Kaitlyn Dever als Rosalinde Capulet, Kyle Allen als Romeo Montague Foto: y/Moris Puccio

Der Spielfilm „Rosalinde“ auf Disney+ bereitet Shakespeares großes Liebesdrama „Romeo und Julia“ unterhaltsam für die Gegenwart auf.

Alternative Realitäten sind derzeit schwer en vogue, besonders bei den Despoten dieser Welt; alternative Fiktionen dagegen sind schon lange Teil des Kulturbetriebs, und gerade Shakespeares Werke haben viele Filmregisseure inspiriert. Das gilt besonders für „Romeo und Julia“, die Tragödie über das wahrscheinlich berühmteste Liebespaar der Weltliteratur.

 

Unvergessen, wie herzzerreißend Leonardo DiCaprio und Claire Danes in Baz Luhrmanns Adaption von 1996 die Verse von einst aufsagen in einer Popkultur-Kulisse der damaligen Gegenwart. John Madden erzählte 1998 in „Shakespeare in Love“ eine fiktive Vorgeschichte: Joseph Fiennes als William Shakespeare erlebt den inspirierenden Liebesrausch mit einer gewissen Viola de Lesseps in Gestalt von Gwyneth Paltrow.

Kaitlyn Dever treibt die Komödie voran

Nun folgt der nächste Streich, anders kann man Karen Maines woke, feministische, colourblind besetzte Farce kaum nennen. Die möchte vor allem eines: Spaß machen. Als Treibstoff dient ihr die Komödiantin Kaitlyn Dever, die ihr Talent zuletzt unter anderem in der überdrehten Highschool-Komödie „Booksmart“ (2019) ausgespielt hat.

Hier ist sie nun als resolute Rosalinde Capulet zu sehen, der Romeo Montague (Kyle Allen) den Hof macht. „Warum redest du so?“, fragt sie ihn, als er sie in Shakespeare’schen Reimen liebestrunken mit der Sonne vergleicht, während er an ihrem Balkon hängt. Sie tragen barocke Kostüme vor barocker Italienkulisse, reden sonst aber meist wie Millennials – eine Art umgekehrter Luhrmann also.

Rosalinde schlägt feministische Pflöcke ein

In den ersten fünf Minuten erklärt Maine das gesamte Setting: Die Liebenden gehören verfeindeten Familien an im Verona des Jahres 1597, niemand darf von ihrer Verbindung wissen. Zugleich stellt sie klar, dass die Kulisse nur Mittel zum Zweck ist, dass sich alles aufs Hier und Jetzt beziehen wird. Shakespeare dient ihr dazu aufzuzeigen, dass sich an den Irrungen und Wirrungen romantischer Liebe über die Jahrhunderte hinweg rein gar nichts geändert hat.

Rosalinde schlägt dann erst mal feministische Pflöcke ein: Sie wolle selbstbestimmt leben, die Welt erkunden, ins Abenteuer eintauchen, erklärt sie ihrem ratlosen Vater. Eine arrangierte Ehe lehnt sie kategorisch ab, obwohl sie mit über 20 in der damaligen Zeit schon langsam in die Nicht-mehr-Vermittelbarkeit abrutscht – bei Shakespeare ist Julia 13. Potenzielle Kandidaten, die Rosalindes Vater einlädt, vergrault sie trickreich.

Ein intriganter Verrat mit Haken und Ösen

Bei einer Bootstour mit dem schmucken Dario (Sean Teale), den Rosalinde aus Trotz gar nicht richtig unter die Lupe nimmt, gerät sie in einen Sturm – und verpasst deshalb den Maskenball der Capulets. In diesen schleicht Romeo sich ein, um mit ihr zu tanzen. Während er Rosalinde nirgends findet, trifft er auf deren jüngere Cousine Julia (Isabela Merced) und verliebt sich unsterblich. Nun inszeniert Maine einen intriganten Verrat mit allen Haken und Ösen.

Rosalinde dient sich Julia als Mentorin an und nutzt das, um deren Verbindung mit dem untreuen Romeo zu torpedieren. Dabei hilft ihr Paris, bei Shakespeare ein Nebenbuhler, hier ihr schwuler bester Freund. Trotz aller Verwerfungen, die Rosalinde anrichtet, gibt sie sich unbeirrt der Illusion hin, Romeo irgendwie zurückgewinnen zu können. Ins Grübeln bringt sie nur gelegentlich die sarkastische Amme (Minnie Driver).

Gut gemachtes Komödien-Entertainment

Das Drehbuch von Scott Neustadter und Michael H. Weber nach einem Liebesroman von Rebecca Serle folgt einer bewährten Hollywoodformel in Richtung Happy End. Das bringt vorhersehbare Wendungen, aber auch sehr amüsante.

Maine befriedigt die Sehnsucht eines Teils des Publikums nach prächtigen Roben, so unpraktisch diese auch sein mögen, wenn frau gerne alles selbst machen möchte. Den Traum vom Reiten macht sie in „Aschenbrödel“-Manier zum Vehikel für eine romantische Annäherung. Wenn Rosalinde liebesbekümmert quer auf ihrem Bett hängt, spielt ein Stehgeiger dazu „All by myself“. Die Persiflage verfängt, das ist gut gemachtes amerikanisches Komödien-Entertainment – und nur selten so albern, wie es vielleicht klingt.

Shakespeare wird auf Versatzstücke reduziert

Shakespeares mächtige Sprache reduziert der Film auf wenige Versatzstücke, die eher zur Belustigung eingestreut werden. Romeo nervt irgendwann alle nur noch mit seinem Liebesgeschwurbel und wird zum Verstummen gebracht. Man muss kein renitenter Bildungsbürger sein, um sich zu fragen, ob das ein angemessener Umgang mit einem Hauptwerk der Weltliteratur ist.

Anders als John Madden in „Shakespeare in Love“ verschenken Maine und ihre Autoren die Chance, einer jungen Generation die Kraft und die Leidenschaft der Originalverse nahezubringen. Immerhin gelingt es ihnen, zeitgenössisch interpretierte, starke Worte für die Liebe zu finden – was ja auch keine Kleinigkeit ist.

Rosalinde. USA 2022. Regie: Karen Maine. Mit Kaitlyn Dever, Kyle Allen, Minnie Driver. Auf Disney+