In dem Belgier Abdelhamid Abaaoud vermuten französische Fahnder den Hintermann der Anschläge von Paris. Foto: Militant Website

Der Belgier Abdelhamid Abaaoud ist in den Reihen der Terrororganisation Islamischer Staat aufgestiegen: Er lockte seinen 13-jährigen Bruder in den Heiligen Krieg und ist international bestens vernetzt.

Verviers - Die Dunkelheit hatte sich über Belgien gesenkt, als Elitepolizisten durch die Stadt Verviers schlichen. Über die Läufe ihrer Maschinenpistolen und Gewehre spähten sie in Fenster und auf Türen der Häuser in der Rue de Collines. Das Ziel des Spezialeinsatzkommandos: das graue Sandsteinhaus mit der Hausnummer 16. In einem der drei 200 Jahre alten Stockwerke, so waren sich Ermittler sicher, bereiteten drei bis an die Zähne bewaffnete Islamisten ein Attentat vor: ein Teil einer zehn Dschihadisten umfassenden Zelle. Seit Wochen observierten Geheimdienstler und Polizisten das Terrorkommando im Januar 2015 schon. Lauschten bei dessen Telefongesprächen. Lasen dessen E-Mails mit. Wenige Tage zuvor hatten in Paris drei Terroristen das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ angegriffen, elf Menschen getötet und zwölf verletzt.

In Verviers geriet die Festnahme zu einem Fiasko: Gegen 18 Uhr entdeckten die Terroristen das anrückende Polizeikommando und schossen auf die Polizisten. Es folgte das längste und schwerste Feuergefecht nach dem Zweiten Weltkrieg in Belgien. An dessen Ende waren die beiden Islamisten Sofiane Amghar und Khalid Ben Larbi tot, ihr Komplize Morouane el-Bali wurde festgenommen. Fahnder entdeckten ein prall gefülltes Waffen-und Sprengstofflager und vor allem die kleine Kamera, mit der offenbar das Attentat gefilmt werden sollte.

Auf den dort abgespeicherten Bildern war immer wieder ein Mann zu sehen: Abdelhamid Abaaoud. Belgischer Staatsbürger, Sohn marokkanischer Eltern, die 1975 nach Europa gekommen waren. Das Ehepaar ließ sich im Brüsseler Vorort Molenbeek nieder. Ein Problemviertel, in dem Verbrechen und Gewalt herrschen und fanatisierte Rattenfänger auf der Suche nach Beute für ihren Heiligen Krieg im Namen Allahs sind.

Im Konflikt mit dem Gesetz, radikalisiert im Gefängnis

Hier wuchs Abdelhamid auf. Mit fünf Geschwistern. Er selbst gerät irgendwann um 2011 mit dem Gesetz in Konflikt: Diebstahl, Einbrüche, leichte Körperverletzung. 2012 saß er wegen Diebstahls im Brüsseler Gefängnis Saint Gilles ein. Hier, das geht aus seinem inzwischen gelöschten Facebook-Profil hervor, radikalisierte er sich.

Ende 2013, Anfang 2014 reiste Abdelhamid nach Syrien, um für die Terroristen des Islamischen Staates (IS) zu kämpfen. Seinen 13 Jahre alten Bruder Younis lockte er wenig später in die Levante, drückte ihm ein Kalaschnikow-Sturmgewehr in die Hand und steckte ihn in eine der sandfarben gemusterten Tarnuniformen, die die Kämpfer des IS tragen: einer der jüngsten bislang bekannten ausländischen Kämpfer im IS.

Zum Jahresende 2014 muss Abdelhamid Abaaoud zurück nach Belgien gekehrt sein, um in Verviers einen Terroranschlag in Belgien vorzubereiten. Kurz zuvor hatten seine Eltern die Nachricht erhalten, er sei auf den Schlachtfeldern Syriens gestorben. Eine Finte, wie sich herausstellte: So wurde ­Abaaouds Wiedereinreise nach Europa getarnt. Weil er nicht in dem Jugendstilhaus in der Rue de Collines war, konnte er während der Kommandooperation belgischer Spezialkräfte wieder nach Syrien fliehen.

Französische Ermittler stoßen auf Abaaouds Spur

Jetzt stießen französische Ermittler auf Abdelhamid Abaaoud: als sie Spuren des Massakers auswerteten, mit dem mindestens acht Terroristen Paris am vergangenen Wochenende überzogen. Die Mörderbande telefonierte offenbar mit Abaaoud. Der 27-jährige – so glauben die Fahnder – soll der Drahtzieher des Blutbads gewesen sein.

In den Reihen des IS hat es Abbaoud weit gebracht: Kurz nach der Polizeiaktion in Verviers in diesem Januar erschien im IS-eigenen Online-Magazin „Dabiq“ ein Interview mit „Abu Umar al-Baljiki“, Bruder Omar dem Belgier. Er sei nach Belgien gereist, prahlte Abaaoud vor seinen Stichwortgebern, „um die Kreuzzügler zu terrorisieren, die Krieg gegen die Muslime führen“. Er sei dank Allahs Hilfe wieder nach Syrien zurückgekehrt – auch wenn ihm griechische Fahnder sehr nahe gekommen seien: „Das alles beweist: Ein Muslim sollte die Geheimdienste der Kreuzzügler nicht fürchten.“

Auf Fotos mit dem Deutschen Dschihadisten Michael Noack

Im Gegenteil: Muslime sollten kämpfen, fordert der Terrorist. Wie er sich das vorstellt, dokumentieren ein gutes Dutzend Videos, die im Internet zu finden sind: Im März 2014 lenkte Abaaoud einen Geländewagen, an dem vier verstümmelte Leichen von Soldaten der Freien Syrischen Armee angebunden waren. Im gleichen Sommer machte er sich einen Namen als Henker. Ein anderes Ruckelfilmchen zeigt ihn zusammen mit dem deutschen IS-Krieger Michael Noack posierend. Der soll als „Abu Dawud al-Almani“ aus Deutschland nach Syrien gereiste Dschihadisten kommandieren. Noack gehörte zu den Aufrührern, die im April 2012 in Solingen auf Polizisten einschlugen.

Frühere Bilder zeigen Abaaoud in Molenbeek an der Seite von Brahim Abdeslam. Der 31 Jahre alte Belgier soll, so französische Ermittler, einer der drei Terroristen gewesen sein, die die Musikhalle „le Bataclan“ auf dem Boulevard Voltaire im XI. Arrondissement stürmten und 89 Menschen wahllos, aber systematisch töteten. Als die Polizei den Club stürmte, sprengten sich die Attentäter in die Luft.