Kabarettistin Sabine Essinger in der Rolle von „Baby Fleischle“, das sich über die Ausdrucksweise der Erwachsenen lustig macht Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Immer wenn man denkt, es geht nicht unterhaltsamer, kommt ein neuer Gast und zeigt dem Schwaben-Stammtisch im Zeppelinstüble, was der Dialekt noch zu bieten hat – wie jetzt die Sprach- und Verwandlungskünstlerin Sabine Essinger.

Stuttgart - „Auf em Wasa grasat Hasa, ond em Neckar gamblet Fisch . . . ond em Zeppelinstüble danzet d’Gäschte auf em Tisch!“ Zugegeben, eine leichte Übertreibung, doch besser als beim 22. „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Zeppelinstüble des Hotels Steigenberger Graf Zeppelin kann die Stimmung auf dem Volksfest eigentlich nicht sein. Zur Melodie des Schwäbisch-Klassikers „Auf em Wasa grasat Hasa“ schunkeln die Gäste am Donnerstagabend beim traditionellen Schwäbisch-Stammtisch unserer Zeitung und versprühen ungekünstelte Fröhlichkeit. „Ein wunderschöner Abend. Mir ist es vorgekommen wie in einer gemütlichen Stube. Heimatabend könnte man es nennen . . .“ wird Irmgard Abt, eine der Teilnehmerinnen, am Ende ins Gästebuch schreiben.

Die Kabarettistin spielt 15 verschiedene Rollen

Großen Anteil daran hat die Mutter des schwäbischen Kabaretts: Sabine Essinger, die seit mehr als 30 Jahren auf Kleinkunst- und anderen Bühnen des Landes auftritt – bis vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Kabarettisten Volker Körner unter dem Namen „Neue Museumsgesellschaft“. Jetzt tourt die gelernte Lehrerin solo; gelegentlich tritt sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Eckhard Grauer als Hardle & Stups auf. Tatsächlich aber ist Essinger nie allein, was an ihrer multiplen Kabarettpersönlichkeit liegt. Neben ihrer vier Oktaven umfassenden Stimme ist die Verwandlungsfähigkeit ihr Erkennungszeichen. Schon bei der Neuen Museumsgesellschaft wechselte sie die Rollen wie die Unterhosen, über die sie sich als Hausfrau Berta Fleischle in einer ihrer Lieblingsnummern auslässt: „14 Unterhosen zu zweit in einer Woche . . .“, stellt sie beim Blick auf die Wäscheleine ihrer Nachbarin erschüttert fest. „Ons langet zwoi.“

Sabine Essinger reichen nicht zwei. Aktuell bringt sie’s auf 15 (!) verschiedene Rollen. Ihre Klassiker sind die Fleischles – vom Baby über die Berta bis zur Oma. In diesen Rollen geht sie auf; sie erlauben ihr, aus unterschiedlichen Perspektiven den Kleingeist aufzuspießen. Köstlich und entlarvend, wenn sich Berta Fleischle über die „Erotik des Sparens“ auslässt, die sich in gewaschenen Ohrenstäble und „Hätsch-gern-Fonds“ äußert oder auch in dem Motto: „Verheba statt abheba.“ An anderer Stelle lässt Essinger, die zwei Seelen in ihrer Brust – die schwäbische und die badische – öffentlich miteinander streiten. Ihre Mutter stammt aus Bruchsal, ihr Vater aus Stuttgart-Häßlach. „Ordnung isch des halbe Leba“, spricht die Schwäbin in ihr. „No lebsch aber au bloß halwer“, antwortet die Badnerin.

Der Stammtisch biegt sich vor lachen

So heiter geht das weiter – bis zu der Nummer, in der Oma Fleischle strickend vor dem Publikum steht und einen schwäbischen Spruch nach dem anderen von sich gibt: „’s muss jo net emmer ebbes gschwätzt sei, wenn’s oim em Maul langweilig isch.“ Oder: „’s Leba isch koi Schleckhafa“. Oder: „Zviel isch bitter ond wenn’s Honig wär.“ Oder: „Wer nex denkt, kann au nix vergessa.“ Und dann fällt ein Spruch, der vom Verfasser dieser Zeilen hiermit zum schwäbischen Spruch des Jahres erkoren wird: „. . . wenn no dr Herrgott gsond bleibt!“ Noch nie gehört. Der Stammtisch biegt sich vor Lachen.

Zum Gelingen des Abends tragen auch die Stammtischler selbst bei. Aline Groß aus Stuttgart-Weilimdorf gibt unter Applaus die „Schwäbische Kunde“ von Ludwig Uhland zum Besten. Auswendig. Und Walter Krämer aus Leinfelden zitiert den schwäbischen Großmeister Dieter Adrion alias Johann Martin Enderle. Am Ende singt das ganze Stüble: „Widele wedele“ und das erwähnte „Auf am Wasa grasat Hasa“. Sabine Essinger, die den Abend mit Dudelsack eröffnet hat, begleitet das Finale auf dem Akkordeon. Von ihr wird weiterhin zu hören sein. „Das ist mein Leben“, sagt die 60-Jährige und verabschiedet sich augenzwinkernd, eine Kleiderstange voller Perücken und Kittelschürzen im Schlepptau.

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