Nach dem Messerangriff: Sympathiebekundungen für Henriette Reker Foto: dpa

Die Kölner Sozialdezernentin Henritette Reker hat am Sonntag zwar die Oberbürgermeisterwahl in der Domstadt gewonnen – sie erhielt 52,7 Prozent der Stimmen –, doch wann und ob sie ihr Amt übernehmen kann, ist ungewiss.

Köln - Die Kölner Sozialdezernentin Henritette Reker hat am Sonntag zwar die Oberbürgermeisterwahl in der Domstadt gewonnen – sie erhielt 52,7 Prozent der Stimmen –, doch wann sie ihr Amt übernehmen kann, ist ungewiss.

Am Samstag war sie von einem 44-Jährigen mit einem Messer angegriffen worden. Sie erlitt Verletzungen an der Luftröhre. Die 58-jährige Reker lag am Tag nach dem Attentat auf der Intensivstation der Kölner Universitätsklinik. Sie wurde künstlich beatmet, zwischenzeitlich wurde sie in ein künstliches Koma versetzt, um den Heilungsverlauf zu begünstigen. Zuvor hatten die Ärzte mitgeteilt, dass sie von einer vollständigen Genesung ausgingen.

In Anbetracht der Schwere der Verletzung habe sich Rekers Zustand „wie erwartet positiv entwickelt“, sagte Edgar Schömig, Ärztlicher Direktor der Uniklinik, am Sonntagabend. Der Heilungsverlauf werde aber „eine gewisse Zeit in Anspruch“ nehmen. Die Familie bitte darum, von Anfragen abzusehen. Ob Reker am Montag bereits bei Bewusstsein war, wurde nicht bekanntgegeben. Die Bundesanwaltschaft übernahm inzwischen die Ermittlungen.

In ihrem Umfeld ist man überzeugt, dass Reker ihr Amt antritt. „Wer Frau Reker kennt, weiß: Sie ist eine Kämpfernatur, und sie hat einen starken Willen“, sagt Stadt-Sprecherin Inge Schürmann. Auch ein Mitglied aus Rekers Wahlbüro zeigte sich gewiss, dass sie trotz des Schocks nicht aufgibt. Sogar kurz nachdem der Attentäter die Politikerin niedergestochen hatte, habe sie im Krankenwagen gesagt, sie wolle noch wählen gehen, ihre Stimme abgeben. Sollte sie wider Erwarten doch nicht mehr als Oberbürgermeisterin zur Verfügung stehen, müsste sie ihren Verzicht explizit erklären.

Psychologe stellt positive Prognose

Nach Einschätzung eines Psychologen braucht Reker jetzt „vor allem ein schützendes und wertschätzendes Umfeld“, um die Folgen des Anschlags auf sie zu bewältigen. „Traumaopfer müssen wieder in unsere Mitte genommen werden“, sagte der Traumapsychologe Thomas Weber. Die 58-Jährige könne vermutlich trotz des Anschlags die Aufgabe als Stadtoberhaupt bewältigen. „Menschen können nach einem solchen Ereignis durchaus einen so verantwortungsvollen Job machen“, sagte Weber.

Anschläge führten bei den Opfern „zu einer seelischen Traumatisierung, die mit den beherrschenden Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit einhergehen“, sagte Schmidt. Allerdings reagierten Menschen unterschiedlich auf solche Ereignisse. „Alles, was in den ersten Wochen an Auffälligkeiten, auch an psychischen Schmerzen da ist, stellt aber eine normale Reaktion dar.“

In seiner Vernehmung räumte der Täter ein, dass er aus fremdenfeindlichen Motiven gehandelt habe. Er wurde am Montag dem Haftrichter vorgeführt. Der aus Bonn-Beuel stammende Mann, der sich wegen versuchten Mordes verantworten muss, soll in den 90er Jahren Kontakte zur später verbotenen rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) gehabt haben. Zudem soll der gelernte Maler und Lackierer in Foren fremdenfeindliche Kommentare zur Flüchtlingspolitik abgegeben haben.

Tat war vorbereitet

Die Polizei nahm den Täter direkt nach dem Attentat fest. Offenbar hatte der Mann seine Tat genau vorbereitet. Seine Wohnung im Kölner Stadtteil Nippes fanden die Ermittler besenrein vor. Von zwei Computern wurden nach Medieninformationen die Festplatten vorher entfernt.

Wenn Oberbürgermeister Jürgen Roters am Mittwoch aus dem Amt scheidet, wird er vorerst von Stadtdirektor Guido Kahlen vertreten. Ursprünglich hatte der Rat morgen zu einer Sondersitzung zusammenkommen sollen, um die neue Amtsinhaberin zu vereidigen. Bis dahin können noch Wochen vergehen.

Reker hatte im Wahlkampf betont, sie werde parteiunabhängig agieren, auch wenn ein Jamaika-Bündnis aus CDU, Grünen und FDP sie als Kandidatin unterstützt hatte. Auf ihrer Agenda: mehr bezahlbarer Wohnraum, Bildung unabhängig vom Geldbeutel oder auch mehr Engagement für Flüchtlinge. Filz und Klüngel will sie verbannen, geschwächtes Vertrauen in Politik und Verwaltung zurückgewinnen.

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