Verschworenes Erfolgsteam: die Schorndorfer Ringer um Trainer Sedat Sevsay (Zweiter von links in der hinteren Reihe) Foto: IMAGO/Zink/IMAGO/Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Die Ringer des ASV Schorndorf kämpfen gegen den ASV Mainz um ihren ersten deutschen Meistertitel seit 48 Jahren. Die Stuttgarter Scharrena ist ausverkauft, die Zuversicht bei Sportvorstand und Trainer Sedat Sevsay groß.

Der letzte große Erfolg liegt lange zurück. 1975 gewannen die Ringer des ASV Schorndorf die deutsche Mannschaftsmeisterschaft, nun hoffen sie auf den nächsten Coup. Am Samstag (19.30 Uhr) geht es in der Stuttgarter Scharrena – wie damals – gegen den ASV Mainz. Das Team von Sedat Sevsay muss einen 13:14-Rückstand aufholen, trotzdem ist der frühere Ringer, heutige Sportvorstand und Coach optimistisch: „Vor eigenem Publikum sind wir enorm stark.“

 

Herr Sevsay, der ASV Schorndorf ringt um den deutschen Meistertitel. Warum in Stuttgart?

Die Kapazität unserer Halle in Schorndorf reicht nicht aus. Und wir wollten schon immer mal in die Scharrena – jetzt ist es das Finale geworden. Passt doch, oder?

Sicher.

Dazu kommt, dass das Publikum in der Sportstadt Stuttgart bekanntermaßen sehr begeisterungsfähig ist. Die Halle wird ausverkauft sein. Und Ringen in Stuttgart hat ja auch eine Geschichte.

Erzählen Sie.

Ich war 1984 in der Schleyerhalle dabei, als der KSV Aalen vor mehr als 8000 Zuschauern im Finale gegen den VfK Schifferstadt stand. So eine Atmosphäre hatte ich zuvor noch nicht erlebt. Und auch 1991 bei der EM war die Stimmung faszinierend. Das zeigt, dass Ringen schon immer eine Bereicherung für die Sportszene in Stuttgart war.

Und nun folgt das nächste Kapitel?

Ich hoffe, dass dieser Samstag einen ähnlich bleibenden Eindruck hinterlässt (lächelt).

Ihr Team muss einen 13:14-Rückstand aufholen. Ist das möglich?

Auf jeden Fall. Der ASV Mainz hat ein sehr erfahrenes Team, gute Trainer, die passende Taktik. Trotzdem stehen die Chancen 50:50.

Was macht Sie zuversichtlich?

Wir treten in bestmöglicher Aufstellung an. Und wir sind vor eigenem Publikum enorm stark: In dieser Saison haben wir keinen Heimwettkampf verloren. In Schorndorf herrscht eine wahnsinnige Euphorie, die Fans werden uns helfen. Und dann gibt es noch ein gutes Omen.

Welches?

1975 hat der ASV Schorndorf gegen den ASV Mainz seine bisher einzige deutsche Meisterschaft gewonnen. Damals war ein Mann in der Halle, der seither keinen Ringer-Wettkampf mehr live gesehen hat. Nun wird er, 48 Jahre danach, in die Scharrena kommen und uns unterstützen. Das ist Ringen!

Wie sehr hat sich der Sport in den vergangenen fünf Jahrzehnten verändert?

Enorm – wie jede Sportart. Ringen ist viel kraftvoller, athletischer und schneller geworden, wozu auch das Regelwerk beiträgt, das während der Kämpfe jeglichen Stillstand unterbindet. Entsprechend hart wird trainiert. Mit dem Ringen von 1975 ist das nicht zu vergleichen.

Was zeichnet Ihre Mannschaft aus?

Die Homogenität. Es sagen zwar viele von sich, aber bei uns stimmt der Satz, dass der Star das Team ist.

In einem Individualsport?

Ringen, wie wir es praktizieren, ist ein Teamsport. Nur wenn alle füreinander kämpfen und charakterlich alles zusammenpasst, ist es möglich, einen Titel zu holen. Ich habe super funktionierende Boyband zusammen, in der jeder andere Qualitäten einbringt.

