Insgesamt 900 Fahrzeuge stehen auf dem Areal mit nummerierten Stellplätzen. Die Besitzer können kommen und gehen, wie sie mögen.Arbeitsplatz mit ungewöhnlicher Aussicht: Jürgen Sigrist schaut auf 900 Wohnwagen. Foto: factum/Weise

Es ist ein großer Umschlagplatz: Wohnwagen werden auf dem Gelände von Jürgen Sigrist abgeholt und wieder abgestellt, vollgepackt und endgereinigt. Ihre Besitzer haben meist gute Laune, denn sie waren im Urlaub oder wollen in die Ferien.

Steinheim - Wenn Jürgen Sigrist aus seinem Bürofenster blickt, sieht er, wer kommt und wer geht. „Gerade jetzt in den Sommerferien sind viele unterwegs“, sagt der Chef des Wohnwagenabstellplatzes in Steinheim. Rund 900 Wohnwagen und Wohnmobile stehen auf dem Gelände am Rande der Stadt Richtung Murr – wenn alle da sind. Das ist meist nur im November der Fall, sagt Sigrist.

In Urlaubszeiten ist der Wechsel am größten. Manche sind am Anfang, manche in der Mitte und wieder andere am Ende der Ferien weg. „Vor und nach den Ferien gehen die Rentner mit ihren Wohnmobilen auf Reisen“, sagt Jürgen Sigrist. Nach dem Herbst ist aber keine Winterruhe angesagt. „Da gehen viele zum Skifahren und lassen ihr Wohnmobil drei, vier Monate im Montafon stehen.“

Jürgen Sigrist kennt viele der Urlaubsgewohnheiten seiner Kunden – und freut sich dran. „Der hier war zwei Jahre Richtung China und Mongolei unterwegs“, sagt er und deutet auf ein großes Wohnmobil. Ein anderer ist gern übers Wochenende weg und lässt in der Zeit sein Auto auf dem Platz stehen. Dass er Kurzurlaub macht, weiß nur Jürgen Sigrist.

Seit 1996 wird hier kein Kies mehr abgebrochen

Mit einem Wohnwagen am Rande der Kiesgrube hat in den 1980er Jahren alles angefangen – heute stehen rund 900 Fahrzeuge auf dem Gelände. Jürgen Sigrist hat – in vierter Generation – selbst noch Kies abgebaut und verkauft. Mit der Planung und dem Bau der Umgehungsstraße für Murr und Steinheim war vom Jahr 1989 an der Sand- und Kiesabbau nur noch in begrenztem Umfang möglich. 1996 wurde das Werk abgebrochen und der Abbau komplett eingestellt.

Peu à peu hat Jürgen Sigrist damals begonnen, den Abstellplatz für Wohnwagen einzurichten. In seinem Büro hängen alte Luftaufnahmen: Jahr um Jahr sind es mehr Fahrzeuge geworden, die hier abgestellt werden. Inzwischen ist jeder Platz auf den fast vier Hektar großen Gelände belegt. Wer seinen Wohnwagen hier abstellen will, kommt auf die Warteliste. „Ich bin selbst erstaunt, dass die Anlage so groß geworden und ausgebucht ist“, sagt Jürgen Sigrist beim Blick über den Platz.

Dabei hat er das Areal selbst entstehen und wachsen sehen, hat hier „zig Tonnen Schotter eingebaut, um die alte Kiesgrube verschwinden zu lassen, hat ein Verwaltungsgebäude samt Werkstatt errichtet, sanitäre Einrichtungen für die Kunden inklusive, genauso wie ein „Klo-Automat“, also eine Entsorgungsstation für die Wohnwagen-Toiletten. „Wenn die Leute nachts ankommen oder losfahren, müssen sie das nutzen können“, sagt Sigrist.

Die Leute sollen sich wohlfühlen

Und der Service wird rege genutzt. Dazu gehört auch der Waschplatz und die Werkstatt. „Mir ist wichtig, dass sich die Leute wohlfühlen.“ Besonder schön findet es Jürgen Sigrist, dass hier eigentlich alle immer gute Laune haben – „klar, die Leute gehen in den Urlaub oder kommen gerade zurück“. Er hat aber auch schon Tränen gesehen. „Wenn ein Wohnwagen mal verkauft wird, dann endet hier für die Leute eine Ära.“ Im Prinzip sei der Wohnwagenabstellplatz wie ein Dorf. „Das Fahrzeug ist eine Art Zuhause. Ansonsten: Menschen kommen, Menschen gehen, sterben, lassen sich scheiden, berichten von ihren Problemen oder erzählen einfach von einem tollen Urlaub.“

Jürgen Sigrist ist so etwas wie der Bürgermeister des Dorfes. Er kennt die Einwohner und viele ihrer Geschichten. Er wundert sich, wie schnell fünf Monate vergehen, wenn jemand lange weg war und er weiß auch, wer kein Fußball-Fan ist. Nämlich diejenigen, die in ihrem Wohnmobil nach dem rechten schauen, wenn gerade Deutschland gegen Italien spielt, berichtet der 50-Järhige augenzwinkernd. Auch an Weihnachten kommen Leute auf den Platz, „es ist eigentlich immer etwas los“.

Sigrist selbst hat keinen Wohnwagen

Er selbst hat übrigens keinen Wohnwagen, räumt Jürgen Sigrist ein. „Diese Frage wird mir oft gestellt.“ Gemeinsam mit seiner Frau zieht es ihn eher mit dem Flieger in die Ferne: Und in der Steiermark, der Heimat seiner Mutter, wartet eine Ferienwohnung auf die Familie. So zufrieden ihn der Blick aus seinem Steinheimer Bürofenster macht – „ich glaube, ich könnte an einem Campingplatz nicht abschalten“.

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