Seite 2„Aufbruch“ im WDR Von den Träumen junger Mädchen aus armen Verhältnissen

Von Tilmann P. Gangloff 

Verständlicherweise rückt Einrauch die Beziehung zu Godehard und die Folgen der Vergewaltigung in den Vordergrund, aber die emotionale Basis des Films ist die Beziehung Hillas zu ihren Eltern. Dramaturgisch sind sie die Gegenspieler der jungen Heldin. Buch und Regie vermeiden es trotzdem, sie anzuklagen, obwohl die Gegensätze zwischen der einfachen Mutter und der mitunter zu Hochnäsigkeit neigenden Tochter schließlich gar in eine körperliche Auseinandersetzung münden: Den beiden ist die junge Frau, die aus dem Stand über das Menschenbild bei Goethe fachsimpeln kann, eine Fremde. So gesehen handelt „Aufbruch“ von den Träumen vieler junger Mädchen aus armen Verhältnissen, die überzeugt waren, aufgrund einer Verwechslung ein falsches Leben zu führen und eigentlich eine Prinzessin zu sein. Schade nur, dass Einrauch vorenthält, was aus den Eltern geworden ist; sie tauchen in der Rahmenhandlung, in der die erwachsene Hilla eine Lesung in der von ihr als Jugendliche so geliebten Bücherei gibt, nicht auf. Schon allein das behagliche Licht verdeutlicht, welche Bedeutung die Buchhandlung für Hilla als Refugium hat. Außerdem bescheren die Szenen Heiko Pinkowski schöne Momente als väterlicher Freund. Auch er ist, wie sämtliche Hauptdarsteller, hörbar kein Einheimischer. Das Kölsch-Diplom, mit dem Ulrich Noethen nach eigener Ansicht die Dreharbeiten verlassen hat, kann sich nur auf die Biersorte beziehen.

ARD, 7.12., 20.15 Uhr

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