Sie betonen immer wieder, dass ein Verein, der erfolgreich sein will, gut vernetzt sein muss. Was bedeutet das?

Die Bundesliga ist die stärkste Liga der Welt, halb Europa ringt in Deutschland. Um da mithalten zu können, braucht man einen sehr guten, breit aufgestellten Kader.

Der sich nur zu den Wettkämpfen trifft?

Ringen ist eine Randsportart, die es sich nicht leisten kann, dass ausländische Athleten wie beim VfB oder dem TVB Stuttgart das ganze Jahr über zusammenleben und gemeinsam trainieren. Unsere Sportler werden in ihren Heimatländern staatlich gefördert, gehören dem Militär oder der Polizei an. Wir leihen sie nur von ihren Nationalteams aus, was nicht immer ganz einfach ist.

Und was zu einer ziemlich großen Reiserei führt.

Wir versuchen stets, die Logistik zu optimieren und die Zahl der Flüge zu minimieren. Und zugleich geht es darum, den Athleten ein gutes Gefühl zu vermitteln: Zu unserem Bundesliga-Team gehören 35 Ringer, darunter sind zehn Ausländer – für viele ist Schorndorf zur zweiten Heimat geworden.

Lange stand Ihr Verein im Schatten des Nachbarn KSV Aalen, der neun deutsche Meistertitel gewann. Wodurch haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben?

Wir haben sehr viel richtig gemacht.

Zum Beispiel?

Es ist uns gelungen, mit der notwendigen Professionalisierung Schritt zu halten, ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren.

Geht es etwas konkreter?

Wichtig war, aus den Fehlern zu lernen, die wir und andere gemacht haben. Dazu gehört, konsequent auf den Unterbau zu achten, auf gut ausgebildete, lizenzierte Trainer zu setzen und Athleten aus dem eigenen Nachwuchs und der Region zu entwickeln.

Welche Namen könnten Sie anführen?

Das perfekte Beispiel ist Jello Krahmer. Er hat in Schorndorf zu ringen begonnen, heute ist er Teil der Nationalmannschaft, Aushängeschild und Identifikationsfigur. Aber er ist nicht der Einzige, der sich bei uns zu einem Topathleten entwickelt hat. Shamil Ustaev kam als Flüchtlingskind aus Russland, heute ringt auch er im deutschen Nationalteam. So etwas macht uns stolz.

Wie wichtig sind die Finanzen?

Im Ringen ging ja schon das eine oder andere schief, deshalb: natürlich eine wichtige.

Der Etat für Ihr Bundesliga-Team beträgt rund 150 000 Euro . . .

. . . was zeigt, dass im Ringen im Vergleich zu anderen Sportarten nichts zu verdienen ist.

Wie solide ist das Projekt finanziert?

Wir stehen auf einem guten Fundament, für das wir hart arbeiten mussten. Wir sind nun nicht mehr von einzelnen Geldgebern abhängig, sondern haben insgesamt 50 bis 60 Sponsoren. Darunter sind viele kleinere örtliche Unternehmen: die Tankstelle, der Bäcker, der Metzger. Das passt super, zumal wir eines ganz sicher nicht machen werden: mehr Geld ausgeben, als wir einnehmen.

Trotzdem könnte es mit dem Titel klappen. Ist die Meisterfeier schon geplant?

Nein. Spontane Feste sind die schönsten. Allerdings habe ich schon mit unserem Oberbürgermeister Bernd Hornikel gesprochen.

Worüber?

Unser großes Ziel war das Finale, jetzt wollen wir unbedingt noch einen draufsetzen – um auf unserem wunderschönen historischen Marktplatz feiern und uns mit dem Pokal auf dem Rathausbalkon zeigen zu können. Dieses Bild habe ich seit Jahren vor Augen.

Was hat der Schultes gemeint?

An ihm wird es nicht scheitern.