Die Stadt Sindelfingen hat die Veranstaltung des gemeinsamen Fastenbrechens auf dem Marktplatz nicht genehmigt. Foto: Stefanie Schlecht/Archiv

In diesem Jahr gibt es kein gemeinsames Fastenbrechen auf dem Sindelfinger Marktplatz. Das Rathaus hätte den Veranstaltern aufgrund eines fehlenden Konzepts keine Genehmigung erteilt.

Das gemeinsame Fastenbrechen („Iftar“) am Sonntag auf dem Marktplatz ist abgesagt. Diese Entscheidung trafen die drei Veranstalter aus Islamischer Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG), Nationalem Verein Türkischer Arbeitnehmer und der zur Ditib gehörenden Sindelfinger Ulu Moschee am Dienstagvormittag. Die Stadtverwaltung hätte „aufgrund sicherheitsrechtlicher Anforderungen“ keine Genehmigung erteilt, heißt es in einer Presseerklärung der drei Organisationen des gemeinsamen Fastenbrechens. 

 

Die Stadtverwaltung erklärt auf Anfrage unserer Zeitung: „Die Stadt hat die Veranstaltung nicht untersagt und auch keine Genehmigung verweigert. Der Antragsteller hat abgesagt.“ Zum Zeitpunkt der Absage habe sich der Antrag noch im Genehmigungsverfahren befunden. Die Veranstalter hätten laut Stadt vor dem Hintergrund „örtlicher Baustellen-Rahmenbedingungen bis zum heutigen Zeitpunkt keinen Plan zur Einhaltung aller sicherheits- und verkehrsbezogenen Anforderungen“ vorgelegt. Auch wenn das Fastenbrechen von Seiten der Stadt formal nicht abgesagt wurde, betont diese: „In der beantragten Form wäre die Veranstaltung nicht genehmigungsfähig gewesen.“

Welche konkreten Sicherheitsbedenken bei der von den drei Vereinen durchgeführten Zeremonie vorgelegen haben könnten, dazu äußerte die Stadt sich nicht. Offenbar hat es im Rathaus allerdings ein Umdenken gegeben, denn noch bis 2025 waren das Iftar-Fest auf dem Marktplatz und das Internationale Straßenfest mit diesen teils vom Verfassungsschutz beobachteten Akteuren nicht als sicherheitsrelevantes Thema angesehen worden.

Veranstalter bedauern Nicht-Stattfinden

Stellvertretend für die Organisatoren erklärte Arif Dursun in einer Pressemitteilung am Dienstagvormittag: „Nach intensiven Gesprächen wurde den Veranstaltern mitgeteilt, dass das Event aufgrund sicherheitsrechtlicher Anforderungen keine Genehmigung erhalten wird. Wir respektieren die Entscheidung, auch wenn wir die Absage in Anbetracht der aktuellen öffentlichen Debatte und der langjährigen Tradition sehr bedauern.“

Am 6. März teilte die Stadtverwaltung mit, dass Stadtverwaltung, OB Markus Kleemann (CDU) und Gemeinderat nicht teilnehmen werden. In ihrer Erklärung schrieb die Stadt: „Gemeinderat und Verwaltungsleitung werden 2026 nicht an Veranstaltungen teilnehmen, die von Vereinen organisiert, beantragt oder finanziert werden oder bei denen im Programm Vereine auftreten, die vom Landes-Verfassungsschutz beobachtet werden. Dies ist bei der geplanten Veranstaltung der Fall, weshalb eine Absage der Teilnahme erfolgte.“

Markus Kleemann Foto: Stefanie Schlecht

In Baden-Württemberg werden Milli Görüş und der Nationale Verein Türkischer Arbeitnehmer in Sindelfingen vom Verfassungsschutz beobachtet. Milli Görüş wird eine islamistische und antisemitische Ideologie und damit eine Haltung gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung vorgeworfen. Im Verfassungsschutz 2024 heißt es, Milli-Görüş wolle „die westliche ‚Ordnung des Unrechts’ durch eine islamische ‚Gerechte Ordnung’ ersetzen“.

