Auf gut Schwäbisch Die Aussprache des „ei“

Von Roland Groner 

 Foto: Grafik/Lange
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Leserin Schneck meldete sich mit den Worten: „Mit Interesse las ich Ihre Erklärung über die Aussprache des ei“.

Stuttgart - Leserin Schneck aus Stuttgart meldete sich mit den Worten: „Mit Interesse las ich Ihre Erklärung über die Aussprache des ei“ (Beitrag „Wann wird ‚ei‘ wie ‚ei‘ gesprochen?“ vom 22. 10. 12). Und sie fährt fort: „Bei uns sagt man doch auch: ‚nemsch du zu deine Spätzle oi Oi oder zwoi Oier?‘ oder ‚i han koi goziche Goiß meh em Schdall‘“, auch das Wort Oimerle fügt sie an. Unsere Leserin hat hier Wörter beigesteuert, die einer näheren Untersuchung bedürfen. Diese wird verknüpft mit einem Artikel im Grimm’schen „Wörterbuch“, der dem Doppellaut „ei“ gewidmet ist.

Die Abhandlung im „Wörterbuch“ beginnt mit dem Satz: „ei ¬- ein diphthong, in welchem uns ursprünglich geschiedne laute höchst nachtheilig zusammen rinnen.“ Gemeint ist das „ei“, das im Alt- und Mittelhochdeutschen „i“ und „ei“ geschrieben wurde, allerdings bei Wörtern unterschiedlicher Vergangenheit. Nehmen wir von oben „oi Oi“. Wer die beiden Wörter hintereinander ausspricht, bemerkt, dass õê einen von Òe abweichenden Klang besitzt. Dasselbe stellt man bei „koi Goiß“, gesprochen kõê Gòeß, fest. Diese Sprechnuance geht auf die nasale Aussprache bei õê/kõê aufgrund bzw. trotz des weggefallenen „n“ zurück. Auch das Õêmrle hat den nasalen Laut, doch alle Beispiele gehören eindeutig zum „alten ae“ trotz der nasalen Färbung.

Würden wir aber anstelle des Zahlwortes „ein“ den unbestimmten Artikel „ein“ verwenden, dann würde sich keine Umlautung zu õê ergeben, denn dieses „ein“ wird im Schwäbischen mit dem unbetonten kurzen Indifferenzlaut å gesprochen (å Buå, å Mädle). Ursache dafür ist, dass dieses „ein“ im Alt- und Mittelhochdeutschen als „in“ existierte. Dasselbe gilt für die Possessivpronomen „mein, dein, sein“, die auf „min, din, sin“ zurückgehen und somit zum „jungen ei“ zu rechnen sind. Dazu gehören auch „Schwein (swin), fein (fin), Schein (schin)“. Auch das adverbiale „ein“ in „herein, hinein, jahrein . . .“ lautet niemals „õên“. Nicht zu vergessen ist, dass das schwäbische „alte ei“ auch noch die Sprechform „òå“ aufweist: hòåß, zwòå, nõã . . .

Bei Grimm liest man: „oberdeutsche mundarten bis nach Thüringen hin geben dem aus mhd. i entspringenden ei immer noch andere aussprache als dem ei, dessen grundlage mhd. ei war.“ Und in Brechenmachers „Schwäbischer Sprachkunde“ heißt es: „Die reine hochdeutsche Aussprache lässt die Unterscheidung zwischen altem und jungem ei nicht gelten; sie verlangt gleichmäßig für alle ei die Aussprache ai (= ae)“. Die Folge davon ist, dass nach Grimm „alle dichter beide ei aufeinander reimen. nicht nur wörter und formen werden dadurch vermischt, sondern auch das gefühl der unterscheidung gieng verloren“. Der schwäbische Spruch des Tages kommt von Leserin Christa Dietz: „Wer nex erbt ond nex erwirbt, der bleibt en arma Schlucker, bis’r stirbt.“

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