In zwei Jahren ist das Kapitel Atomkraft in Deutschland abgeschlossen. Doch wohin mit dem nuklearen Abfall? 90 mögliche Gebiete wurden identifiziert. Gorleben ist aus dem Rennen, Bayern schießt quer.
Berlin - Auf der Suche nach einer unterirdischen Aufbewahrungsstelle für die Hinterlassenschaft des Atomzeitalters ist eine wichtige Zwischenetappe abgeschlossen: Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat diejenigen Gebiete identifiziert, die nach einer ersten Analyse geologischer Daten grundsätzlich geeignet erscheinen für die Lagerung hoch radioaktiver Abfälle. Die 90 Teilgebiete umfassen 54 Prozent der Fläche Deutschlands. Wo genau das Endlager gebaut wird, soll 2031 entschieden werden. Die Anlage soll 2050 in Betrieb gehen und den Atommüll dann eine Million Jahre lang sicher von der Außenwelt abschirmen.
Warum braucht Deutschland ein Atom-Endlager?
Im Jahr 1961 wurde hierzulande erstmals Atomstrom ins Netz eingespeist, im Jahr 2022 sollen die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen. Übrig bleiben auch große Mengen an hoch radioaktiven Abfällen aus benutzten Brennelementen. Und zwar 27 000 Kubikmeter, die in rund 1900 Stahlbehälter („Castoren“) verpackt sind. Diese sind bisher nur provisorisch in Zwischenlagern aufbewahrt, oft in unmittelbarer Nähe der Atommeiler. Für die dauerhafte Aufbewahrung soll ein Endlager her. Weltweit ist bisher kein einziges Endlager in Betrieb, Länder wie Frankreich oder Finnland haben aber Standorte festgelegt.
Warum gibt es noch kein Endlager?
Jahrzehntelang galt ein Salzstock im niedersächsischen Gorleben offiziell als der zukünftige deutsche Endlager-Standort, obwohl erhebliche Zweifel an seiner Eignung bestanden. Gorleben wurde zum Symbol der Anti-Atom-Bewegung, die Auseinandersetzung um den Standort vergiftete das politische Klima. 2013 begann die Suche von vorn – und zwar nach dem Prinzip der „weißen Landkarte“: Grundsätzlich soll jeder Ort für das Endlager infrage kommen. Die Auswahl soll transparent sein und nicht auf politischen, sondern wissenschaftlichen Kriterien beruhen. Für die Suche ist die bundeseigene BGE zuständig. Sie hat nun auf der Grundlage von vorhandenen geologischen Daten eine erste Vorauswahl für mögliche Standort-Regionen getroffen.
Um was für Regionen handelt es sich?
Als „Wirtsgesteine“ für ein Endlager kommen laut Gesetz grundsätzlich Salz, Ton und Kristallin (etwa Granit) infrage. Die Schichten müssen mindestens 300 Meter unter der Erdoberfläche liegen und mindestens 100 Meter mächtig sein. Die von der BGE ermittelten Teilgebiete haben eine Gesamtfläche von rund 240 000 Quadratkilometern. Mit Ausnahme des Saarlands sind alle Bundesländer betroffen. Selbst in Großstädten wie Berlin, Hamburg und Stuttgart gibt es Gegenden, die auf den ersten Blick für ein Endlager infrage kommen. Das Gleiche gilt für Küstengebiete an der Nord- und Ostsee. „An der Größe der Teilgebiete lässt sich leicht erkennen, dass wir von einer Vorentscheidung für einen Standort noch weit entfernt sind“, sagte der BGE-Manager Steffen Kanitz. Auch BGE-Chef Stefan Studt betonte, ein jetzt ausgewiesenes Teilgebiet sei „noch lange“ kein Endlagerstandort.
Wie geht es weiter?
Das Verfahren ist in drei Phasen eingeteilt. Bislang befindet sich die BGE in der Mitte von Phase eins. Als nächstes werden Teilgebiete weiter eingegrenzt, dabei geht es um Kriterien wie die Besiedlungsdichte, Natur- und Wasserschutzgebiete oder vorhandene Kulturdenkmäler. Bei dem Prozess soll die Öffentlichkeit einbezogen werden, das ist eine Lehre aus dem Gorleben-Debakel. Ziel von Phase eins ist, einen Standortvorschlag für Regionen vorzulegen, die in Phase zwei oberirdisch erkundet werden. In Phase drei erfolgt die unterirdische Erkundung. Nach deren Abschluss soll 2031 ein Standortvorschlag präsentiert werden. Die endgültige Entscheidung darüber, wo das Endlager gebaut wird, muss schließlich der Bundestag fällen.
Stehen alle Beteiligten zu dem Verfahren?
Nicht mehr. Es gibt erste Absetzbewegungen, und zwar vonseiten der bayerischen Landesregierung. Der Freistaat wehrt sich mit Händen und Füßen gegen ein Endlager. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will dem Bericht des BGE eigene wissenschaftliche Expertisen entgegenstellen. Er wandte sich auch gegen „politisch motivierte Entscheidungen“, sagte aber zugleich, dass er „das politische Gewicht der Staatsregierung einbringen“ wolle. Der bayerische Untergrund sei ungeeignet: der Granit im Bayerischen Wald „zu zerklüftet“, die schwäbischen Tonschichten „dünner als anderswo“, und bei Salzstöcken habe Bayern sowieso „nur einen kleinen Anteil“. CSU und die mitregierenden Freien Wähler haben in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, dass sie Bayern als ungeeignet für ein Endlager betrachten. Bei der Nutzung der Atomkraft hatte Bayern indes über Jahrzehnte hinweg eine Führungsrolle beansprucht.
Was wird aus Gorleben?
Der Salzstock gehört nicht zu den präsentierten Teilgebieten. Dort wird es definitiv kein Endlager geben. Söder kritisierte dies. Die Ablehnung Gorlebens sei „nicht schlüssig“ begründet. Der Sprecher der Anti-Atom-Initiative „Ausgestrahlt“, Jochen Stay, sagte hingegen, mit der Festlegung werde ein „43 Jahre alter Fehler endlich geheilt“. Ganz aus dem Schneider ist die Region aber noch nicht: In unmittelbarer Nähe zum Salzstock gibt es Tonformationen, die nun als denkbarer Standort für das Endlager ausgewiesen sind.
Wer kommt für die Kosten der Suche und des Endlagers auf?
Die vier Atomkonzerne EnBW, RWE, Eon und Vattenfall. Sie überwiesen 2017 insgesamt 24 Milliarden Euro an einen Staatsfonds mit dem Namen „Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“ mit Sitz in Berlin. Damit sind die Konzerne finanziell aus dem Schneider. Aufgabe des Fonds-Managements ist es, mit dem eingezahlten Kapital langfristig genügend Rendite zu erwirtschaften, damit alle Kosten rund ums Endlager gedeckt werden können.