Lügen ist eine wichtige soziale Fähigkeit, die man von Kindesbeinen an erlernt Foto: Fotolia

Die Menschen können oft nicht anders: Sie lügen um zu überleben – und das von klein auf. Das Lügen wird erlernt und gehört – entwicklungspsychologisch gesehen – zu den wichtigen sozialen Fähigkeiten.

Stuttgart - Die Frage, was der Mensch sei, gehört zu den schwierigsten überhaupt. Ein Christ würde sagen, der Mensch sei das Ebenbild Gottes, womit man es sich ein bisschen einfach macht. Der griechische Philosoph Aristoteles wurde da schon konkreter und beschrieb ihn als Vernunftwesen, was ihn vom Tier unterscheidet.

Aristoteles hätte anders geurteilt, hätte er mal einen Nachmittag lang durchs deutsche Fernsehprogramm gezappt. Für einen Biologen wiederum ist der gemeine Couchbewohner ein Homo sapiens: ein Säugetier aus der Ordnung der Primaten; er gehört zur Unterordnung der Trockennasenaffen und dort zur Familie der Menschenaffen. Das klingt wenig schmeichelhaft. Und für andere, die nicht nur RTL, sondern ihr Leben im Besonderen, den Alltag und ihre Mitmenschen ­jahre- und jahrzehntelang beobachten und erdulden müssen, ist der Mensch vor allem eins: ein Lügner.

„Ihr sollt nicht lügen“, lautet das achte Gebot

Zweifellos ist die Einsicht ein vernichtendes moralisches Selbsturteil. Doch niemand, außer einem Lügner, wird hier widersprechen. Die Binsenweisheit hätte man allerdings in der Bibel nachschlagen können. „Omnis homo mendax“, heißt es in einem Psalm – „alle Menschen sind Lügner“, ­womit man nun auch das achte Gebot im 2. Buch Mose endlich besser versteht. „Ihr sollt nicht lügen . . .!“

Doch was, wenn der Mensch bereits als Lügner geboren wird? Das wäre ein Art ­moralischer Passierschein. Betrüger könnten vor Gericht auf mildernde Umstände pochen. Steuerhinterziehung wäre ein genetisches, kein strafrechtliches Problem mehr. Wie so vieles, was wie eine sensationelle ­Erkenntnis anmutet, haben auch diesbezüglich Hirnforscher ihre Finger im Spiel gehabt. Vor acht Jahren wurden die Ergebnisse einer kalifornischen Studie bekannt, wonach Lügner im Durchschnitt 22 Prozent mehr weiße Gehirnsubstanz in den Stirnlappen der Großhirnrinde haben. Diese Substanz, heißt es, vernetze das Gehirn und scheint eine Veranlagung zum Lügen zu begünstigen. Kurzum: Lügner können nicht anders. Der Mensch denkt, die Biologie lenkt.

Wie Kinder das Lügen erlernen

Die Wahrheit ist natürlich weniger spektakulär, auch weil das menschliche Gehirn im Lauf des Lebens wächst und sich entwickelt. Das Lügen wird erlernt und gehört – entwicklungspsychologisch gesehen – zu den wichtigen sozialen Fähigkeiten. Wenn Kinder mit dem Lügen beginnen, beweisen sie ihre soziale Intelligenz. Meist bis ins Schulalter hinein kann das Kind zwischen dem, was es tatsächlich sieht und hört, und dem, was es darunter versteht oder dabei vermutet, nur schwer unterscheiden. Da vermischen sich Fantasie und Wahrnehmung mit der Realität. Ungefähr vom vierten Lebensjahr an erkennen Kinder, dass ­andere Menschen anders denken, anderes wissen, möglicherweise etwas verbergen. Etwas später lernen sie vor allem von ­Erwachsenen, wie man mit falschen Informationen andere täuscht. Wichtig ist, dass Kinder beim Lügen ertappt werden, dass ­ihnen ihr Vergehen verdeutlicht wird.

Eltern, Erzieher und Lehrer haben es ­deshalb nicht leicht. Sie müssen ihren Kindern die Lüge austreiben. Sie sagen: Mit der Lüge kam das Chaos in die Welt. Ordnung muss sein. Und Ordnung, das ist Wahrheit, Ehrlichkeit, Vertrauen.

Eine nette Vorstellung. Ob die Welt wirklich besser wäre, wenn niemand mehr lügen würde, weiß kein Mensch. Immer wieder liest man, so ein erwachsener Durchschnittsbürger sage gut und gern 200-mal am Tag die Unwahrheit, doch ein seriöser ­Beleg für diese herumschwirrende Zahl ­findet sich nirgendwo.

Wie man sich durch den Tag lügt

Eines ist aber gewiss: Mit dem Lügen beginnen die meisten schon recht früh am Tag, ohne es sich bewusst machen zu wollen, selbst diejenigen, die sich in moralischer Hinsicht auf der sicheren Seite wähnen. Schon die Begrüßung beim Bäcker oder am Arbeitsplatz ist selten ehrlich gemeint, folgt kaum der Maxime „Sag nicht etwas, was du für falsch hältst!“, was die meisten in der Kindheit verinnerlicht haben. Wer der unsympathischen Angestellten in der Bäckerei oder dem verhassten Arbeitskollegen einfach so einen „Schönen guten Morgen“ wünscht, ist darum kein höflicher Zeit­genosse, sondern wahrscheinlich ein ganz normaler Lügner. Entscheidend ist nicht, ob die eigentlich freundliche Aussage wahr oder falsch ist, sondern vielmehr, inwiefern die Absicht des Sprechers der Wahrheit entspricht. Und mal Hand aufs Herz: Wer wünscht dem nervenden Nachbarn, der maulfaulen Kassiererin oder dem mobbenden Vorgesetzten tatsächlich einen der­maßen schönen Tag? Eben.

