Bei Leiharbeitern schlägt der Geigerzähler in deutschen Kernkraftwerken höher aus als beim Stammpersonal. Foto: dpa

Fremdarbeiter sind in deutschen AKWs deutlich höheren Strahlendosen ausgesetzt.

Berlin - In deutschen Kernkraftwerken herrscht eine Zweiklassengesellschaft. Fremdarbeiter sind nach einem Dokument der Bundesregierung deutlich höheren Strahlendosen ausgesetzt als das Stammpersonal der AKW-Betreiber.

Dass im Kernkraftwerk nicht alle über einen Kamm geschoren werden, ist spätestens seit dem folgenschweren Reaktorunfall von Fukushima klar. Eine Truppe von rund 50 Arbeitern setzte damals bei der Arbeit an den havarierten Reaktoren ihr Leben aufs Spiel, um Schlimmeres zu verhindern.

Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht, sind auch in deutschen AKW die Risiken unter den Mitarbeitern sehr ungleich verteilt. Demnach ist Fremdpersonal bei Wartungsarbeiten durchschnittlich fast doppelt so starken Strahlendosen ausgesetzt wie die Stammbelegschaften der Energiekonzerne.

"Leiharbeiter bekommen deutlich höhere Sievert-Werte ab als die Stammbelegschaft", sagte die energiepolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, Dorothée Menzner, dieser Zeitung. Auf Basis der Regierungsdaten hat ihre Fraktion berechnet, dass ein Fremdarbeiter in einem Kernkraftwerk eine jährliche Strahlenbelastung von 0,53 Millisievert anhäuft. Beim Eigenpersonal der Stromkonzerne sind es nur 0,29 Millisievert - also knapp die Hälfte. Diese Werte liegen allerdings immer noch deutlich unter den zulässigen Grenzwerten von 20 Millisievert pro Jahr für Menschen, die berufsbedingt starker Strahlenbelastung ausgesetzt sind.

Viele Beschäftigte in AKW sind Leiharbeiter

In den 17 deutschen Kernkraftwerken arbeiten insgesamt mehrere Zehntausend Beschäftigte. Allein 65000 Menschen haben nach Angaben der Bundesregierung die Berechtigung, als sogenanntes Fremdpersonal, etwa als Leiharbeiter, in den Kraftwerken eingesetzt zu werden. Die Fremdarbeitskräfte kommen zum Einsatz, wenn die Kernkraftwerke - meist einmal jährlich - zur Revision heruntergefahren werden. Für die dann anfallende Arbeit ziehen Konzerne wie Eon, RWE oder EnBW Spezialisten der Herstellerfirmen, Handwerker, aber auch Hilfskräfte heran. Beim Karlsruher Energieversorger EnBW etwa arbeiten zusätzlich zur 800 Mann zählenden Stammbelegschaft je AKW-Standort in Revisionsphasen noch etwa 2800 EnBW-fremde Arbeitskräfte an den Meilern. Man mache keinen Unterschied zwischen den Arbeitskräften, sagte ein EnBW-Sprecher auf Anfrage. Für alle gälten dieselben Strahlengrenzwerte.

Nach Erkenntnissen der Linken kommen die Leiharbeiter aber vermehrt dann zum Einsatz, wenn es heikel wird. Beim Wechsel der Brennelemente werde häufig auf sie zurückgegriffen, sagte Menzner. Die Bundesregierung hält dies zumindest für "nicht grundsätzlich ausgeschlossen".

Strahlung unter Grenzwerten

Dass die Gelegenheitsarbeiter stärkeren radioaktiven Dosen ausgesetzt sind als Stammbelegschaften, führt Menzner aber noch auf einen anderen Punkt zurück. Die oft spezialisierten Fachkräfte ziehen den Revisionsphasen in den AKW sozusagen hinterher und verrichteten dabei ähnliche Arbeiten. Je mehr Aufträge angenommen werden, desto höher sei der Verdienst, sagt Menzner. Damit erhöhe sich aber auch die Strahlungsbelastung des Einzelnen. "Nuklear-Nomaden" nennt die Energieexpertin diese Art der flexiblen Arbeitskräfte.

Wie der europaweite Austausch der Arbeitskräfte läuft, lesen Sie in der Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten vom 7. Juni 2011.

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