Während der Corona-Pandemie langweilte sich Vika in ihrem Online-Studium und begann dann, Videos auf TikTok online zu stellen. Foto: Vikykid/privat

Die junge Influencerin Vika erreicht auf auf sozialen Plattformen wie TikTok hunderttausende Zuschauer, wenn sie über Sex, Verhütung und Geschlechtskrankheiten spricht. Was treibt sie an, und warum werden manche ihrer Beiträge gelöscht?

Stuttgart - Verhütung ist unwichtig, wenn zwei Frauen Sex haben? Falsch, erklärt die 22-jährige Influencerin Vika, die als Vikykid auf dem sozialen Medium TikTok über Sex spricht. „Schwanger werden kann man dabei nicht“, beginnt sie. „Aber man kann immer noch Geschlechtskrankheiten bekommen – wie etwa Syphilis, Tripper, Hepatitis B und C und selten auch HIV.“

 

Vika spricht auf den sozialen Plattformen TikTok und Instagram über Gesundheit, Sex und darüber, sich selbst so anzunehmen, wie man ist. Ihre Videos sehen sich knapp 740 000 Menschen auf TikTok an. Die Themen haben eines gemeinsam, erzählt sie: „Man muss über sie sprechen.“ Zu TikTok kam Vika vor einem Jahr, als sie sich während der Corona-Pandemie in ihrem Online-Studium langweilte.

Anfangs sprach sie über Selbstliebe, über Feminismus und nun betreibe sie Aufklärung rund um Sex. Die Themen interessieren sie alle selbst, wie sie sagt. Überwindung kostete sie das nicht, so offen über Sex vor der Kamera zu sprechen: „Das fiel mir vom Anfang an ziemlich leicht, weil ich genau wusste, wie vielen Menschen das helfen kann.“ Ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland nutzte 2020 TikTok, so eine Studie von Statista. Die App gehört zu einem chinesischen Konzern, ihr Markenzeichen: kurze, etwa 45 bis 60-Sekunden lange Videos.

@vikykid

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♬ Originalton - 💛 Vika 💛

Doch die 22-Jährige spricht nicht nur über Sex und Selbstliebe. Auf einer Jugendkonferenz erzählte Vika vor größerem Publikum, dass TikTok immer wieder ihre Videos sperre. Sie verstoße gegen die Richtlinien, die sich TikTok selbst auferlegt habe, heißt es. Demzufolge dürfen in den Videos keine sexuellen Handlungen, sexuelle Erregung oder Stimulation, Genitalien sowie weibliche Brustwarzen zu sehen sein. Die Richtlinien auf TikTok empfindet Vika als deutlich strenger als auf dem sozialen Medium Instagram. Dabei mag auch eine Rolle spielen, dass der Betreiber der App in China sitzt.

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Vika wird vorgeworfen, in ihren Videos nackte Personen und sexuelle Aktivitäten zu zeigen. Werden Videos mehrmals gesperrt, kann ein Profil eingeschränkt werden. Die Konsequenz: Man erreicht weniger Leute. Eine Sperrung dauert meist etwa sieben Tage an. Innerhalb dieser Zeit können keine Videos gepostet werden, Liveschalten sind nicht möglich. Im schlimmsten Fall werden Konten gelöscht. Wann Videos gesperrt werden, entscheidet ein Algorithmus. Vor dem Algorithmus hat Vika großen Respekt: „Am liebsten würde ich tatsächlich über „krassere“ Themen sprechen, wie Analsex, Vorlieben oder die Lust beim Sex.“ Da habe sie aber Angst, dass der Algorithmus ihren Inhalt nicht so gut ausspielen würde.

Zensierte Wörter erhalten Tabu aufrecht

Oft zensiert sich Vika daher selbst, verändert Begriffe wie Kondom oder Bikini indem sie Buchstaben mit Zahlen oder Zeichen ersetzt. „Alle Wörter, die erotisch interpretiert werden könnten“, erklärt sie. Doch auch dann sei sie schon gesperrt worden. Immer wieder schlage der Algorithmus sogar an, wenn sie keinerlei dieser Begriffe verwendet – und beispielsweise beige Kleidung trage oder nach dem Duschen ein Handtuch auf dem Kopf habe, weil er annehme, sie trage keine Kleidung. Abgeänderte Begriffe hingegen wie „Seggz“ statt „Sex“ oder „Vag1na“ statt „Vagina“ werden vom Algorithmus nicht erkannt und daher toleriert.

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Das sei problematisch, denn Wörter zu zensieren, erhalte das Tabu aufrecht. Gerade für Kinder und Jugendliche sei es wichtig, Körperteile mit dem richtigen Namen anzusprechen. Wörter zu verbieten, führe dazu, dass sie sexualisiert werden. Dann könnten diese Wörter nicht mehr für die Aufklärung verwendet werden, kritisiert sie. So wie Vika geht es mehreren, die in den sozialen Medien präsent sind. Ihre Freundin Noreen spricht als krmelmonsteer2 auf TikTok über Selbstliebe. Sie zeigt sich als Frau abseits des propagierten Schönheitsideals beim Tanzen, um ein Zeichen gegen den Hungerwahn und Essstörungen zu setzen. Auch sie verstößt gegen keine Richtlinien, dennoch werden ihre Videos regelmäßig gesperrt.

Lecktücher als Verhütungsmittel beim Sex mit Frauen

Das Video, in dem Vika über Verhütung beim Sex zwischen Frauen spricht, gefällt rund 39 000 Nutzerinnen und Nutzern auf TikTok, 252 haben das Video kommentiert. Auch dieses Video wurde zuerst gesperrt. So erfahren weniger Menschen, dass auch beim Oralsex mit Frauen gefährliche Krankheiten übertragen werden können. In ihrem Video empfiehlt Vika daher Lecktücher, das vor allem lesbische Frauen beim Sex benutzen.

Das Videoportal TikTok gibt es seit 2017 und gehört dem chinesischen Konzern ByteDance mit Sitz in Peking. Laut einer Studie von Statista aus 2021 nutzen mehr als drei Millionen Deutsche die App jeden Monat.

Als Influencer oder Influencerin (vom englischen ‚to influence‘, dt. beeinflussen) werden diejenigen bezeichnet, die auf sozialen Medien wie TikTok, Instagram und Co. Videos und Bilder hochladen und ihre Reichweite nutzen, um Produkte oder Lebensstile zu bewerben.

Algorithmen sind vorgefertigte Folgen von Arbeitsanweisungen, wie Probleme gelöst werden können. Während Algorithmen in Navigationsgeräten meist die kürzeste Strecke berechnen, ist der für die Richtlinien bei TikTok zuständige Algorithmus mit den Richtlinien gefüttert – und filtert heraus, wann gegen diese verstoßen wird.