Auf den Spuren von Der Weltrekord, den die Stasi nicht wollte

Von Sven Hahn 

Der Kugelstoßer Rolf Österreich erzielte 1976 Weltrekord. Foto: Privat
Der Kugelstoßer Rolf Österreich erzielte 1976 Weltrekord. Foto: Privat

Kugelstoßer Rolf Österreich erzielte 1976 den Weltrekord, der DDR-Führung gefiel das nicht.

CHEMNITZ. Man stelle sich vor, ein Sportler schafft einen Weltrekord und keiner darf es wissen. Weil die DDR-Führung ihre Arbeit nicht anzweifeln lassen wollte, durfte der beste Kugelstoßer der Welt 1976 nicht zu den Spielen nach Montreal fahren.

Rolf Österreich war ein sogenannter Volkssportler, er gehörte einer Betriebssportgruppe (BSG) an. Nur staatlich geförderte Athleten der Sportclubs durften aber Spitzenleistungen erzielen, ins Ausland reisen und das Nationaltrikot tragen. Im Mai 1976 hielt sich Rolf Österreich nicht an diese Vorgabe und erzielte, mit der damals neuen Drehstoßtechnik, zuerst 20,74 Meter und wenige Wochen später 21,46 Meter. Damit war er die Nummer eins der DDR - obwohl es dort gerade im Kugelstoßen vor Weltklasseathleten nur so wimmelte.

Der Student wurde kurzerhand aus seiner BSG entfernt und in den Sportclub Karl-Marx-Stadt gesteckt. "Davon habe ich zuerst gar nichts erfahren", berichtet er. Jetzt war er bei großen Wettkämpfen der DDR startberechtigt und sollte am 29. Mai seine einzige Chance zur Qualifikation für die Olympischen Spiele von Montreal erhalten - 20,90 Meter waren die Norm.

"Du musst allerdings Weltrekord stoßen, wenn du Olympia erleben willst." Das forderte sein Clubchef vor dem Wettkampf. Bei 21,85 Metern lag die Bestmarke des US-Amerikaners Terry Albritton und damit knapp einen Meter über der Leistung, die für alle anderen DDR-Sportler als Olympia-Standard festgelegt wurde. "Eine Begründung hat man mir nicht gegeben", sagt Österreich, "das war damals nicht üblich."

Ein Volkssportler, der die etablierten Kaderathleten bezwingt, das durfte es nicht geben. "Dann hätten die vom Staat bezahlten Trainer mit den falschen Leuten gearbeitet", erklärt er. Doch selbst ein Weltrekord schien, für den mit 99 Kilogramm sehr leichten Kugelstoßer, möglich. Österreich wurde daher für medizinisch untauglich erklärt, sein Start so verhindert. "Drei Tage vor dem Wettkampf wurde ich über diese Entscheidung informiert", erinnert sich Österreich, "das war heftig für mich. Olympia war damit gestrichen."

Um allen zu zeigen, dass er nach Montreal zu den Spielen hätte fahren sollen, trainierte Österreich verbissen und trat am 12. September in Zschopau bei Chemnitz in den Kugelstoßring. Bei den Kreismeisterschaften stößt der 1,81 Meter große Athlet 22,11 Meter - Weltrekord und über einen Meter mehr, als die Siegerweite von Udo Beyer bei den Spielen in Montreal. 21,05 Meter reichten dort zum Sieg. Österreichs Rekord wurde später aus den Bestenlisten getilgt.

"Danach hat man mir Geld und einen Trainerjob angeboten", erzählt Rolf Österreich. Als Gegenleistung sollte der Volkssportler nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen. Der inoffizielle Weltrekordler nahm das Angebot der DDR-Funktionäre an. "Die Angst, im Gefängnis zu landen, wenn ich mich darauf nicht einlasse, hatte ich immer im Hinterkopf", erinnert er sich.

1978 nahm der inoffizielle Weltrekordler dann doch wieder das Training auf. "Ich wurde von meinem Clubchef gebeten, mich auf die Europameisterschaften in Prag vorzubereiten", sagt Österreich. Wieder erzielte er mit 21,30 Metern ein Weltklasse-Ergebnis, und wieder wurde er an der Teilnahme zur DDR-Ausscheidung für die Meisterschaften gehindert. "Du nimmst hier nicht teil", wurde ihm gesagt, als er sich neben dem Stadion in Leipzig aufwärmte - begründet wurde die Entscheidung wieder nicht. "Das war, als würde man gegen eine unsichtbar Mauer anrennen." Rolf Österreich musste zusehen, wie der EM-Titel mit 21,08 Metern wieder an Udo Beyer ging.

Heute arbeitet Rolf Österreich als Lehrer in Neukirchen bei Chemnitz. Als Trainer ist er auch noch aktiv. Zu seinen Athleten gehört unter anderen der österreichische Meister im Kugelstoßen: Martin Gratzer. Die 22,11 Meter wurden zwar mittlerweile anerkannt, in der ewigen Bestenliste des deutschen Verbands wird seine Leistung aber immer noch nur als Fußnote geführt.

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