Malte (links) und Vincent verleihen dem Bild einen roten Touch. Foto: Jacqueline Fritsch

Der Auerbachkindergarten in Filderstadt setzt auf ein bestimmtes Mittel, um Kindern die Welt zu zeigen: Kunst. In verschiedenen Projekten lernen die Kinder ihre eigenen Kräfte und die der Natur kennen.

Sielmingen - Abwechselnd knien sich jeweils zwei Kinder auf den Boden und verteilen mit einem großen Spachtel Farbe auf einem fast zwei Meter langen Papier. „Welche Farbe nehmen wir als Nächstes?“, fragt die Erzieherin Nici Stolz. „Weiß“, sind sich die Kinder einig. Streng genommen keine Farbe, aber trotzdem schön.

Etwa fünf Kinder des Auerbachkindergartens machen sich jede Woche in das Begegnungszentrum „Wie“ auf und arbeiten dort künstlerisch an einem bestimmten Thema. Derzeit beschäftigen sich Vincent, Malte, Luise, Jesia und Lukas mit dem Frühling. Gemeinsam malen sie an diesem Tag ein großes Bild.

Vincent und Malte setzen sich links und rechts neben das bereits bunt angemalte Papier. Vincent hält den Spachtel mit seiner rechten Hand fest, Malte greift die andere Seite mit seiner linken Hand. „Mehr Farbe“, sagen die Jungen. Nici Stolz verteilt das Weiß dicht neben der Spachtel. Den dicken Farbstreifen ziehen Vincent und Malte nun über das ganze Papier. „Nein, es reicht nicht bis nach hinten“, sagt Vincent enttäuscht. Der weiße Streifen endet etwa in der Mitte des Bildes. „Das könnten Schneeglöckchen sein“, meint Luise und mustert das Bild ganz genau. „Nein, das ist Schnee“, entgegnet ein anderes Kind. Dass Schnee auf der Frühlingswiese nicht weit kommen kann, ist den Kindern klar. Sie wollen mit ihrem bunten Bild erreichen, dass der Frühling den Winter nun endgültig vertreibt.

Kindergarten kooperiert mit Kunstschule

Was für andere Kinder vielleicht ein einmaliger Ausflug ist, ist für die Kinder des Auerbachkindergartens Alltag. Jeden Tag toben sie sich mit Farben, Pinseln, Papier, Holz und anderen Materialien aus. „Da unser Kindergarten eine kunstpädagogische Ausrichtung hat, spielen diese Dinge eine wichtige Rolle in unserem Alltag“, sagt Stolz. Sie arbeitet nicht nur im Auerbachkindergarten, sondern ist auch Dozentin an der Kunstschule Filderstadt. „Mit Kunst kann man Kinder einfach erreichen, auch altersübergreifend“, sagt sie.

Die sogenannte Reggio-Pädagogik macht sich im Auerbachkindergarten nicht nur im Alltag bemerkbar, sie ist auch der Grund für größere Kunstprojekte. So ermöglicht es eine Kooperation mit der Kunstschule, dass eine kleine Gruppe jeden Donnerstag einen Ausflug machen darf. „Kinder gehen vorurteilsfrei an Kunst heran: Wenn Erwachsene nur Gekritzel erkennen, sehen Kinder immer etwas darin“, sagt Stolz. Sie findet es gut, dass der Kindergarten diesen Schwerpunkt setzt. „Kinder können über die Kunst ihre eigenen Kräfte spüren und ihren Körper verstehen“, sagt sie.

Schneeglöckchen oder doch Schnee?

Auch den Kindern gefällt es, wenn sie einmal in der Woche in das Wie gehen dürfen. „Es macht Spaß, weil wir hier so viel arbeiten können“, sagt Lukas. Nicht nur diese fünf Kinder profitieren von der Kooperation mit der Kunstschule. Alle sechs Wochen ist eine andere Gruppe an der Reihe. Außerdem gibt es montags noch ein anderes Projekt, an dem eine Gruppe von circa sieben Kindern beteiligt ist. „Dafür kommen jede Woche Leihomas und -opas hier her und malen mit den Kindern etwas“, erklärt Stolz. Insgesamt gehen 24 Kinder in den Auerbachkindergarten. Wer gerade an keinem Projekt teilnimmt, ist trotzdem kreativ aktiv. „Wir machen im Kindergarten jeden Tag etwas Künstlerisches“, sagt Stolz. Manchmal bringen die Kinder morgens etwas mit, das sie auf dem Weg gefunden haben. Neulich war es ein Zweig mit einer Knospe daran: „Davon inspiriert haben wir dann einen Kokon gebastelt.“

Das Frühlingsgemälde ist mittlerweile zu einer Mischung aus Braun, Grün und Weiß geworden. Wenn es getrocknet ist, wird es im Kindergarten ausgestellt. „Das ist ganz wichtig, weil die Kinder dann noch einmal Anerkennung bekommen und vielleicht mit anderen Kindern darüber ins Gespräch kommen“, sagt Stolz.

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