Mit einem eigenen Gutachten will die Bürgerinitiative „Walderhalt statt Windkraft“ belegen, dass sich Windkrafträder bei Aspach und im Hardtwald verbieten.
Über den Bau von Windrädern gestritten wird nicht nur im Schurwald. Auch am nordwestlichen Rand des Rems-Murr-Kreises, im Schwäbisch-Fränkischen Wald, löst die Aussicht auf in der Landschaft stehende Energiemühlen wachsende Proteste aus.
Die Gegner des unter der Abkürzung RM-07 geplanten Windkraft-Vorranggebiets bei Aspach und Oppenweiler haben jetzt die offiziellen Messungen durch eine eigene Untersuchung in Zweifel gezogen – und kommen zum Schluss, dass sich Windräder in diesem Bereich gar nicht lohnen können.
Kritik an Windkraft bei Aspach: „Intaktes Ökosystem wird zum Opfer ineffizienter Symbolpolitik“
„An mehr als 200 Tagen pro Jahr würden die Anlagen weniger als 20 Prozent der möglichen Leistung liefern. Und an vielen Tagen gibt es gar keinen Strom“, sagt Peter Spathelf von „Walderhalt statt Windindustrie“. Aus Sicht der Bürgerinitative verbietet sich mit Blick auf die schwachen Erträge der Eingriff in sensible Waldgebiete. „Hier soll ein intaktes Ökosystem einem ineffizienten Symbolprojekt geopfert werden“, sagt der Windkraft-Gegner Spathelf – und spricht von einem „unverhältnismäßigen Eingriff in wertvolle Natur“.
Hintergrund der Kritik sind die aus Sicht der Bürgerinitiative deutlich unter den Mindestwerten liegenden Windgeschwindigkeiten. In Baden-Württemberg gilt seit 2019 ein Schwellenwert für die sogenannte mittlere gekappte Windleistungsdichte von 215 Watt je Quadratmeter in 160 Metern Höhe – eine physikalisch fundierte Mindestvoraussetzung, um einen Standort überhaupt als geeignet für Windkraftanlagen einzustufen. Im Fall des Vorranggebiets rund um Aspach und Oppenweiler hat eine von der Bürgerinitiative selbst in Auftrag gegebene Untersuchung ergeben, dass diese Anforderung im Himmel über RM-07 deutlich verfehlt wird.
Nicht für Windkraft rentabel? Statt des Mindestwerts von 215 bringt der Wind angeblich nur 188 Watt
Der aus der Vereinskasse beauftragte Gutachter kommt nämlich zu dem Schluss, dass die Windleistung in dem überprüften Gebiet nur auf einen Wert von 188 Watt pro Quadratmeter kommt – und der Bau von Windrädern deshalb schon bei der Berechnung der potenziellen Energieausbeute scheitern muss. Noch ein wenig dünner ist die Brise sogar bei einem zweiten untersuchten Bereich, dem im Landkreis Ludwigsburg liegenden Vorranggebiet LB-20 im Hardtwald zwischen Marbach und Großbottwar. Die Untersuchung der Windleistung hat für diesen Bereich sogar nur 172 Watt pro Quadratmeter ergeben. „Ein Betrieb von Windenergieanlagen wäre an diesen Standorten nur durch massive Subventionen wirtschaftlich darstellbar – nicht jedoch durch einen echten, stabilen Stromertrag“, bilanziert der Verein.
Bei dem beauftragten Gutachter handelt es sich um den Strömungstechniker Willy Fritz. Der Diplomingenieur aus Vaterstetten bei München, Jahrgang 1949, hat einst an der Universität Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert und war in seiner beruflichen Karriere unter anderem beim Eurofighter-Hersteller EADS tätig.
Neben der Berechnung hochturbulenter Strömungen bei den Flugmanövern von Kampfjets, der Verbrennung in Triebwerken und der Landung mit ausgefahrenem Fahrwerk war Fritz auch mit Turbulenzmodellen beschäftigt, wie sie auch im Windatlas für die Region Stuttgart verwendet werden.
Erst Turbulenzmodelle für den Eurofighter, jetzt kritische Studien zur Windkraft
Nicht zuletzt deshalb hat sich der auch im American Institute for Aeronautics and Astronautics (AIAA) tätige Ingenieur einen Namen bei den Gegnern von Windkraftanlagen gemacht. Neben einer Vielzahl anderer Beauftragungen war Willy Fritz vor seinem Engagement für den Verein „„Walderhalt statt Windindustrie“ unter anderem in der Fränkischen Schweiz bei Heiligenstadt, in Altötting oder im Schurwald beim Goldboden-Projekt der EnBW mit windkraft-kritischen Studien beteiligt.
Auch jetzt liefert die aus der Feder des Strömungstechnikers stammende Berechnung aus Sicht der Windkraftgegner den Beleg, dass sich eine Ausweisung der beiden Gebiete für die Stromproduktion verbietet. „Wir haben jetzt schwarz auf weiß, dass diese Standorte die zentralen Kriterien der Landesregierung verfehlen“, sagt Professor Dr. Kai-Markus Müller, der Vorsitzende des mit der Bürgerinitiative eng vernetzten Vereins Naturerhalt Schwäbisch-Fränkischer Wald.
Gutachten zu Windkraft im Schwäbisch-Fränkischen Wald
„Wer Wälder rodet, Lebensräume zerstört und die Erholungsfunktion der Region signifikant mindert, muss zumindest nachweisen können, dass es einen echten Nutzen für das Gemeinwohl gibt. Dieses Gutachten zeigt: Diesen Nutzen gibt es nicht“, sagt der Neurowissenschaftler. Die betroffenen Flächen gehören aus seiner Sicht zu den ökologisch sensibelsten Gebieten der Region.
„Es handelt sich um intakte, geschlossene Waldlandschaften mit hohem Artenreichtum, altem Baumbestand und einer großen Bedeutung für Naherholung, Wasserhaushalt und Biodiversität“, so Müller. Das vollständige Gutachten kann im Internet unter der Adresse www.naturerhalt-sfw.de/downloads eingesehen werden.
Mit Blick auf die Studie appelliert der Verein an die politischen Entscheidungsträger, die Vorranggebiete RM-07 und LB-20 nicht in den Regionalplan aufzunehmen. Die Entscheidung über diese Frage steht im September 2025 in der Regionalversammlung an. Ob der Verband Region Stuttgart bei der Planung noch eine Kehrtwende vollzieht, ist allerdings fraglich.
Windkraft: Grüne in der Region sprechen beim Mindestwert nur von einer Empfehlung
Die Grünen-Fraktion beispielsweise hat schon im März beantragt, dass sieben umstrittene Gebiete trotz einer Unterschreitung der empfohlenen Windleistungsdichte auf die Karte der Vorranggebiete aufgenommen werden sollen. Konkret genannt ist neben der Buocher Höhe bei Waiblingen auch das im Hardtwald liegende Gebiet LB-20. „Die Angabe zur Mindest-Windleistungsdichte ist eine Empfehlung und kein Ausschlusskriterium“, sagt die Regionalfraktion.