Als junger Mann malt Matthias Grünewald um 1510 am Isenheimer Altar Foto: AKG

Die Christen feiern am Wochenende das Fest der Auferstehung Jesu. Doch vielen erscheint gerade der Kern der Osterbotschaft, die Überwindung des Todes, unglaubwürdig. Zur Auferstehungshoffnung gesellte sich von jeher die Skepsis – Gott sei Dank.

Stuttgart - Weg ist er. Ohne Erklärung. Wie Ochsen vorm Berg stehen die Frauen, allen voran Maria von Magdala, vor dem leeren Grab, in das der Gekreuzigte am Vortag gelegt worden war: Die Höhle ist geöffnet, der Stein zur Seite gerollt und der Leichnam Jesu verschwunden. Ausgerechnet zwei Engel übernehmen dann die Aufklärung: „Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden.“ Und Maria, der Jesus erscheint, hält ihn zunächst für den Gärtner (sic!). Erst als er sie beim Namen nennt, erkennt sie den Sohn Gottes, der ihr aufträgt, die frohe Osterbotschaft weiterzugeben: „Geh aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater.“ Derart ermuntert finden die Frauen – wie üblich – schnell die Sprache wieder und berichten den Aposteln. Die Männer tun die freudige Botschaft zunächst – wie üblich – als „Weibergeschwätz“ ab. Glauben kann das erst mal keiner.

Zweifel ist kein Widerspruch zum Glauben

Die Rollen der Zweifler sind in den Berichten der Evangelisten von der Auferstehung Jesu, dem Urgrund christlichen Glaubens, prominent besetzt. Sie verlangen nach Beweisen, wie der sprichwörtlich gewordene „ungläubige“, aber zugleich heilige Thomas, der handfeste Beweise einfordert dafür, dass Jesus nicht mehr der historischen Welt angehört und dennoch lebt, und der diese auch bekommt: Er wird sogar ausdrücklich dazu ermuntert, den Finger in die Wunde legen. Der Zweifel ist nicht Widerspruch zum Glauben, vielmehr führt er im Evangelium erst zur Beglaubigung der Auferstehung.

In seiner aktuellen Osterbotschaft würdigt der evangelische Landesbischof von Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh, den kritischen Geist Thomas als Vorbild. Glauben müsse immer hinterfragt werden, sonst führe er zum Fundamentalismus: „Wenn der Osterglaube wirklich in unserem Alltag und in unseren Herzen ankommen“ soll, sei es notwendig, „in Freiheit auch Fragen an den Glauben“ zu stellen. Der Zweifel fungiert dann also, wenn man nicht bei ihm stehen bleiben will, als Stimulanz, die überwunden werden muss, um von einem naiven zum entschiedenen, bewussten Glauben zu kommen. Wer aber wiederum nicht an die Auferstehung glaubt, zweifelt nicht mehr, sondern verlässt sich auf die naturwissenschaftlich und gewohnheitsmäßig erfahrene Welt, die vor der entscheidenden Frage der Menschheit nach dem Sinn des Lebens und der Bedeutung des Todes kapituliert.

Die Skepsis gegenüber der Auferstehungsbotschaft ist weit verbreitet

Tatsache aber ist, dass auch viele Christen offenbar nicht mehr zweifeln, sondern ihr Urteil gefällt haben: Sie glauben schlichtweg nicht daran, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist. So ergab vor einiger Zeit eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag des evangelischen Magazins „Chrismon”, dass 41 Prozent der Deutschen die Auferstehung für kein reales Ereignis, sondern für eine reine Wunschvorstellung halten. Lediglich 30 Prozent glauben überhaupt an ein Weiterleben der Seele nach dem körperlichen Tod. Die Zahlen belegen, dass selbst unter den 60 Prozent der Deutschen, die einer christlichen Kirche oder Glaubensgemeinschaft angehören, Skepsis und Unglauben gegenüber der Auferstehungsbotschaft verbreitet sind. Ohne sie allerdings verliert das Christentum seine Kernaussage, ohne sie ist alles nichts, wie schon Paulus in heiligem Zorn die Korinther ermahnte: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ Oder wie es der Jesuitenpater Klaus Mertes, Direktor des Kollegs St. Blasien, in heutiger Zeit ausdrückt: „Wer an Gott glaubt, aber nicht an die Auferstehung, also die Überwindung des finalen Sinnvernichters von allem und jedem, der verpasst das Beste.“

