Verständlicherweise rückt Einrauch die Beziehung zu Godehard und die Folgen der Vergewaltigung in den Vordergrund, aber die emotionale Basis des Films ist die Beziehung Hillas zu ihren Eltern. Dramaturgisch sind sie die Gegenspieler der jungen Heldin. Buch und Regie vermeiden es trotzdem, sie anzuklagen, obwohl die Gegensätze zwischen der einfachen Mutter und der mitunter zu Hochnäsigkeit neigenden Tochter schließlich gar in eine körperliche Auseinandersetzung münden: Den beiden ist die junge Frau, die aus dem Stand über das Menschenbild bei Goethe fachsimpeln kann, eine Fremde. So gesehen handelt „Aufbruch“ von den Träumen vieler junger Mädchen aus armen Verhältnissen, die überzeugt waren, aufgrund einer Verwechslung ein falsches Leben zu führen und eigentlich eine Prinzessin zu sein. Schade nur, dass Einrauch vorenthält, was aus den Eltern geworden ist; sie tauchen in der Rahmenhandlung, in der die erwachsene Hilla eine Lesung in der von ihr als Jugendliche so geliebten Bücherei gibt, nicht auf. Schon allein das behagliche Licht verdeutlicht, welche Bedeutung die Buchhandlung für Hilla als Refugium hat. Außerdem bescheren die Szenen Heiko Pinkowski schöne Momente als väterlicher Freund. Auch er ist, wie sämtliche Hauptdarsteller, hörbar kein Einheimischer. Das Kölsch-Diplom, mit dem Ulrich Noethen nach eigener Ansicht die Dreharbeiten verlassen hat, kann sich nur auf die Biersorte beziehen.

ARD, 7.12., 20.15 Uhr

n die Verantwortlichen exakt dasselbe Team zusammenstellen. „Aufbruch“ (ebenfalls nach Hahn) orientiert sich stilistisch am Zweiteiler, zeichnet die Umstände aber nicht mehr ganz so extrem wie „Teufelsbraten“. Bestes Beispiel dafür ist die Figur der Großmutter (Barbara Nüsse), im Zweiteiler noch eine vom typisch bigotten rheinischen Katholizismus geprägte Frau mit fundamentalistischen Ansichten; sie war es auch, der Hildegard die Bezeichnung „Teufelsbraten“ verdankte. In der Fortsetzung ist sie zwar nicht gerade zur freundlichen Oma mutiert, aber längst nicht mehr so extrem. Der Vater ist nach wie vor verschlossen, doch bei weitem nicht mehr der Nachkriegs-Choleriker aus dem ersten Film. Auch die Welt der Familie Palm hat sich gewandelt: Sie lebt immer noch in armen Verhältnissen, aber Ausstattung und Kamera lassen ihre Wohnung längst nicht mehr so abweisend und finster wirken.

Die dreißigjährige Anna Fischer spielt mühelos und glaubhaft die 17-jährige Hilla

Die größte Verblüffung gelingt jedoch Anna Fischer: Die Schauspielerin ist mittlerweile dreißig und knüpft dennoch nahtlos an ihre Rolle von damals an. Die Handlung spielt in den frühen Sechzigern. Hildegard, die sich schon im zweiten Teil Hilla genannt hat, ist nun ein 17 Jahre alter „Backfisch“, und weil sich Fischer diese Rolle mit Haut und Haar angeeignet hat, lässt sie keinerlei Zweifel aufkommen, dass sie trotz des großen Alterunterschiedes die perfekte Besetzung ist. Dank der Unterstützung durch den verständnisvollen Pfarrer (Markus John) kann Hilla das Gymnasium besuchen, was für die damalige Zeit eine seltene Ausnahme war. Ein Studium jedoch, wie Hilla es anstrebt, war praktisch unmöglich, arme Familien konnten sich das schlicht nicht leisten; ein Teufelskreis vererbter Armut, an dem sich auch über fünfzig Jahre später nicht viel geändert hat.

Fast dokumentarisch erzählen Einrauch und Huntgeburth, wie sich Hilla gegen den stillen Widerstand der Familie ihren Weg erkämpft. Gerade die Mutter (Margarita Broich) versteht nicht, warum sich die Tochter nicht damit begnügt, eine „gute Partie“ zu finden. Tatsächlich hat Hilla einen Verehrer, der bereit wäre, ihr die Welt zu Füßen zu legen. Leisten könnte er sich das allemal: Godehard (Daniel Sträßer) ist der Spross einer schwerreichen Kakaodynastie. Hilla ist zunächst angetan von seinen Avancen und natürlich auch überwältigt vom Reichtum der Familie, schämt sich jedoch ihrer eigenen Herkunft. Außerdem will sie ihren Weg selbst bestimmen. Deshalb gibt sie dem jungen Mann schließlich den Laufpass, was die Großmutter mit dem Stoßseufzer „Hauptsache unberührt“ kommentiert. Dabei bleibt es jedoch nicht: In der bedrückendsten Szene des Films steigt Hilla auf dem Heimweg von der Nachhilfe spätabends zu Fremden ins Auto, wird vergewaltigt und wie ein kaputtes Spielzeug weggeworfen.

Von den Träumen junger Mädchen aus armen Verhältnissen

Verständlicherweise rückt Einrauch die Beziehung zu Godehard und die Folgen der Vergewaltigung in den Vordergrund, aber die emotionale Basis des Films ist die Beziehung Hillas zu ihren Eltern. Dramaturgisch sind sie die Gegenspieler der jungen Heldin. Buch und Regie vermeiden es trotzdem, sie anzuklagen, obwohl die Gegensätze zwischen der einfachen Mutter und der mitunter zu Hochnäsigkeit neigenden Tochter schließlich gar in eine körperliche Auseinandersetzung münden: Den beiden ist die junge Frau, die aus dem Stand über das Menschenbild bei Goethe fachsimpeln kann, eine Fremde. So gesehen handelt „Aufbruch“ von den Träumen vieler junger Mädchen aus armen Verhältnissen, die überzeugt waren, aufgrund einer Verwechslung ein falsches Leben zu führen und eigentlich eine Prinzessin zu sein. Schade nur, dass Einrauch vorenthält, was aus den Eltern geworden ist; sie tauchen in der Rahmenhandlung, in der die erwachsene Hilla eine Lesung in der von ihr als Jugendliche so geliebten Bücherei gibt, nicht auf. Schon allein das behagliche Licht verdeutlicht, welche Bedeutung die Buchhandlung für Hilla als Refugium hat. Außerdem bescheren die Szenen Heiko Pinkowski schöne Momente als väterlicher Freund. Auch er ist, wie sämtliche Hauptdarsteller, hörbar kein Einheimischer. Das Kölsch-Diplom, mit dem Ulrich Noethen nach eigener Ansicht die Dreharbeiten verlassen hat, kann sich nur auf die Biersorte beziehen.

ARD, 7.12., 20.15 Uhr

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