Nach dem Attentat auf Präsident Robert Fico befindet sich die Slowakei im Schockzustand. In einer unübersichtlichen Lage kommt es zu Schuldzuweisungen – immer mehr Details zum mutmaßlichen Schützen werden bekannt.
Fünf Schüsse stürzen ein ganzes Land in den ungläubigen Schockzustand. Immer wieder zeigten die slowakischen TV-Sender am Mittwoch die Filmsequenzen, wie ein hochgewachsener älterer Mann im hellen Hemd vor dem Kulturhaus von Handlova aus unmittelbarer Nähe mit einer Pistole mehrmals auf den vor ihm zusammenbrechenden Regierungschef Robert Fico feuerte.
Mit dem Helikopter wurde der von vier Kugeln im Bauch und an den Armen getroffene Premier schwer verletzt in das Krankenhaus von Banska Bystrica transportiert: Zumindest bei seiner Überführung soll der 59-Jährige noch ansprechbar gewesen sein.
Einhellig verurteilten Regierungs- und Oppositionspolitiker in dem politisch ansonsten stark polarisierten Land das Attentat. „Hasserfüllte Rhetorik“ führe zu „hasserfüllten Aktionen“, so die liberale Staatschefin Zuzana Caputova in ihrer Fernsehansprache an die fassungslose Nation: „Jegliche Gewalt ist inakzeptabel.“
„Komm doch mal her“ soll der Schütze gesagt haben
Er sei „zutiefst erschüttert“ über den „abscheulichen Anschlag auf meinen Freund“, reagierte im benachbarten Ungarn der nationalpopulistische Premier Viktor Orban entgeistert auf das Attentat auf seinen seelenverwandten Amtskollegen: „Wir beten für seine Gesundheit und schnelle Genesung.“
Nichts hatte in der verschlafenen Provinzstadt an diesem verhängnisvollen Nachmittag auf ein Attentat auf den umstrittensten, bekanntesten und mächtigsten Politiker des Landes hingedeutet: Zu einer außerordentlichen Kabinettssitzung im örtlichen Kulturhaus hatte sich der Premier mit seiner Ministerriege in die 190 Kilometer nordöstlich von Bratislava entfernte 17 000-Seelen-Stadt aufgemacht.
Nur zwei, drei Dutzend Menschen verfolgten hinter brusthohen Absperrgattern, wie die hohen Gäste gegen 14.45 Uhr das Kulturhaus verließen. Vermutlich um Hände zu schütteln und ein wenig zu plaudern, schlenderten der Regierungschef und zwei, drei Minister auf die Schaulustigen zu. „Komm doch mal her,“ soll der 71-jährige Schütze gerufen haben, bevor er sein direkt vor ihm stehendes Opfer niederstreckte: Vier der fünf Kugeln fanden ihr Ziel.
Medien und Opposition Mitschuld gegeben
Über die Motive des sofort überwältigten und verhafteten Attentäters, der angeblich Schriftsteller sein und aus Levice stammen soll, war bis zum frühen Abend nichts bekannt. Gerüchte, dass der Schütze ein Aktivist der oppositionellen Progressiven Partei sei, wurde von deren Vorsitzenden Michal Sirnecka entschieden dementiert.
Doch während Oppositionspolitiker in ersten Reaktionen zur Beruhigung der Lage aufriefen, machten wutschnaubende Regierungspolitiker die Konkurrenz für das Attentat auf ihr Bugbild verantwortlich. Die liberalen Medien und die Opposition hätten in den letzten Jahren für Fico einen „Galgen errichtet“, schäumte Lubos Blaha, der stellvertretende Sprecher von Ficos Smer-Partei: „Wegen Eures Hasses kämpft er nun um sein Leben!“ Auch der slowakische Innenminister Matus Sutaj Estok sagte am Abend vor Journalisten, das Attentat habe nach Einschätzung der Regierung eine „politische Motivation.“
Tatsächlich scheiden sich an dem seit 2023 zum dritten Mal regierenden Fico die Geister. Zwar hatte der 1964 in Topolcany geborene Arbeitersohn 1986 seine politische Karriere bei der Kommunisten Partei der damaligen Tschechoslowakei begonnen. Doch in den mehr als drei Jahrzehnten seit deren Zerfall hat sich der machtbewusste Chef der von ihm 1999 gegründeten SMER vom sozialdemokratisch angehauchten Linkspopulisten zunehmend zum nationalistisch beseelten Rechtsausleger gewandelt.
Slowakei laut Kritikern „orbanisiert“
Kritiker werfen dem Putin-Verehrer Fico vor, die 5,4 Millionen-Einwohner-Nation mit der Gleichschaltung der Medien und Justiz nach ungarischem Vorbild „orbanisieren“ zu wollen. Tatsächlich wirken seine Tiraden gegen Migranten, Homo-Ehen und die angeblich für ausländische Geheimdienste operierende Bürgerrechtsgruppen wie von seinem ungarischen Vorbild abgekupfert.
2016 hatte Fico die öffentliche Entrüstung über den Mord an einem Enthüllungsjournalisten zum Rücktritt gezwungen. Während der Pandemie mühte sich der damalige Oppositionspolitiker als Impfgegner zu profilieren. Bei den Parlamentswahlen im Oktober machte er sich im Wahlkampf geschickt prorussische Sentiments in seinem Land zunutze: Auch sein Versprechen, die Waffenlieferungen an die Ukraine zu stoppen, verhalfen ihm zu seiner Rückkehr auf die Regierungsbank.
Kaum ein anderer Politiker der Slowakei hat sein Land so nachhaltig geprägt und polarisiert wie Fico: Das Attentat auf ihn könnte in seinem Land noch für stärkere Verwerfungen sorgen. Politisch hat der von links nach rechts gewanderte Populist seine Comeback-Qualitäten bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Ob und wie der lebensgefährlich verletzte und stundenlang operierte Premier die auf ihn abgefeuerten Schüsse gesundheitlich übersteht, muss sich erst weisen: Am Mittwochabend hielten sich seine Ärzte mit Informationen über seinen Gesundheitszustand noch auffällig zurück.