Ostern rankt sich um ein sprödes Stillleben: das leere Grab

Dem kann sich Christian Hermes, katholischer Stadtdekan in Stuttgart, nur anschließen: „Das wäre wie ein Zelt, das in sich zusammenfällt.“ Er könne verstehen, sagt Hermes, dass in einer Zeit der Selbstoptimierung, in der es gelte, aus dem vergänglichen Leben herauszuholen, was herauszuholen ist, „der Glaube an einen Sinn über die Endlichkeit hinaus vielen Mühe macht: „Ostern ist schon ein schwieriges Fest.“ Während die in der liturgischen Bedeutung untergeordnete Weihnachtsgeschichte rund um das selige Kind im ärmlichen Stall sinnlich aus den Vollen schöpfen und mit der Geburt an eine existenzielle Erfahrung jedes Einzelnen anknüpfen kann, dreht sich hier rein bildlich alles um ein sprödes Stillleben: das leere Grab. Was in der Leere passiert ist, kann aber nicht nichts sein. Die reale Wirkung, die in den Evangelien überliefert ist, muss eine reale und nicht nur symbolhafte Ursache haben, die umso wirksamer ist, als sie sich nicht auf die Kategorien des menschlichen Verstands reduzieren lässt. Etwas wahrhaft Sensationelles muss geschehen sein. Aus den ängstlichen Jüngern, die sich eben noch aus Furcht vor Verfolgung verbarrikadiert hatten, werden überzeugte Verkünder, die eine Massenbewegung auslösen.

„Es ist ein Problem, wenn wir uns im Diesseits verkrallen“

Nicht nur Theologen, auch weltliche Geschichtsforscher bescheinigen den neutestamentarischen Texten in diesem Punkt die Schilderung von Fakten statt Fiktionen. Der plötzliche Mut der Jünger ist eine Tatsache und nicht bloß eine erzählerische Volte. Inmitten der Gegner Jesu in einer politisch und religiös aufgeheizten Konfliktsituation traten sie mit ihrer Botschaft auf und riskierten ihr Leben. „Das ist nicht das heimliche Weiterleben wie vorher“, sagt der Jesuit Mertes: „Die Ostererfahrung ist eine revolutionäre Erfahrung.“ Statt der „Heidenangst“ vorm Verlust des Lebens erwachsen aus ihr Loslassen und Hingabe im Vertrauen auf das Erlöstsein. „Denn es ist ja eines unserer größten Probleme, wenn wir uns im Diesseits verkrallen“, sagt Hermes. Der Glaube an die Auferstehung eröffne neue Perspektiven auf das Leben.

So ist das stille Bild vom weggewälzten Stein in Wahrheit Zeichen für eine gewaltige Umwälzung der Weltzustände, eine Revolution. Mit der Erlösung vom Tod werden auch die bestehenden gesellschaftlichen Rangordnungen verkehrt. So kann die Tatsache, dass es Frauen sind, also Angehörige eines im damaligen Palästina entmündigten und in allen Belangen den Männern untergeordneten Geschlechts, die die Auferstehung als Erste verstehen und verkünden, in ihrer Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mächtige und Schwache, Chefs und Diener, Gäste und Gastgeber tauschen die Rollen. So erinnert sich der Jesuit Mertes an die kurdische Familie Aydin aus der Türkei, deren Asylantrag er als Mitglied einer Härtefallkommission bewerten musste. Als die Familie bleiben durfte, lud sie Mertes zu einer Feier ein. Er habe erst gezögert, dann aber beschlossen, an dem Fest teilzunehmen. Daraus seien tiefe Freundschaften entstanden. „Die Akzeptanz des anderen macht mein Leben reicher“, sagt der Pater. So sieht die Osterbotschaft im realen Leben aus.

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