Haben Frauen alles erreicht? Von wegen, meint unsere Autorin Lisa Welzhofer, im 110. Jahr des Frauentags ist der Kampf um Gleichberechtigung noch komplexer geworden.
Stuttgart - Menschen, die einen eigenen Tag im Jahr bekommen, haben gemeinhin ein Problem. Umso mehr, wenn es diesen Tag schon seit 110 Jahren gibt, wie das beim Weltfrauentag der Fall ist. Im Laufe der Jahre haben sich zu ihm sogar noch weitere Daten für Frauen gesellt. Zum Beispiel der Equal Pay Day oder Equal Care Day, die anmahnen, dass Frauen weniger verdienen, aber dafür mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer leisten. Ganz zu schweigen von jenen Tagen, an denen für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und gegen Genitalverstümmelungen ein Zeichen gesetzt wird. Allein diese Fülle an Tagen und das, wofür sie stehen, sollte diejenigen verstummen lassen, die allen Ernstes sagen, jetzt sei es aber langsam genug mit dem Feminismus, jetzt sollten Frauen doch bitte endlich zufrieden sein.
Dass Frauen weniger verdienen, hat viele Gründe
Klar, gerade am Weltfrauentag darf man auch mal all das aufzählen, was sich schon verändert hat. Dass Frauen in der westlichen Welt großteils selbstverständlich über ihren Weg entscheiden können, dass sie wählen, studieren, sich scheiden lassen, ein eigenes Konto eröffnen, Bundeskanzlerin und Verteidigungsministerin werden können, ist großartig. Aber es ist eben das Ergebnis eines zähen Ringens, in dem ihnen nichts, aber wirklich gar nichts freiwillig überlassen wurde. Auch daran sollte man heute denken: Gleichberechtigung passiert nämlich nicht einfach so von selbst, derzeit abzulesen am erbitterten Streit um gendergerechte Sprache.
Noch dazu sind die Problemlagen komplexer geworden. Beispiel Gehalt: Dass Frauen oft weniger verdienen hat viele Gründe. Das fängt bei den Auszeiten für Kinder und ältere Angehörige an und hört bei schlechten Löhnen für typisch weibliche Berufe auf. Wer etwas ändern will, muss sich also sowohl in die Tarifpolitik einschalten als auch für eine gleichberechtigte Aufgabenverteilung zwischen Frauen und Männern eintreten.
Der Bewerbungsroboter sortiert Frauen aus
Auch die Digitalisierung ist eine Herausforderung für all jene, die Gleichberechtigung wollen. Sie ist eine Chance, weil viele Arbeitgeber verstanden haben, dass sie auf dem Weg in digitale Geschäftsmodelle den Ideenreichtum der Frauen brauchen. Oder auch deshalb, weil das Internet neue Karrierewege (Stichwort Influencerin) für Frauen aus Milieus eröffnet, die solche Aufstiegsmöglichkeiten früher nicht hatten. Andererseits können überwiegend von Männern programmierte Computersysteme diskriminierend sein, wie etwa der Fall eines Bewerbungsroboters bei Amazon gezeigt hat, der Frauen aussortierte. Ganz zu schweigen davon, dass das Internet mittlerweile Plattform für eine frauenverachtende Männerszene ist, die zur Gewalt gegen Frauen aufruft und diese teilweise in die Tat umsetzt.
Und schließlich sind die Problemlagen von Frauen heute höchst heterogen. Denn welche Aufstiegsmöglichkeiten eine Frau heute hat, hängt weniger von ihrem Geschlecht ab, als vielmehr davon, ob sie Kinder hat oder nicht, aus welcher sozialen Schicht sie stammt und aus welchem Land ihre Vorfahren kamen. Kein Wunder laufen Feministinnen heute teilweise Gefahr, sich in Grabenkämpfen zu verlieren. Aktuell beispielsweise um die Frage, ob sie für Transfrauen mitstreiten sollen oder nicht.
Teilhabe bleibt die Kernforderung
Die Lage scheint also kompliziert, wird aber einfacher, wenn man nach Gemeinsamkeiten all dieser Herausforderungen sucht: Vieles würde sich von selbst lösen, wenn Frauen gleichberechtigt mitbestimmen könnten, wenn sie in Parlamenten, Unternehmensspitzen, Forschung und Entwicklung ihren natürlichen Platz hätten, wenn sie – zusammen mit Männern – diese Gesellschaft tragen und gestalten würden. Gleichberechtigte Teilhabe – sie bleibt deshalb die Kernforderung. Heute wie vor 110 Jahren.
lisa.welzhofer@stuttgarter-nachrichten.de