Mal Konzert, mal Lesung: Auf der Freilichtbühne Killesberg haben die Punkrocker von Itchy auch viel Musik im Programm. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Band Itchy und ihre Fans trotzen dem kühlen Wetter und verbringen auf der Freilichtbühne Killesberg einen außergewöhnlichen Abend zwischen Lesung und Konzert.

Stuttgart - Laue Sommerabende sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Dennoch strömen an einem kühlen Samstagabend einige hundert Menschen zur lauschigen Freilichtbühne auf dem Killesberg, um eine waschechte Premiere zu erleben: Die Punkrocker von Itchy feiern runden Geburtstag und stellen ihre Biografie „20 Years Down The Road“ vor. Das Buch ist eine ungemein launige, ehrliche, herrlich uneitle Bestandsaufnahme von zwei Jahrzehnten Rock‘n‘Roll-Zirkus, die Tour dazu eine Mischung aus Akustik-Show, Lesung und Anekdotengewitter.

 

Die Freude, auf einer richtigen Bühne zu stehen, ist dem Trio deutlich anzumerken. Und auch die Verblüffung darüber, das nach 20 Jahren noch machen zu dürfen. Auf unprätentiöse und dankbare Weise schildern die drei an einem Lesepult ihren Bandalltag, ihre Anfänge und ihre kuriosesten Erlebnisse. Da kommt einiges zusammen. Begleitet von reichlich entlarvendem Fotomaterial aus den Archiven, lesen und plaudern sich Sebastian Hafner, Daniel Friedl und Max Zimmer durch ihre Vita – angefangen bei Hafners Lego-Mondbahn, mit der nur er spielen durfte und Friedl lediglich zuschauen ließ. Mehr als 30 Jahre später spielen die beiden immer noch gemeinsam in einer Band. Das Trauma scheint verwunden.

Rockstar-Gehabe? Nichts für Itchy

Itchy waren schon immer mehr als eine Band. Das kommt an diesem besonderen Abend mehr zur Geltung denn je. Die Chemie zwischen den Bandmitgliedern ist eine ganz besondere, die Band ist deutlich mehr als eine Zweckgemeinschaft, die das eben macht, um Geld zu verdienen. Itchy, die übrigens nur solange Itchy Poopzkid hießen, bis man merkte, dass es mit diesem Namen vielleicht doch nicht bis zur Rente reicht, sind eine Ausnahme in deutschen Musikgeschäft. Weil sie sich überhaupt nicht, ihre Musik dafür sehr ernst nehmen. Und weil sie es nicht einsehen, bei dem ganzen Rockstar-Gehabe mitzumachen.

Dabei hätten sie allen Grund gehabt: 2007 schlagen sie bei MTV ein, werden praktisch über Nacht zu Stars. Auf dem Killesberg erzählen sie aber lieber davon, wie sie mal für die Schlagersendung „Immer wieder sonntags“ in den Europapark eingeladen wurden und da eine Vollplayback-Show inklusive Tanzeinlage mit Omis und Kindern auf die Bretter gelegt haben. Gage gab‘s keine, dafür zwei Tage freien Parkeintritt und eine Hotelübernachtung. Da musste man, so die Band, nicht lange nachdenken.

Sie ackern sich durch zwei Dekaden Punkrock-Geschichte

Das alles erzählen sie derart erfrischend und ungekünstelt, dass man eigentlich immer das Gefühl hat, man würde mit der Band im Proberaum sitzen. Itchy feiern ihre Crew, ihre Fans und ihre Freundschaft, nie aber sich selbst. Und haben natürlich auch Musik mitgebracht. Mit kleinem Besteck – Schlagzeug und akustische Gitarren – zwar, aber nicht minder kraftvoll zupackend, ackern sie sich bei ihrem ersten Quasi-Heimspiel seit mehr als drei Jahren durch zwei Dekaden schwäbische Punkrock-Geschichte.

In zwei Blöcken rekapitulieren sie Klassiker wie „The Living“, das aufrüttelnde „Why Still Bother“ oder „Down Down Down“ (mit Gesangseinlage aus dem Publikum) im neuen Gewand und haben dabei ein derart breites Grinsen im Gesicht, dass man sich fragt, wie Hafner und Friedl so überhaupt singen können. Können sie aber irgendwie. Nach zwei Stunden ist eine Show vorbei, die auf dem Papier nach einer geruhsamen Geschichte klingt. Irgendwie schaffen es Itchy aber sogar, aus einer Lesung und einem Akustikkonzert jede Menge Rock‘n‘Roll zu machen. War wirklich höchste Zeit, dass man diese drei von der Punkstelle wieder auf die Bühne lässt.