Was bedeutet „des daulet mi“? Foto: StN

„Schwaben sind bekanntlich sehr sparsame Leute, und ehe sie etwas endgültig wegwerfen, wird es benützt, bis es nicht mehr funktionsfähig ist.“ Dies ist die Meinung von Leserin Christa Jung aus Stuttgart.

Stuttgart - „Schwaben sind bekanntlich sehr sparsame Leute, und ehe sie etwas endgültig wegwerfen, wird es benützt, bis es nicht mehr funktionsfähig ist.“ Dies ist die Meinung von Leserin Christa Jung aus Stuttgart. Von Kindesbeinen an ging ihr dieses Verhalten in Fleisch und Blut über, und so hat sie heute noch Probleme, „alte Wegbegleiter“ in den Altkleidersack oder zum Sperrmüll zu geben, wobei sie sich mit den Worten „des daulet mi“ weigert.

Viele Leser werden jetzt sagen: Hier stimmt etwas nicht, da muss sich ein Schreibfehler eingeschlichen haben, das Wort heißt doch „daurå“ und nicht „daulå“. Nun, sie irren sich, das Verb „daulå“ gibt es tatsächlich, und es ist ein recht geheimnisvolles Wort. Es gehört zu dem althochdeutschen „twëlan“ (ë = ä) = betäubt sein, zu dem auch „toll“ im Sinne von „wahnsinnig, tobsüchtig“ gehört, weitere Angaben aus der Vergangenheit fehlen.

Die Bedeutung, die im Grimm’schen Wörterbuch für „daulen“ geboten wird, ist sehr vielseitig, so heißt es zunächst „irre, betäubt sein“, dann aber auch „umherschweifen, hin und her laufen“ und zuletzt „betäuben, einschläfern“. Ein Zitat offenbart seine Verwendung: „wann ein rosz dawlet, so las ihm von stund an die kewadern (= Käuadern, wohl Halsschlagadern) auf beiden seiten aufschlagen“ (Seuter Roszarznei, 1599). Mit anderen Worten: das Pferd ist zu töten.

In Schwaben erfährt „daulen“ jedoch laut Grimm’schem Wörterbuch eine starke Bedeutungsänderung, denn hier bei uns versteht man darunter „Bedauern erregen“, in Fischers Schwäbischem Wörterbuch wird dies bestätigt: „er/sie/es daul(å)t mi“ heißt „tut mir leid, wird von mir bedauert“. Unter dem Substantiv „Daul/Daulen“, schwäb. Daulå, versteht man Mitleid, Zweifel, Unwillen, Zorn, Schmerz, Verstimmung, Widerwillen – „einen Daulen an etwas haben, kriegen“.

Und dies ist die Antwort auf die Anfrage von Ruth Steckroth aus Neckartailfingen, deren Mutter öfter sagte: „Da habe ich keinen Daulen dran“, weshalb sie fragt, ob das so viel heißt, wie „Keine Lust . . . kein Appetit . . . oder es ekelt mich?“. Von „daulå“ ist auch das Adjektiv „daulig“ abgeleitet, das man für „bedauernswert“ verwendet: „desch ånn dauligr Dropf“.

Nicht zu verwechseln ist daulå mit daurå im Sinne von „Leid tun, bedauern“. Dieses Wort stammt vom mittelhochdeutschen „turen“ und ist wiederum nicht zu verwechseln mit dem anderen „dauern“ (dess dauråt abr lang). Zurück zu Christa Jung: Bezogen auf ihre Hemmung, alte Gegenstände auszusortieren, lässt sich nur feststellen: „es daulåt sie“ (= sie gibt es nicht gerne weg).

Der schwäbische Spruch des Tages kommt von Steffen Kücherer aus Frickenhausen: „In einem Museum wurden alte Maschinen vorgeführt, ein Mitarbeiter war mit Öl und Staub verschmiert. Eine Bekannte sagte: ,Oh Karle, do hoscht aber a dräggets Gschäft hait, do brauchscht au a Weile hait Obed, bis de do wieder gwäschet hoscht.‘ Die Antwort kam prompt: ,Awa, wäscha! Em Bett wierscht au sauber!‘“ Schreiben Sie uns: Zentralredaktion, Postfach 10 44 52, 70039 Stuttgart, ­Stichwort: Schwäbisch, Fax: 07 11 / 72 05 - 73 09; E-Mail: land@stn.zgs.de

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