In der Behindertenhilfe der Paulinenpflege hilft Abdou Diene aus dem Senegal ehrenamtlich. Foto: Gottfried Stoppel

Abdou Diene ist aus dem Senegal geflohen und will sich ein neues Leben in Deutschland aufbauen. Obwohl er inzwischen gut integriert ist, droht ihm die Abschiebung: Seine Heimat gilt als sicheres Herkunftsland.

Winnenden - Die Angst ist seit einiger Zeit sein ständiger Begleiter: „Die Angst hockt in meine Herz rum“, sagt Abdou Diene. Denn eigentlich darf der 21-Jährige aus dem Senegal gar nicht mehr in Winnenden sein. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. „Dementsprechend ist er vollziehbar ausreisepflichtig und hat das Bundesgebiet zu verlassen. Herr Diene hat daher eine Duldung“, teilt das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe mit.

Mehrere Jahre lang auf der Flucht

„Wenn man eine Duldung hat, ist es sehr schwer. Du kannst nicht essen, nicht lernen, es ist immer im Kopf“, erzählt Diene. Jeden Tag könnte er abgeschoben werden, dabei will er sich eine Zukunft in Deutschland aufbauen. Dafür hat er eine mehrjährige Reise auf sich genommen, ist vom Senegal aus über Mali, Burkina Faso und Niger nach Libyen gereist – zu Fuß, mit Bussen und auf Lastwagen. „Wenn einer runtergefallen ist, sind sie einfach weitergefahren“, erinnert er sich. Zwei Tage lang saß Abdou Diene in einem überfüllten Schlauchboot auf dem Mittelmeer, bis die Flüchtlinge vom Roten Kreuz gerettet und in Italien an Land gebracht wurden. „Ich wollte nach Deutschland, hier kann ich in die Schule gehen“, sagt er. Im Mai 2016 endete seine Reise und er erreichte sein Ziel als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.

Seitdem hat Abdou Diene Deutsch gelernt, seinen Hauptschulabschluss gemacht und die Zusage für eine Ausbildung als Koch in Waiblingen erhalten – in einer Branche, in der es derzeit schwierig sei, Lehrlinge zu finden, wie Gastronomen berichten. Doch wenige Tage vor Ausbildungsbeginn erhielt Diene im vergangenen September die Nachricht, dass er nicht arbeiten darf. Der Grund: Die Heimat des 21-Jährigen. Der Senegal gilt als sicheres Herkunftsland, für Staatsangehörige aus solchen Ländern besteht ein allgemeines Beschäftigungsverbot.

Die Unsicherheit zermürbt

„Ich bin kein Faulenzer, ich will ebbes machen“, betont der junge Mann. Seit August engagiert er sich ehrenamtlich bei der Behindertenhilfe der Paulinenpflege. Er macht Thekendienste im Bistro des Freizeitbereichs, spielt mit den Bewohnern, geht mit ihnen spazieren und begleitet eine Schwimmgruppe. Sein Vorgesetzter ist voll des Lobes über Abdou Dienes Fleiß, Zuverlässigkeit und seine herzliche, freundliche Art.

„Ich mache gerne Späße mit den Leuten“, sagt Diene und lacht. „So fröhlich wie er jetzt hier sitzt, ist er nicht immer, er hat auch dunkle Momente“, erzählt Elke Duensing. Sie engagiert sich im Freundeskreis Flüchtlinge Leutenbach und Winnenden, der Geflüchtete wie Abdou Diene bei der Integration unterstützt. Manchmal fehle es ihrem Schützling vor lauter Angst um die Zukunft an Kraft – etwa, um in den Fußballverein zu gehen. Man kann das erahnen, wenn man den jungen Mann beobachtet: Zwar lacht er häufig, doch immer wieder nimmt sein Gesicht einen traurigen, in sich gekehrten Ausdruck an. Die Unsicherheit zermürbt, auch wenn sich Elke Duensing und ihre Mitstreiter für ihn einsetzen: „Die anderen kämpfen für mich“, sagt Diene. Daher ist er nicht untergetaucht, so wie es jüngst ein Mann aus Nigeria in Kernen getan hat.

Ein Nigerianer in Kernen tauchte unter

Der 40-Jährige, der einen festen Job in einer Bäckerei hatte und ebenfalls als bestens integriert galt, sollte abgeschoben werden. Als die Polizei ihn abholen wollte, floh er. Wo er sich jetzt aufhält, ist unbekannt. Auch in seinem Fall war die Rechtslage eindeutig, die Abschiebung rechtlich einwandfrei. „Die Behörden haben nix falsch gemacht, sie machen möglich was möglich ist – aber ihnen sind die Hände gebunden“, sagt Elke Duensing. Allerdings sei es doch ein schlechtes Signal an andere Geflüchtete, wenn Abdou Diene alle Integration nichts nütze um hierzubleiben. Natürlich müsse es Regeln und Grenzen für Zuwanderung geben, betont Duensing – aber für gut integrierte Menschen, die arbeiten, brauche es mehr Ermessensspielräume. Sie hofft auf das neue Einwanderungsgesetz, das im März in Kraft tritt: „Vielleicht kann Abdou dadurch quasi eine Abkürzung nehmen, sodass er hierbleiben kann.“

Ein Visum im Senegal kann Monate dauern

Das Regierungspräsidium Karlsruhe betont, es gebe in Dienes Fall keinen Ermessensspielraum. Eine Sprecherin der Behörde verweist auf eine Internetseite des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, auf der erklärt wird, wie man sich als Ausländer in Deutschland dauerhaft niederlassen kann – dazu braucht man zunächst ein Visum. Dieses müsste Abdou Diene bei der Deutschen Botschaft im Senegal beantragen. „Niemand weiß, wie lange das dauern wird. Was soll er in dieser Zeit tun, wovon soll er im Senegal leben?“, fragt Elke Duensing.

Tatsächlich kann man auf der Homepage der Deutschen Botschaft in Dakar momentan noch nicht einmal Termine für die Antragstellung buchen. „Derzeit muss mit Wartezeiten von einigen Wochen gerechnet werden“, heißt es da. Die eigentliche Bearbeitung in der Visastelle könne „bis zu drei Monate und länger“ dauern.

Abdou Diene hat Schwäbisch gelernt

Dauerhaft in den Senegal zurückkehren will Abdou Diene nicht. Dort einen Job zu finden sei selbst mit einer Ausbildung nicht einfach, berichtet er. Seine 18 Jahre alte Schwester lebt noch in der Heimat, sie weiß nichts von den Schwierigkeiten des Bruders. „Ich will sie nicht belasten“, sagt Diene, „ich behalte meine Probleme lieber für mich.“ Das sei auch der Grund, warum er nicht erzählen möchte, weshalb er seine Heimat verlassen hat.

Er schaut lieber nach vorne. „Ich will gerne alten Leuten helfen“, sagt der 21-Jährige. Ein Altenheim, das ihm einen neuen Ausbildungsplatz in Aussicht gestellt hat, hat er auf eigene Initiative hin bereits gefunden. „Ich habe viele Freunde hier. In einem anderen Land müsste ich wieder neu anfangen“, sagt Abdou Diene. Dabei hat er sogar Schwäbisch gelernt. „Muggaseggele“ ist sein Lieblingswort, er spricht es nahezu perfekt aus. Für den Moment bleibt ihm nicht mehr als ein Muggaseggele Hoffnung.

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