Der Schriftzug und das Logo des Telekomausrüsters Alcatel-Lucent in Nürnberg – der Entwicklungsstandort und der Hauptsitz Stuttgart sollen erhalten bleiben. Foto: dpa

Sparen und kein Ende: Die deutsche Alcatel-Lucent AG schließt bis Ende 2013 alle Standorte außer den Hauptsitz Stuttgart und Nürnberg. Insgesamt sollen in Deutschland 520 von 3050 Stellen wegfallen.

Stuttgart - Die Worte Sparrunde und Abfindungsprogramm gehören für die Mitarbeiter des Telekomausrüsters Alcatel-Lucent zum Grundrauschen des Berufsalltags. Erst vor wenigen Monaten hat das Unternehmen in Deutschland 354 Arbeitsplätze über Abfindungen abgebaut.

Die neue Sparrunde haben viele Beschäftigte erwartet. Dieses Mal sollen in Deutschland 520 von 3050 Stellen wegfallen. Ob das Unternehmen wieder auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten könne, sei noch nicht klar, so eine Sprecherin. Bis 2015 soll der Abbau abgeschlossen sein. Für den Geschäftsbereich Managed Service soll es eine gesonderte Lösung geben.

Der deutsche Hauptsitz des Unternehmens liegt in Stuttgart. Dort sind 1400 Mitarbeiter beschäftigt. Wie viele von ihnen von der Sparrunde betroffen sind, ist unklar. Weitere 500 Menschen arbeiten in Nürnberg. Die Standorte Berlin, Bonn, Hannover, München und Neu-Isenburg sollen bis Dezember 2013 geschlossen werden. Die Mitarbeiter sollen bestenfalls an anderen Standorten unterkommen. Dies wurde 2012 beschlossen. In einer Mail an die Mitarbeiter bekannte sich die Pariser Firmenzentrale jedoch grundsätzlich zu Deutschland als Forschungs- und Entwicklungsstandort. Global sollen die zentralen Ressourcen auf halb so viele Standorte verteilt werden wie bisher, hieß es aus der Konzernzentrale. Man wolle sich künftig auf Lösungen für IP- und Cloud-Netze sowie Breitbandzugangstechnik für Fest- und Mobilfunknetze konzentrieren. Weltweit will Alcatel-Lucent 10 000 Stellen streichen. Allein in Europa, Nahost und Afrika sollen 4100 Arbeitsplätze wegfallen. Im asiatisch-pazifischen Raum sind 3800 und auf dem amerikanischen Kontinent 2100 Stellen von den Plänen betroffen. Nach Gewerkschaftsangaben sind vor allem Jobs in den Bereichen Service, Verwaltung und Vertrieb gefährdet.

Einschnitte dürften Haus zunächst 1,2 Milliarden Euro kosten

Der Arbeitsplatzabbau ist Teil eines Projekts, mit dem Alcatel-Lucent seine Fixkosten bis Ende 2015 um mindestens eine Milliarde Euro – beziehungsweise mehr als 15 Prozent – senken will. Nach Informationen der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ sollen von der Restrukturierung insgesamt 15 000 Personen betroffen sein. Demnach ist allerdings auch geplant, rund 5000 neue Jobs zu schaffen. Es gehe darum, die industrielle Zukunft des Unternehmens dauerhaft zu sichern, kommentierte der seit April amtierende Chef Michel Combes. Dafür seien „schwierige Entscheidungen“ notwendig. Die Einschnitte dürften sein Haus zunächst 1,2 Milliarden Euro kosten. Gewerkschaftsvertretern zufolge will Combes im Stammsitzland Frankreich die Standorte Toulouse und Rennes komplett schließen. Drei weitere sollen verkauft werden. Frankreichs Industrieminister ­Arnaud Montebourg nannte die Pläne in einer ersten Stellungnahme übertrieben. Man habe die Unternehmensführung zu einer Überarbeitung beziehungsweise ­Reduzierung aufgefordert, sagte er in der Nationalversammlung.

Alcatel-Lucent war im vergangenen Jahr wegen des scharfen Konkurrenzkampfs, der Krise in Europa und einer Milliardenabschreibung wieder einmal tief in die roten Zahlen gestürzt. Unter dem Strich stand ein Minus von 1,37 Milliarden Euro. Allein im ersten Halbjahr 2013 kamen nun noch einmal 1,24 Milliarden Euro Verlust hinzu.

Einen Gewinn hatte der Konkurrent von Ericsson und Nokia Solutions and Networks nur 2011 erzielt. Zwischen 2007 und 2010 häufte das Unternehmen Verluste von 9,5 Milliarden Euro an. Es war 2006 durch den Zusammenschluss des US-Konzerns Alcatel mit dem französischen Wettbewerber Lucent entstanden. Mit rund 72 000 Mitarbeitern und Standorten in mehr als 130 Ländern ist Alcatel-Lucent weltweit vertreten.

Investitionen in Netztechnik der neuesten Generation nach oben schrauben

Der Konzern bietet Telekommunikations- und Netzwerkausrüstung für Telekommunikationsnetzbetreiber, Internetdienstanbieter sowie Unternehmen und öffentliche Einrichtungen.

Besonders der Kostendruck durch asiatische Hersteller macht den Ausrüstern von Telekommunikationsunternehmen zu schaffen. Konzerne wie Huawei und ZTE, die beide ihren Hauptsitz in Shenzhen (China) haben, gewinnen mit Niedrigpreisen Marktanteile. Aus der Europäischen Union mussten sich die Chinesen deswegen bereits Dumpingvorwürfe anhören, in den USA gelten sie teilweise gar als Sicherheitsrisiko.

Zudem gilt die Kundschaft der Netzbetreiber rund um die Welt als äußerst sparsam. Die kanadische Nortel war 2009 dem Druck nicht mehr gewachsen – und musste schließlich Insolvenz anmelden. Um wieder Tritt zu fassen, will Combes die Investitionen in die Netztechnik der neuesten Generation nach oben schrauben. Rund 85 Prozent des Entwicklungsbudgets würden in Zukunftstechnologien gepumpt, die Ausgaben für ältere Technik würden um 60 Prozent gekürzt, kündigte er an.