Auch Upcycling ist ein großes Thema in den Bastelbüchern. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Selbermachen liegt voll im Trend und darüber freuen sich auch die Verlage: Das Angebot an Ratgebern mit Tipps für Bastler ist immens. Der Frechverlag aus Stuttgart ist Marktführer in Deutschland.

Stuttgart - Schöne, kunstvolle Buchstaben zeichnen, das liegt im Trend – und das, obwohl jeder noch so Ungelenke Einladungskarten oder Beschriftungen am PC gestalten und ausdrucken kann. Aber Handlettering – so nennt sich Schönschreiben jetzt – ist anders: authentisch und selbst gemacht. Damit ist es charakteristisch für den Do-it-Yourself-Boom. Matschen, kneten, schreinern, sticheln, stricken, schneidern, kleben ist in. Damit verbringen zunehmend mehr Menschen ihren Feierabend, denn sie wollen Originalität statt Konfektion, Individualität statt Massenware und die selbst gemachte Marmelade als Mitbringsel ist längst gesellschaftsfähig geworden, denn sie ist geschenkte Zeit.

Selbst gebauter Katzenkratzbaum

Ob den Bastlern tatsächlich der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen am Herzen liegt, ob hinter dem Eigenbau eines Katzenkratzbaumes und dem Schneidern eines Rockes ein Gegenmodell zur Globalisierung stecken mag, wie das Phänomen soziologisch erklärt wird, sei dahingestellt. Sicher jedoch ist: Basteln macht glücklich. Was in den 1950ern schiere Notwendigkeit war, ist heute Luxus.

Alles kommt wieder

„Die Zeit dafür stehle ich mir“, gesteht Ulrike Preuß, bekennende Selbermacherin in unterschiedlichen Disziplinen von Gärtnern bis zum Knüpfen feinster Occhi-Spitzen. Insofern hat sie einen Traumjob, denn sie leitet die Bastelbuchabteilung bei Wittwer und die wächst und wächst. „Es ist unglaublich, was man machen kann“, staunt sie selbst: Die Persiflage auf den röhrenden Hirsch aus dem abgelegten Stadtplan, der Blumenkübel selbst gegossen aus Beton, die geräumige Tasche aus Tafelstoff, auf den sich der Einkaufszettel schreiben lässt und selbst die berüchtigte Makramee-Blumenampel oder die kitschigen Steinmännchen sind wieder da. Aber in modernem Gewand und anders als früher, schön anzusehen. „Alles kommt wieder“, stellt die Buchhändlerin fest. Aber es ist nicht mehr altbacken, sondern urban. Genauso wie basteln nichts Zopfiges mehr an sich hat.

Marktführer aus Stuttgart

Das Angebot an Ratgebern ist immens, die Konkurrenz unter den Verlagen groß und das Reservoir an Ideen scheinen grenzenlos. „Seit fünf Jahren beobachten wir den Trend“, sagt Annita Bauer vom Frechverlag mit Sitz in Weilimdorf. Allein er hat 900 Titel zum Thema im Programm und jedes Jahr kommen 200 neue hinzu. Damit ist der Stuttgarter Verlag in Deutschland Marktführer bei den Bastelbüchern. Die Zielgruppe ist klar definiert: weiblich und 20 plus, den auch junge Frauen beugen sich in ihrer Freizeit über den Stoff und sticken Kreuz-und Knötchenstich oder haben ihre Leidenschaft fürs aufwendige kreative Backen entdeckt.

Lebensmittel selber machen

Der Ulmer Verlag mit Sitz in Plieningen ist traditionell auf Naturthemen und Tipps für den Hobbygärtner spezialisiert. „Jetzt aber ist das Selbstmachen von Lebensmitteln ein ganz starker Trend“, weiß der Programmleiter Volker Hühn. Im Angebot sind Anleitungen vor allem für die fortgeschrittenen Selbstversorger: Fisch räuchern, Kraut fermentieren oder die eigene Käseherstellung. Auch das Dörren von Wassermelonenchips, das Brauen von Rhabarberlikör oder Schwarzbierbrot ist angesagt – und wer ganz urig sein will, braut das Bier auch gleich noch selbst.

Zeitschrift voller Anleitungen

Wie sehr stark der Drang zum selbst Produzierten ist, macht auch der Erfolg des Kreativmagagzin D.I.Y – Do It Yourself deutlich. Der ebenfalls in Stuttgart ansässige Panini-Verlag brachte es zusammen mit dem Frechverlag im Herbst 2014 auf den Markt. Alle zwei Monate erscheint das 100 Seiten-Heft, das gefüllt ist mit Kreativ-Anleitungen jeweils passend für die Jahreszeit: Osterhühner aus Pappmaschee, Stricktipps für warme Socken oder Seifensieden aus Buttermilch. „Viele schnelle kleine Sachen haben wir im Heft“, erklärt Chefredakteurin Annita Bottoni das Konzept von D.I.Y., dem fünften Produkt in der Panini-Zeitschriftenreihe, die sich dem Selbermachen und dem Landleben widmet.

Die Kinder machen mit

Wenn die Eltern brauen, nähen und schreinern, regt das die Kinder ebenfalls zum Werkeln an. Da setzt der Kosmos-Verlag in der Alexanderstraße an und hebt die positiven pädagogischen Effekte des gemeinsamen Bastelns hervor: Teamgeist, Improvisationsfähigkeit und Training der Motorik. Einer der Kassenschlager sind die „Alleskönnerkisten“ zum Beispiel fürs Schnitzen – inklusive Messer, berichtet Verlagssprecherin Chanel Volkmar.

Buch ist geeigneter als Tablet

Eine Kundin stöbert auf der Suche nach neuen Anregungen regelmäßig bei Wittwer in den Bastelbücherregalen. Etliche Patchworkdecken hat sie genäht und auch einen Hocker aus Beton für den Garten hat sie schon gegossen. „Ich verschenke auch Selbstgemachtes. Aber nur an Leute, die es auch zu schätzen wissen“, sagt sie. Und Ulrike Preuß hat für den Boom bei den Kreativ-Büchern und Zeitschriften eine simple Erklärung: Zwar gibt es im Internet Anleitungen für alle Lebenslagen und alle Hobbies. „Aber für längere Aktionen taugen Tablet oder Handy nicht, denn die schalten sich nach einiger Zeit ab.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: