Walking Piano im Hauptbahnhof Stuttgart Vierfüßiges Klavierspiel fasziniert Reisende

Von Cedric Rehman 

Zwei Künstler stellen im Hauptbahnhof einen begehbaren Synthesizer auf. Reisende können auf ihm mit den Füßen Melodien erzeugen. Ein Spiel, das gegen Hektik und Stress wirkt.

Dennis Volk wirbelt seine Partnerin Leslie Lynn auf dem Walking Piano umher. Die beiden treten mit dem Fußbodenklavier in Deutschland und im Ausland auf.Foto: Cedric Rehman

S-Mitte - Manchmal ist es wirklich nützlich, eine Reise frühzeitig anzutreten. Die Mutter Grita von Schrottenberg wollte mit ihren Kindern gemütlich in den Urlaub starten, erzählt sie. Nun versuchen ihre Kinder und sie sich dabei, einer auf dem Boden des Stuttgarter Hauptbahnhofs ausgebreiteten Kunststoffmatte mit aufgedruckten Klaviertasten Töne zu entlocken. Die Matte ist nicht nur ein Stück Plastik. Es handelt sich um einen begehbaren Synthesizer, den zwei Künstler aus Norddeutschland vor einem Jahr aus den USA importiert haben.

Er liegt im Auftrag des Bahnhofs in der Nähe des Nordeingangs zwei Tage lang aus. Jeder, der will, kann auf dem sogenannten Walking Piano Musik machen. Viel schief gehen, könne nicht, erklärt der Pianospieler Dennis Volk. Er betreibt den Synthesizer gemeinsam mit der Tänzerin Leslie Lynn. „Die Tasten leuchten und zeigen, wo man hintreten muss, damit der Ton der Melodie getroffen wird“, sagt er.

Die Tasten leuchten auf

Grita von Schrottenberg versucht sich gerade an Ludwig van Beethovens „Für Elise“. Den Blick richtet sie auf die Tastatur. Leuchtet eine der Tasten auf, setzt sie einen Fuß dahin. Sportlich sieht das aus. Dann darf die Tochter sich wieder versuchen. „Ich finde es schön, Musik und Licht zu verbinden und meine Kinder sind begeistert“, meint die Mutter. Sie selbst wirkt auch ausgelassen. So, als hätte der Urlaub bereits in der Bahnhofshalle begonnen.

Klavierspieler Volk findet es spannend, mit dem Walking Piano im Hauptbahnhof der Landeshauptstadt aufzutreten. „Wir brechen hier eine schon ziemlich hektische Stimmung auf und sorgen dafür, dass sie sich ein Stück weit auflöst“, sagt Volk. Tatsächlich versammeln sich Dutzende Reisende als Volk und seine Partnerin Lynn selbst auf das Walking Piano treten.

Künstler treten mehrmals auf

Beide spielen mit ihren Füßen bei einem 20-minütigen Auftritt verschiedene Stücke auf dem Synthesizer. Johann Sebastian Bachs „Toccata“ ist dabei, aber auch das Stück: „Comptine d’un autre été : L’après-midi“ aus dem Film: „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Vier mal am Tag treten sie im Bahnhof vor das Publikum, um ihm Lust zu machen auf eigene Musikexperimente.

Langsame Stücke seien für ihn und Lynn anstrengender als schnelle, meint Dennis Volk. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. „So eine Show ist schon echter Hochleistungssport“, meint er.

Das Piano kommt aus den USA

Seit einem Jahr touren die beiden Norddeutschen mit dem Synthesizer durch Deutschland und andere Länder. Das Walking Piano sei das einzige seiner Art in Europa, meint Volk. In den USA wurde der mit den Füßen bespielbare Synthesizer durch den Film „Big“ aus dem Jahr 1988 bekannt. Tom Hanks spielte dabei die erwachsene Version eines 13-Jährigen, den ein magischer Spielautomat auf einem Volksfest 17 Jahre älter macht. Eine der berühmtesten Szenen des Films ist eine Tanzeinlage Hanks auf einem baugleichen Walking Piano in einem New Yorker Spielwarengeschäft. Volk erzählt, dass der Film ihn und Lynn auf die Idee gebracht habe, ein solches Instrument nach Europa einzuführen. Ganz leicht und nicht ganz billig sei das gewesen, berichtet er. Ein halbes Jahr hätten sie üben müssen, um Tanz und Musik zu gekonnten Auftritten zu verbinden, erzählt er. Die beiden Künstler haben aus dem vier- oder auch mehrfüßigen Pianospiel eine Geschäftsidee gemacht. Sie werden für Veranstaltungen gebucht oder eben auch von Bahnhöfen und Einkaufszentren.

Im Stuttgarter Hauptbahnhof spielen sie mit ihren Füßen übrigens auch die Melodie, die Tom Hanks und Robert Loggia in „Big“ auf dem Fußbodenklavier in einem Spielwarengeschäft getanzt haben: „Heart and Soul“. Das Publikum im Bahnhof schaut gebannt zu. Es scheint, mit Herz und Seele dabei zu sein.