Anders als die bekanntesten griechischen Philosophen definiert der spätantike Kirchenlehrer, Bischof und Philosoph Augustinus die Lüge als eine Aussage mit dem ­Willen, Falsches in die Welt zu setzen. Ein Satz muss nicht mit der Realität übereinstimmen, dafür mit dem, was die Person denkt, vielleicht sogar fühlt. Doch wer lediglich das sagt, was er denkt, wird zumindest in der abendländischen Gesellschaft nicht weit kommen. Dass das soziale Miteinander überhaupt gelingt, ist ein Wunder. Oder ­ge­nauer: Es ist das Ergebnis zahlloser unehr­licher Konventionen und Floskeln, die mittels Sprache mehr verbergen als offenbaren.

Was Politiker, Philosophen und Politiker über die Lüge sagen

Dem Staatsmann Talleyrand, dem Außenminister Napoleons, wird der kluge Aphorismus zugeschrieben, die Sprache sei dem Menschen gegeben, damit er seine Gedanken verhüllen kann. Talleyrand war Politiker: also selbst ein professioneller Lügner.

Ähnlich dachte auch Hermann Kesten, ein engagierter Schriftsteller der jungen Bundesrepublik. In einem Essay schreibt Kesten: „Es gibt ganze Berufe, von denen das Volk von vornherein annimmt, sie zwängen ihre Vertreter zur Lüge, zum Beispiel Theologen, Politiker, Huren, Diplomaten, Dichter, ­Journalisten, Advokaten, Künstler, Schauspieler, Banknotenfälscher, Börsenmakler, Lebensmittelfabrikanten, Richter, Ärzte, Gigolos, Generäle, Köche, Weinhändler.“ Man beachte die Verve, mit der er Theologen und ­Huren in einem Atemzug zu nennen.

Alle lügen, aber nicht alle lügen auf dieselbe Weise. Die meisten belügen ihr Leben lang sich selbst oder ihre Nächsten. Die Wahrheit ist – seien wir doch wenigstens ­einmal ehrlich – kaum auszuhalten. Und es existieren tatsächlich auch Menschen, die nicht anders können. Krankhafte Lügner (Pseudologen) haben zumeist ein übersteigertes Geltungsbedürfnis.

Lüge und Moral

Zum moralphilosophischen Diskurs gehört auch die Frage, ob es gute Lügen gibt. Sogenannte Notlügen, mit denen man beispielsweise sich oder andere vor Unheil schützt oder dem Allgemeinwohl dient. Journalisten oder Polizisten setzen während ihrer Recherchen und Ermittlungen nicht selten verdächtige Menschen mit unwahren Behauptungen unter Druck, um an die Wahrheit zu gelangen. Sie bluffen wie beim Poker, was jeder gute Lügner können muss.

Wer im Dritten Reich Juden vor den ­Nazis schützte oder versteckt hatte, um sie zu retten, musste lügen, dass sich die Balken bogen. Man folgte dem Kompass der inneren Wahrheit, dem humanistischen Gebot. Dem Prinzip der Staatsräson gehorchend sind ­hohe Beamte, Politiker oder Diplomaten ebenfalls zum Schweigen verpflichtet.

Wer hingegen die Wahrheit hinausposaunt und dem Ansehen seines Landes oder Arbeitgebers schadet, wird als Nest­beschmutzer beschimpft, was man an der Abhöraffäre um den früheren Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes, Edward Snowden, schön beobachten kann. Ein moralisches Dilemma. Sogenannte Whistleblower sind Verräter von Dienstgeheimnissen, die manchmal nicht mehr länger lügen wollen oder können und schließlich an die Öffentlichkeit gehen. Häufig werden sie für ihre Ehrlichkeit geächtet, so wie der Überläufer Edward Snowden gerade in seiner Heimat von vielen Republikanern, die auf die Bibel schwören. Offensichtlich sticht aber in diesem Fall die patriotische Karte. Anstatt Whistleblower als Helden der Aufrichtigkeit zu feiern, beschimpft man sie als ­De­nunzianten. Die Wahrheit liegt in der Hand der Macht, lautet der Vorwurf. Und die Moral der Geschichte? Wie erklären Eltern diese Doppelmoral ihren Kindern?

Lüge und bürgerliche Gesellschaft

Als Kulturpessimist könnte man den ­Eindruck gewinnen, dass die bürgerliche Gesellschaft den Einzelnen zur Heuchelei erzieht. Die Generation der 68er war es schließlich, die – mit dem Sozialphilosophen Jürgen Habermas gesprochen – einen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ einforderte, um allen Klassen eine Teilhabe an den öffentlichen Entscheidungen und ­Debatten zu ermöglichen. Das Private sei politisch, hieß es. Bis heute kämpfen viele um einen ehrlichen, herrschaftsfreien Diskurs, gelten Transparenz und Mitbestimmung als Gegenbegriffe zu Verlogenheit und Untertanengeist. Ein zäher Kampf.

Doch alle der Heuchelei zu bezichtigen wäre zu naiv gedacht. Jede demokratische Gesellschaft handelt letztlich aus, was eine gute, noch erlaubte oder eine schlechte, strafbare Lüge ist.

Zum anderen gehören zu einer guten Lüge immer noch zwei: ein ­Lügner und der Belogene. Außerdem wollen Menschen belogen werden. Was wäre das Leben wert ohne die Illusion, ohne die wunderbaren Lügen der Dichter und Schauspieler, der Künstler? Was wäre ein gutes Gespräch ohne ein wenig Ironie und Falschspielerei? Genau das: todlangweilig.