So könnten bald Rettungsfahrzeuge der Steiger-Stiftung in China unterwegs sein. Foto: dpa / StN-Montage: Lange

Die Björn-Steiger Stiftung hat sich einst mit Notrufsäulen an Straßen einen Namen gemacht. Jetzt wollen die Winnender am ganz großen Rad drehen und eine Notfallrettung nach deutschem Vorbild in China aufbauen. Deutsche Firmen sollen profitieren.

Winnenden - Die Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden verhandelt seit vier Jahren mit der chinesischen Regierung. Die verhältnismäßig kleine Stiftung soll, wie unsere Zeitung berichtet hat, als Kopf eines Konsortiums zahlreicher Firmen und Institutionen in einer Modellregion einen Rettungsdienst nach deutschem Vorbild aufbauen, den es im Reich der Mitte bisher nicht einmal ansatzweise gibt. Wird das Projekt landesweit ausgeweitet, könnte es laut Experten um Aufträge in dreistelliger Milliardenhöhe gehen. Jetzt ist es so weit: An diesem Montag werden in Peking die Verträge unterschrieben.

Die Stiftung wird darin von der Stadt Jieyang in der Provinz Guangdong beauftragt, in Kooperation mit einer lokalen Einrichtung ein komplettes Rettungswesen aufzubauen und zu betreiben. Notwendig ist dabei alles, was bei uns dafür Standard ist: Rettungsleitstellen mit Disponenten, Rettungswachen, Einsatzfahrzeuge und Hubschrauber. Um diese Struktur umzusetzen, ist Bestandteil des Vertrages, dass die Stiftung die Ausbildung für Leitstellendisponenten, Notfallsanitäter, die Qualifizierung von Medizinern zum Notarzt, Pilotenausbildungen und Trainings für chinesische Piloten übernimmt. Dazu will sie eigene Ausbildungszentren aufbauen und betreiben.

Chinesisches Personal wird bei der Stiftung angestellt

Der Betrieb des Rettungswesens erfolgt durch die Stiftung in Kooperation mit einer weiteren Betreibergesellschaft der chinesischen Gesundheitsbehörde. Das chinesische Personal wird teilweise direkt bei der Stiftung angestellt. Das gesamte Management und die Führungsebene wird mit deutschem Personal besetzt, um in den ersten Jahren die Qualität gewährleisten zu können. Vereinbart ist zunächst eine Pilotphase für die 550 000 Einwohner des Stadtzentrums - mit mehreren Hundert Auszubildenden, sechs Rettungswachen, einem Luftrettungszentrum, 24 Rettungswagen und acht Notarztfahrzeugen. Die Einsätze sollen Ende nächsten Jahres beginnen können.

Von 2018 an werden die Kapazitäten verdoppelt, um bis Ende des Jahres den Flughafenbezirk mit weiteren 500000 Einwohnern abdecken zu können. Läuft das Projekt bis dahin gut, ist anschließend die schrittweise Ausweitung bis hin zur kompletten Provinz Guangdong mit 125 Millionen Einwohnern vorgesehen. „Dieser Schritt könnte bis 2028 abgeschlossen sein“, sagt Stiftungspräsident Pierre-Enric Steiger.

Die Kosten für den Kauf von Fahrzeugen, Hubschraubern, Ausbildungsmaterial, medizinischer und technischer Ausstattung aus Europa sowie die allgemeinen Projektkosten auf deutscher Seite liegen bis Ende 2017 bei rund 43 Millionen Euro. Alle Kosten, die zusätzlich auf chinesischer Seite entstehen, wie Lohnkosten, Baukosten, Unterbringungskosten der deutschen Ausbilder in China oder Dolmetscherkosten kommen noch hinzu. Für das Jahr 2018 rechnet das Konsortium noch einmal mit derselben Summe.

Für Notfallpatienten entstehen keine Kosten

Das Projekt in seiner Pilotphase wird zu 50 Prozent von der Stadt Jieyang und zu 50 Prozent von der Zhongde Metall Group in Jieyang finanziert. Die Rettungseinsätze selbst werden die Notfallpatienten nichts kosten. Das soll auch künftig so bleiben. „Das war von Anfang an die wichtigste Bedingung für uns. Sonst hätten wir das Projekt nicht gemacht“, sagt Steiger. Es entspreche der Philosophie der Stiftung, dass die Behandlung eines Notfallpatienten im Gegensatz zur bisherigen Praxis in China nicht an der Vermögenslage scheitern dürfe.

Steiger ist sich darüber bewusst, wie enorm die Herausforderung in den nächsten Jahren wird. „Der erfolgreiche Abschluss dieses ersten Vertrages zeigt, wie groß die Mannschaftsleistung im Hintergrund war und auf wie viele Schultern dieses Projekt verteilt ist“, sagt er. Über 50 Firmen auf deutscher und europäischer sowie ein halbes Dutzend chinesischer Firmen sind am Projekt beteiligt. Darunter finden sich Airbus Helicopters, Ford, KPMG, Bosch, die Kanzlei Gleiß Lutz, Dräger, die Telekom und Mercedes-Benz.

Gesundheitsministerium begleitet das Projekt

Politisch flankiert wird es vom Bundesgesundheitsministerium, das das Projekt seit Jahren begleitet, und der deutschen Botschaft in Peking. In zwei Rahmenvereinbarungen zwischen dem chinesischen und dem deutschen Gesundheitsministerium ist der politische Wille zur Umsetzung in den vergangenen Regierungsgesprächen unterzeichnet worden. Das Pilotprojekt ist auch Bestandteil des aktuellen Aktionsplans zwischen Deutschland und China. „Der Weg war lang und schwierig. Es waren viele politische Gespräche auf Regierungsebene für die Öffnung dieses Weges nötig. Alleine Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat 2014 und 2015 intensiv in Peking für dieses Projekt geworben“, sagt Steiger.

Die Vereinbarung bietet den Beteiligten jetzt eine erste Sicherheit. Denn der ein oder andere wollte sich zuvor angesichts der politischen Lage in China noch nicht zu euphorisch zeigen, bevor der Vertrag unterschrieben ist. Es muss sich auch jetzt noch zeigen, ob sich alle Hürden nehmen lassen. So ist der untere Luftraum derzeit in China für militärische Zwecke gesperrt und muss für Rettungshubschrauber eigens geöffnet werden. Ausländische Einsatzkräfte, die zu Beginn benötigt werden, machen sich eigentlich strafbar, wenn sie in China eingreifen. Auch dafür braucht es eine Ausnahme - wie für viele andere Dinge.

Pläne auch für Sri Lanka

Für die Steiger-Stiftung ist damit nur die erste Herausforderung gemeistert. Denn sie hat noch andere große Ziele. Auch in Sri Lanka will sie ein Rettungswesen nach deutschem Vorbild aufbauen und hat dort dafür bereits ein Büro eröffnet. Dem Vernehmen nach geht es dort um 1050 Rettungswagen, 555 Rettungswachen, 24 Hubschrauber, 20 Luftrettungszentren und 29 000 Mitarbeiter, die vor allem aus der Armee kommen sollen. Ein Milliardenprojekt, bei dem ein ähnliches Konsortium zum Zug kommen könnte wie in China. Offenbar konkurriert dort der deutsche Zusammenschluss aber noch mit einem Mitbewerber aus Indien.

Bis es dort so weit ist, gibt es ja aber für die Stiftung und ihre Partner in China genug zu tun.

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