Dachverband des Sindelfinger Vereins verfolge spaltende Ideologie

Der Nationale Verein Türkischer Arbeitnehmer gilt als Teil des Dachverbands ADÜTDF als „Graue Wölfe“-Ableger. Der Verfassungsschutz schrieb im Juni 2025 auf Anfrage: „Die türkisch-rechtsextremistische ‚Ülkücü’-Ideologie propagiert einen übersteigerten Nationalismus (...). Dabei nimmt Antisemitismus eine zentrale Rolle ein.“ Auch Armenier und Kurden würden herabgewürdigt. Eine Beobachtung sei wegen der „menschenfeindlichen Ideologie“, die sich gegen „das friedliche Zusammenleben“ richte, zu rechtfertigen.

Der damalige Vereinsvorsitzende, Abdullah Ertekin, lehnte diese Auffassung gegenüber unserer Zeitung ab: „Wir weisen die Einstufung als ‚türkisch-rechtsextrem’ zurück.“ Man distanziere sich von „Extremismus, Rassismus und Nationalismus im ausgrenzenden Sinne“. Den auf Facebook gezeigten, umstrittenen Wolfsgruß bezeichnete der Ex-Vorsitzende „als Zeichen kultureller Herkunft, nicht als Ausdruck politischer oder extremistischer Gesinnung.“

Bedauern auch bei türkischstämmigem Stadtrat

Serdar Şevik, türkischstämmiger Stadtrat der Liste „Vielfalt“, sagt auf Anfrage: „Das Fastenbrechen war vor allem eine Veranstaltung der muslimischen Gemeinden in Sindelfingen und ein Zeichen der Begegnung. Deshalb halte ich es für wichtig, solche Anlässe nicht vorschnell politisch aufzuladen, sondern das Miteinander vor Ort in den Mittelpunkt zu stellen.“

Gleichzeitig könne Şevik nachvollziehen, „dass Vertreter von Gemeinderat und Stadtspitze sensibel reagieren, wenn an einer Veranstaltung Organisationen beteiligt sind, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.“ Weiter sagt der Lokalpolitiker: „Wenn die Stadt aus Sicherheitsgründen zu dem Schluss kommt, dass die Veranstaltung nicht genehmigt werden kann, muss diese Entscheidung auf einer entsprechenden Einschätzung der zuständigen Behörden beruhen.“

Aufregung um Fastenbrechen auch in 2025

Aufwallungen im Bezug auf gemeinsame Auftritte mit türkischen Nationalisten gab es vor allem im vergangenen Jahr. Im Mai war bekannt geworden, dass der damalige OB-Kandidat Max Reinhardt bei einem eigenen Fastenbrechen auch Vertreter von IGMG und dem Nationalen Verein Türkischer Arbeitnehmer einlud und trotz Absage der Rathausspitze um den ehemaligen OB Bernd Vöhringer am großen Fastenbrechen auf dem Marktplatz teilnahm. Vöhringer hatte seinerzeit nicht am Iftar teilgenommen, nachdem der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu von der Oppositionspartei CHP verhaftet worden war.

Die Stadtverwaltung lädt trotz der Absagen die Organisationen am 15. April zum Austausch ins Rathaus ein. Dazu schreibt sie: „Es ist ein wichtiges Anliegen, den Austausch mit den islamischen Vereinen zu pflegen und künftig in regelmäßigen Dialog zu treten. Dieses Treffen ist als Auftakt zu einer Reihe von Gesprächen mit Glaubensgemeinschaften gedacht. Ziel ist es, den interreligiösen Dialog zu stärken und über Fragen des Zusammenlebens im Austausch zu bleiben.“

Fastenbrechen in Sindelfingen

Großes Fest
Rund 2000 Menschen sollen 2025 auf den Marktplatz beim Iftar gekommen sein. Mehrere Hundert Ehrenamtliche bereiten die Verpflegung und den Aufbau der Bühnen vor.

Kritik
Einige Akteure werden aufgrund des Verdachts extremistischer Bestrebungen nachrichtendienstlich überwacht. Darunter Milli Görüş und der Dachverband des Nationalen Vereins Türkischer Arbeitnehmer, ADÜTDF.