Thomas Stetter mit Gästen im Zeppelinstüble. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Beim 37. „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch sorgt Mundart-Erzähler Thomas Stetter aus Neugereut im Zeppelin­stüble des Steigenberger Hotels für Ein- und Durchblicke ganz anderer Art.

Stuttgart - Auch im Zeitalter der fortgeschrittenen Künstlichen Intelligenz können Computer noch immer nicht Schwäbisch schwätza. Jedenfalls nicht so, dass man es versteht. Eine eigentlich bestürzende Erkenntnis, die da am Donnerstagabend unvermittelt über den „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Hotel Steigenberger Graf Zeppelin hereinbricht. Wäre es anders, hätte Thomas Stetter es jedenfalls bedeutend einfacher. Der 69-jährige Neugereuter ist ein begnadeter Geschichtenerfinder und Geschichtenerzähler, der seine Texte stets in den heimischen PC hakt, bevor er sie in seinem unnachahmlichen Hauptstadt-Schwäbisch vor Klein und Groß zum Vortrag bringt. „Des muss i en Hochdeutsch neischreiba, weil sonscht lauter rote Kringel unter de Wörter schtehed“, sagt Stetter, der Gast im Zeppelinstüble ist. Damit er weiß, ob sich die Geschichte, so wie er sie in die Tastatur getippt hat, auch gut anhört, lässt er sie sich von der Sprachsteuerung seines PC mehrmals vorlesen – aber eben leider nur auf Hochdeutsch.

Rossmugga auf der Netzhaut

Warum er das so macht? Ganz einfach: Thomas Stetter ist sehbehindert. Was er von der Welt um ihn herum noch erkennen kann, „des isch“, beschreibt er den gebannt zuhörenden Stammtisch-Teilnehmern, „wie wenn mr durch a Löchle von am Knöpfle guckt“. Drum herum ist es schwarz. Stetter leidet an der Augenkrankheit Retinitis pigmentosa. „Retina ist die Netzhaut und pigmentosa, das weiß jeder, der des Schwäbischen mächtig ist, sind Rossmugga, also Flecken“, erklärt Stetter, der auch Mitglied in der Selbsthilfevereinigung Pro Retina ist, in der sich Menschen mit diesem Augenleiden bundesweit organisiert haben.

Rund 40 000 Menschen leiden an Retinitis pigmentosa

Die Degeneration der Netzhaut kann am Rand beginnen, was dann Gesichtsfeldeinschränkungen und -ausfälle zur Folge hat, oder einen Tunnelblick verursachen, wie es bei Thomas Stetter der Fall ist. An Retinitis pigmentosa leiden in Deutschland 30 000 bis 40 000 Menschen, an der Degeneration der Netzhaut bis zu sieben Millionen. Stetter hält sich die Faust vor das Auge, lässt dabei ein kleines Loch und geht in langsamen Schritten durch das Lokal: „Wenn Sie es auch mal ausprobieren wollen, machen Sie es bitte zu Hause. Sie werden mit Sicherheit danach ein paar blaue Flecken haben.“

Probefahren für Blinde mit E-Autos

2014 hat Stetter in Stuttgart-Neugereut einen Dunkelgottesdienst organisiert, bei dem alle Sehenden verdunkelnde Brillen erhielten, um sich in die Welt der Blinden besser hineinversetzen zu können. „Es muss uns gelingen, den sehenden Menschen die Augen zu öffnen“, sagt Stetter. Weil Blinde in ihrem Alltag häufig mit Problemen konfrontiert sind, für die den Sehenden mitunter der Durchblick fehlt, hat er zum Beispiel auf dem Wasen ein Probefahren für Blinde mit Elektrofahrzeugen auf die Beine gestellt. Nicht um fahren zu lernen, sondern um den Blinden ein Gefühl dafür zu geben, wie sich ein Elektroauto anhört. „Sie hören nur die Reifengeräusche auf dem Asphalt“, erklärt Stetter. Und auch mit den neuerdings kreuz und quer auf den Gehwegen abgestellten E-Scootern haben Blinde und Sehbehinderte so ihre Schwierigkeiten, weiß Stetter. „Die Roller hör i net, die Roller seh i net, ond i hab schon drei omgschmissa“, erzählt er.

Kostprobe seiner schwäbischen Erzählkunst

Eine Kostprobe seiner schwäbischen Erzählkunst hat Thomas Stetter am Donnerstagabend dann natürlich auch noch zum Besten gegeben: die Geschichte vom Schwarzen Ritter Hans, der Küchenmagd Marie, die einen hervorragenden Stinkkäse zubereiten kann, und dem Käsedieb, der seine Tat noch bitter bereuen sollte. Die ­Geschichte war eine der ersten, die er sich für seine Enkel ausgedacht hat. Ohne zu viel zu verraten: Der besagte Käse hatte zwar hervorragend geschmeckt, aber zeichnete sich auch durch eine ebenso „hervorragende Wirkung auf des menschliche Gedärm“ aus. Der Stammtisch war begeistert und wünschte anschließend allseits einen guten Appetit!

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