Das AKW Fessenheim steht an der deutsch-französischen Grenze Foto: dpa

Fessenheim ist nur 30 Kilometer von Freiburg entfernt. Neue Pannen am ältesten französischen Atomreaktor bringen deutsche Umweltschützer in Rage. Sie pochen auf ein Versprechen aus Paris.

Paris/Freiburg - Das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim an der deutschen Grenze steht nach Angaben des Betreibers EDF seit Samstag still. Wegen undichter Rohrleitungen und Wartungsarbeiten seien zwei Reaktorblöcke stillgelegt worden, berichteten französische Medien am Sonntagabend. In Deutschland stießen die Pannen auf Kritik bei Grünen und Bürgerinitiativen: Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl sagte, die Bundesregierung tue zu wenig für das Abschalten des Atomkraftwerks.

„Die erneute Panne an dem Schrottmeiler muss jetzt auch die Kanzlerin zum Handeln bewegen“, sagte Kotting-Uhl am Montag. Merkel müsse den französischen Präsidenten François Hollande an sein Versprechen erinnern, Fessenheim 2016 endgültig abzuschalten. Hollande hatte 2012 angekündigt, das Atomkraftwerk zu schließen, der zugesicherte Termin wurde aber noch nicht bestätigt.

Die Stromproduktion von Reaktorblock 1 des Kraftwerks ist laut französischen Medien wegen undichter Rohrleitungen außerhalb der Nuklearzone gestoppt worden. Reaktorblock 2 war wegen geplanter Wartungsarbeiten in der Nacht zum Samstag für mehrere Wochen stillgelegt worden. Die Ursachen für die undichten Rohrleitungen würden untersucht, hieß es beim Stromkonzern EDF. Der Zwischenfall habe keinerlei Auswirkungen auf die Sicherheit der Einrichtung, des Personals oder die Umwelt.

Badisch-elsässische Bürgerinitiativen forderten am Montag, das Atomkraftwerk solle nach vielen Defekten nun endlich vom Netz genommen werden. Sie schließen sich Umweltschützern an, die seit Jahren die Stilllegung des ältesten Atomkraftwerks Frankreichs fordern. Seit 1977 ist das AKW in Fessenheim im französischen Elsass in Betrieb.

Greenpeace verweist auf Risiko von Erdbeben und Überschwemmungen

Bereits im Januar hatte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in einem Schreiben an die französische Energieministerin Ségolène Royal eine schnellstmögliche Schließung des AKW gefordert. Sie bat darin, die Sorgen der Bürger im grenznahen Bereich über die Sicherheit des Atomkraftwerks zu berücksichtigen. Die Umweltorganisation Greenpeace verweist auf das Risiko von Erdbeben und Überschwemmungen.

Doch vor Ort herrscht großer Widerstand gegen eine drohende Schließung, die bis zu 2000 direkte und indirekte Arbeitsplätze gefährden würde. Einer amtlichen Studie zufolge taucht in der Region „kein einziger Jobmotor auf, um das Kraftwerk auf natürliche Weise zu ersetzen“. Hinzu kommen drohende Entschädigungsforderungen durch EDF, das hier in den vergangenen Jahren 500 Millionen Euro investiert hat, und die ausländischen Mitaktionäre – der deutsche Energieversorger EnBW sowie die Schweizer Konzerne Alpiq, Axpo und BKW.

EDF-Chef Jean-Bernard Lévy hat angeboten, statt Fessenheim ein anderes AKW zu schließen: „Auf Bitte der Regierung untersuchen wir alternative Lösungen.“ Denn das neue „Gesetz zur Energiewende“ sieht lediglich vor, dass für den Einsatz des modernen europäischen Druckwasserreaktors EPR im normannischen Flamanville, der 2017 nach mehrmaligen Verzögerungen ans Netz gehen soll, anderswo Kapazitäten reduziert werden.

Durchschnittsalter der 58 französischen Reaktoren bei 29 Jahren

Sprach sich Umweltministerin Royal früher für einen langfristigen Atomausstieg aus, so tritt sie nun nicht nur für den „Aufbau einer neuen Generation von Reaktoren“ ein, sondern auch gegen deren Auslaufen nach 40 Jahren, wie ursprünglich vorgesehen. Momentan liegt das Durchschnittsalter der 58 französischen Reaktoren bei 29 Jahren, EDF will es bis auf 60 Jahre ausweiten und für die Modernisierung bis 2025 insgesamt 55 Milliarden Euro investieren. Das französische Know-How in der Nukleartechnik sei auch für den Export ein unverzichtbarer Vorteil, argumentiert Royal.

Allerdings sieht ihr Energie-Wende-Gesetz nicht nur eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent bis 2030 vor, eine Halbierung des Energiekonsums bis 2050 und eine Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien in der Stromerzeugung auf 32 Prozent bis 2030 (im Jahr waren es 19 Prozent). Sondern auch eine Verringerung des Atomstromanteils von derzeit 75 auf 50 Prozent bis zum Jahr 2025.

In einer Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung nennt Andreas Rüdiger, Forscher am Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen in Paris, das Gesetzesprojekt, das auf sehr ehrgeizigen langfristigen Zielen gründe , einen „echten Paradigmenwechsel gegenüber dem historischen Modell Frankreichs“.

Präsident Hollande stieß nach dem Nuklearunglück im japanischen Fukushima 2011 eine Debatte über die Zukunft der Energieversorgung an. Zwar galt Ökologie bisher nicht als seine Priorität. Das ändert sich nun mit Blick auf die internationale Klima-Konferenz, die Paris Ende dieses Jahres ausrichtet: Hollande, der dringend Erfolge braucht, setzt auf ihre außenpolitische Wirkung, indem er seinem Land eine ökologische Vorreiterrolle verleihen und echte Ergebnisse erzielen will. Ob Fessenheim nun am Netz bleibt oder nicht.

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