfstoffe auf BA.4 und BA.5 auszurichten.

Für wen kommt eine zweite Auffrischungsimpfung derzeit in Betracht? Die bislang erhältliche vierte Impfung mit dem Wildtyp-Impfstoff hilft, das Risiko für ältere Menschen zu verringern – für schwere Erkrankungen um 67 Prozent, an Covid-19 zu sterben um 72 Prozent. Aktuell empfiehlt die Stiko Menschen ab 70 Jahren sowie Immunsupprimierten die vierte Impfung bereits drei Monate nach der vorherigen Impfung. Aber auch Jüngere können in Deutschland die vierte Impfung unkompliziert erhalten. Eine Studie aus Israel zeigt, dass er auch die über 60-Jährigen schon besser vor schweren Krankheitsverläufen schützt als bei nur drei Impfungen, allerdings bei Omikron nicht sehr langfristig. Deshalb verzichtet die Stiko auf die generelle Empfehlung einer vierten Impfdosis.

„Auch der Omikron-Booster wird sich vorwiegend an die Risikogruppen richten, damit diese vor dem Herbst noch mal ihre Immunantwort auffrischen“, sagt Christian Münz. Jüngeren und gesunden Menschen könnten dagegen die vielen Ansteckungen durch die Sommerwelle helfen, ohne weitere Impfung durch den Winter zu kommen. Mit jeder Ansteckung verbessere sich die Immunantwort. Münz kalkuliert, dass man als Gesunder durchschnittlich alle sechs Monate mit dem Erreger Kontakt haben müsse, um gut geschützt zu sein.

Gibt es Gründe, die gegen eine zweite Auffrischung sprechen? Dagegen spricht wenig. „Die Sicherheitsdaten der mRNA-Impfstoffe sind sehr gut, und von einer Erschöpfung des Immunsystems durch Impfungen ist nicht auszugehen“, sagt Münz. Ältere Personen und Immunsupprimierte, bei denen die letzte Impfung mehr als vier Wochen zurückliegt, können sich aus immunologischer Sicht jetzt noch mit dem Wildtyp-Vakzin impfen lassen, ohne auf den Omikron-Booster im Herbst verzichten zu müssen.

Omikron-Vakzine werden geprüft

BA.4/5
 Die Europäische Arzneimittelbehörde Ema hat mit der Überprüfung eines weiteren angepassten Covid-19-Impfstoffs von Biontech/Pfizer begonnen. Dabei handelt es sich um den Booster, der sich neben dem ursprünglichen Wuhan-Stamm auch gegen die derzeit vorherrschenden Omikron-Subvarianten BA.4/5 richtet.

BA.1
 Für den Booster, der sich gegen die Variante BA.1 richtet, hatten Biontech/Pfizer vor Kurzem die Einreichung des Zulassungsantrags bei der Ema abgeschlossen.