Atomkraft Fessenheim bereitet dem Land Sorgen

Von Hans Christof Wagner 

 Foto: dapd
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Atomkraftwerk im Elsass ist Frankreichs ältester Meiler – Behörde: Anlage sicher.

Freiburg - In Baden-Württemberg wird erwartet, dass Frankreich das Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass, nur zwei Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, vom Netz nimmt, zumindest vorübergehend.

Das Land möchte, dass Frankreich sich dem dreimonatigen deutschen Moratorium für die sieben ältesten AKW anschließt. In Deutschland gelten Atomanlagen als alt, die vor 1980 ans Netz gegangen sind, darunter im Land die Blöcke 1 von Neckarwestheim und Philippsburg. Die Anlage in Fessenheim ist seit 1977 in Betrieb. Der Meiler ist Frankreichs ältestes AKW und für die Atomkraftgegner am Oberrhein ein "Schrottreaktor".

Immerhin haben deutsche Vertreter die Möglichkeit, gegenüber den Franzosen derlei Wünsche offen vorzutragen. Sie können das in der Fessenheim-Kontrollkommission CLIS tun, die in dieser Woche im elsässischen Colmar tagte. Ihr gehören Bürgermeister deutscher Gemeinden an, die im Fünf-Kilometer-Umkreis vom Kraftwerk liegen, und in ihr sitzt auch Julian Würtenberger, der Freiburger Regierungspräsident.

Erdbebensicherheit

Der CDU-Politiker stellte den Franzosen eine ganze Reihe von Fragen zur Sicherheit, insbesondere zur Erdbebensicherheit und zur Sicherheit der Kühlkreisläufe der Anlage. Florien Kraft von der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN sagte, Fessenheim halte einem Erdbeben der Stärke 6,7 stand - dieser Wert orientiert sich am Beben, das sich mit einer Stärke von 6,2 im Jahr 1356 im nahe gelegenen Basel ereignet hat. Es ist das bislang stärkste bekannte Beben am Oberrhein. Dazu werde noch einmal der Faktor 0,5 hinzuaddiert.

Erschütterungen vom Ausmaß wie in Japan schloss Kraft für Frankreich aus. Michel Habig, Vorsitzender der CLIS, betonte, dass die Meiler von Fukushima nicht durch das eigentliche Erdbeben zerstört worden seien, sondern durch den dadurch ausgelösten Tsunami, der ein AKW am Oberrhein ebenso wenig treffen könne. Habig lehnte ein Moratorium wie in Deutschland ab. Das sei bei französischen AKW unnötig. Sicherheitschecks könnten auch bei laufendem Betrieb erfolgen. Über Schließung oder Weiterbetrieb könne nur die Aufsichtsbehörde ASN entscheiden. Klarheit soll eine Studie bringen, die bis Juni fertiggestellt sein soll.

Das Verwaltungsgericht Straßburg hatte vor zwei Wochen die Klage des Trinationalen Atomschutzverbands (Tras) zur Schließung von Fessenheim abgelehnt. Der Verband hatte nach eigenen Angaben im Dezember 2008 beim französischen Verfassungsgericht Klage gegen Fessenheim eingereicht wegen mangelnder Sicherheit bei Erdbeben, Überflutung und Alterung sowie wegen der Gefährdung von Mensch und Natur.

Fessenheim und Fukushima

ASN-Vertreter Kraft hob in der CLIS-Sitzung vor allem auf die Unterschiede zwischen Fessenheim und Fukushima ab. So sei der elsässische Meiler sicherer, weil er nach dem Druckwasserprinzip arbeite. Zudem könnten sich in Fessenheim keine Wasserstoffexplosionen wie in Japan ereignen. Thierry Rosso, Direktor des AKW Fessenheim, sagte: "Fessenheim heute hat mit der Anlage von 1977 nichts mehr zu tun. Die Erdbebensicherheit wird seit Inbetriebnahme laufend verbessert." Kraft und Rosso warnten davor, aus dem japanischen GAU "voreilige Schlüsse" zu ziehen.

Derweil sieht es ganz danach aus, dass ASN die Laufzeit von Fessenheim um weitere zehn Jahre verlängert. Die Zehnjahresinspektion für den ersten der beiden 900-Megawatt-Blöcke steht kurz vor dem Abschluss. In einem Weiterbetrieb wird kein Problem gesehen. Die Anlage entspreche den gesetzlichen Bestimmungen. Viele Menschen wollen Fessenheim aber lieber nicht mehr am Netz sehen. Nach Angaben der Veranstalter demonstrierten am vergangenen Sonntag im südbadischen Neuenburg 10000 Menschen für die Abschaltung.

Unterstützung erhielten die Atomkraftgegner von FDP-Generalsekretär Christian Lindner. Für die Menschen in Baden-Württemberg sei das nahe an der Grenze liegende französische Kernkraftwerk Fessenheim viel bedrohlicher als Neckarwestheim und Philippsburg zusammen, sagte er am Dienstag in Berlin.

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