Trifft auf Diego Simeone und Atlético: Bayern-Coach Pep Guardiola. Foto:  

Atlético Madrid empfängt den FC Bayern in der Champions League – das Halbfinale ist auch das Trainerduell der Gegensätze: Diego Simeone gegen Pep Guardiola.

Madrid - Es gibt viele unterschiedliche Geschichten über Diego Simeone, aber gemein ist den meisten, dass sie entweder in großem Pathos enden – oder auf der Tribüne. Wie nach jenen beiden Schlägen auf den Hinterkopf des Schiedsrichterassistenten im spanischen Supercup 2014, als der Trainer von Atlético Madrid für acht Pflichtspiele gesperrt wurde. Oder wie am vergangenen Sonnabend, als sich Simeone zu den Zuschauern gesellen musste, weil beim 1:0-Sieg im Ligaspiel gegen den FC Málaga ein Konter der Gäste durch einen aufs Feld geworfenen Ball gestört worden war. Simeone hatte diesmal zwar nachweislich nicht selbst Hand angelegt, könnte aber einen Balljungen angestiftet haben. Wegen derartiger Vorkommnisse hat nicht nur sein Bayern-Kollege Pep Guardiola den Eindruck gewonnen, Simeone verhalte sich zuweilen „wie ein Fan“, womit auch seine regelkonformen Rumpelstilzchen-Einlagen in der Coachingzone gemeint gewesen sein dürften.

Durch das Duell dieser beiden konträren Trainercharaktere erhält die ohnehin spannende Versuchsanordnung im Halbfinale der Champions League zwischen Atlético Madrid und Bayern München einen zusätzlichen Reiz. Es sind ja nicht nur zwei gegenläufige Spielideen von Defensive samt Kontern (Atlético) und Kontrolle durch Ballbesitz (Bayern), die da am Mittwoch im Estadio Vicente Calderón aufeinanderprallen werden. Sondern ebenso diese beiden sehr unterschiedlich gestrickten Fußballlehrer Simeone und Guardiola.

Wenn man so will, trifft Hardrock auf Oper. Kampf auf Kunst. Oder Malocher auf Ästhet. Gemein haben beide Trainer kaum mehr als das Alter von 45 Jahren. In ihren jeweils maßgeschneiderten Anzügen könnte man sie sich als gegensätzliche Hauptdarsteller eines Thrillers vorstellen, in dem es um den Kunsthandel der Mafia geht. Hier Guardiola mit seinem eleganten Geschmeide und dem intellektuellen Anstrich. Dort der ruppig auftretende und stets ganz in schwarz gekleidete Simeone mit dieser seltsam dünnen Milieu-Krawatte. Fragwürdig kann man beides finden.

Simeone sorgt für den Aufschwung

Allerdings passt der Argentinier mit seinem Charakter, Auftreten und Spielverständnis nicht nur hervorragend zum Klub aus dem Arbeiterviertel im Süden Madrids. Simeone hat seit seinem Antritt 2011 auch für einen beachtlichen Aufschwung gesorgt. In Spanien wird längst von den „Großen Drei“ gesprochen, da Simeones widerborstiges Kickerkollektiv dem FC Barcelona und Stadtrivalen Real Madrid regelmäßig Titel streitig macht wie aktuell im packenden Meisterschaftsfinale. Jedes Jahr unter Simeone gewann Atlético einen Titel, trotz des weitaus geringeren Etats im Vergleich zu Barça und Real. Und im Viertelfinale der Champions League rang Atlético jüngst ja Topfavorit Barcelona nieder. Jene Mannschaft und Spielidee also, die Guardiolas FC Bayern als Vorbild dient.

In der Rolle des Underdogs gefällt sich Simeone besonders. Dann kann er taktieren, gewissermaßen als Mentaltrainer arbeiten und seine Kämpfernatur auf seine Profis übertragen – wie früher als Mittelfeldspieler auf seine Kollegen. „Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles“, sagt er. Auf diese Tugenden wird er auch gegen Guardiola setzen, dessen Stil er wenig abgewinnen kann. „Bei der Wahl zwischen Guardiola und Mourinho bevorzuge ich Mourinho“, ließ Simeone einst wissen, „es ist mir lieber erfolgreich zu spielen als schön. Ballbesitz ist ein Märchen.“

Guardiola hat sich bisher eher höflich und lobend über Simeone geäußert, wenngleich zuweilen flunkernd, wie es seine Art ist. Mit großen Respekt, so viel ist sicher, zieht der Münchner Trainer in dieses Duell der Gegensätze. Und er weiß, dass seine Spieler mit feinfüßigen Ballpassagen allein nicht bestehen werden gegen Atléticos elf rauflustige Simeone-Klone. „Unser bester Spieler heißt Simeone“, hat Atléticos Geschäftsführer Miguel Ángel Gil Marín gesagt.

Der gerühmte Trainer mag es gern philosophisch. Schon nach dem Coup gegen Barcelona sprach er voller Pathos von Werten des Lebens, die man über den Fußball transportiere. Und Simeone ist überzeugt: „Du wirst mit Charakter immer mehr gewinnen als mit gutem Fußball.“ Guardiola dürfte wohl widersprechen. Ganz sicher aber will er beweisen, dass seine Ideale des Fußballs besser sind.

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