Sie wurden als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ stigmatisiert, 1938 in Razzien zusammengetrieben und in Konzentrationslagern umgebracht: In Ludwigsburg erinnern neue Stolpersteine erstmals an eine lange nicht anerkannte Opfergruppe.
Ludwigsburg - Es dauerte ein Dreivierteljahrhundert, bis Menschen, die im Dritten Reich als sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden, Anerkennung als NS-Opfer fanden. Erst Mitte Februar 2020 stimmte der Bundestag einem Antrag von CDU/CSU und SPD zu – mit Ausnahme der AfD. Karl Ebel und Josef Michelbacher fielen in diese von den Nazis aufgestellte Kategorie: Sie wurden, ebenso wie mindestens zwei weitere Männer, am 26. Juni 1938 in Ludwigsburg verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Die Stolpersteine-Initiative widmet den beiden die ersten Ludwigsburger Stolpersteine für Menschen, die Opfer der sogenannten „Aktion Arbeitsscheu Reich“ wurden.
Unterschlupf für mittellose Wanderer
In der Gartenstraße 17 – die seit 1936 Ernst-Weinstein-Straße hieß – betrieb der Evangelische Verein Ludwigsburg damals das Christliche Hospiz und die „Herberge zur Heimat“. Die Herberge entstand 1895 in Verbindung mit dem Bau eines Vereinshauses für den Evangelischen Verein. Am 1. Oktober 1909 wurde in der „Herberge zur Heimat“ eine sogenannte Wanderarbeitsstätte eröffnet, in der sich die Bewohner ihre Kost und Logis erarbeiteten, berichtet Walter Mugler von der Stolpersteine-Initiative. Mittellose Wanderer – seit dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise waren mehrere Hunderttausend Grenzgänger im Land unterwegs – konnten dort übernachten. Wer keine Ausweispapiere hatte, wurde allerdings ins Spital in der Talstraße verwiesen. „Wer nicht arbeiten konnte oder wollte, musste die Herberge nach zwei Übernachtungen wieder verlassen“, so Mugler.
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1925 war der Neubau des Hintergebäudes beschlossen worden. Dort entstand im ersten Stock ein Christliches Hospiz – also ein Hotel mit Gaststätte – mit zehn Zimmern und 18 Betten, und parallel dazu ein „Kosttisch“ für 60 bis 70 Menschen und 40 Betten in der „Herberge zur Heimat“. Diese sei gewiss „keine Wohlfühlpension im heutigen Sinne“ gewesen, erläutert Regina Witzmann vom Ludwigsburger Stadtarchiv – es habe sich eben um eine Unterkunft mit Betten für diejenigen gehandelt, „die sonst keine Bleibe fanden oder arbeitend auf Wanderschaft waren“. Im Frühjahr 1938 wollte der Kreis die Wanderarbeitsstätte allerdings ins Obdachlosenheim verlegen und sich die anteiligen Kosten dafür sparen. Zuletzt hatten noch 92 Wanderer mit 145 Verpflegungstagen in der „Herberge zur Heimat“ übernachtet.
Mit dem Gesetz in Konflikt geraten
Auch Karl Ebel und Josef Michelbacher zählten zu ihnen. Karl Ebel, geboren 1895, war als Bäckers- und Müllerssohn in Weyer aufgewachsen. Warum es den evangelischen Kaufmann nach Süddeutschland zog, konnten die Stolpersteine-Rechercheure nicht rekonstruieren. Es hielt ihn wohl nie lange an einem Ort, Ludwigsburg scheint aber eine Konstante für ihn gewesen zu sein: Er war immer wieder in der Stadt gemeldet – und kam hier im April 1937 wegen Hausfriedensbruch zwei Wochen in Untersuchungshaft.
Dass er mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, wurde ihm nun zum Verhängnis: Er wurde am 27. Juni 1938 im Rahmen der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ abgeholt. Mehr als 200 Männer aus verschiedenen Städten wurden an diesem Tag nach Dachau deportiert. Während das NS-Regime im Laufe der Terrorherrschaft den Begriff des „Asozialen“ immer ausufernder verwendeten und damit einen Vorwand hatten, Andersdenkende und Missliebige in Haft zu stecken, waren die als „Berufsverbrecher“ Titulierten meist wegen Eigentumsdelikten bereits zu kürzeren Freiheitsstrafen verurteilt worden – hatten ihre Strafen also schon verbüßt. „Tausende von Bettlern, Landstreichern, Vagabunden, Sinti und Roma, mittellose Alkoholkranke, Zuhälter und Personen, die mit der Zahlung ihrer Alimente im Rückstand waren, wurden bei der ,Aktion Arbeitsscheu’ verhaftet“, berichtet Walter Mugler.
Mörderische Arbeit in den Steinbrüchen
Auch Josef Michelbacher, Jahrgang 1906, verschleppte die Polizei aus der Ludwigsburger Unterkunft. Er stammte aus dem saarländischen Wallerfangen, wo die Firma Villeroy & Boch nach der Weltwirtschaftskrise 1931 dicht machte. Just zwei Tage vor seinem Abtransport nach Dachau, am 25. Juni 1938, hatte Michelbacher eine Haftstrafe abgesessen. Ein Dreivierteljahr später, am 26. März 1939, starb er im Konzentrationslager.
Karl Ebel wurde von Dachau aus ins KZ Mauthausen weiterverlegt. Sein Leben endete am 24. September 1939. Offiziell war ein Lungenabszess schuld. In Wahrheit, präzisiert die Stolpersteine-Initiative, wohl eher „die unmenschliche mörderische Arbeit in den nahe gelegenen Steinbrüchen des Konzentrationslagers“.
Alte Wunden, neue Steine
Start und Verlauf:
Die Verlegung der Stolpersteine beginnt am Mittwoch, 8. Juli, um 15 Uhr in der Gartenstraße 17. Dort war das Christliche Hospiz und die Herberge zur Heimat für wohnsitzlose Wanderarbeiter, von wo aus 1938 Karl Ebel und Josef Michelbacher verschleppt wurden. Weitere Stolpersteine für Opfer von Kranken- und von Judenmorden werden in der Bogenstraße 10 (Elise Münz), Seestraße 49 (Fanny Kusiel), Elmar-Doch-Straße 33 (Albertine Reichert) und Beihinger Straße 9 (Ida Möhler) verlegt. Da der Künstler Gunter Demnig von einer Verlegung in Rastatt anreist, kann sich der Beginn verzögern. Die Stolpersteine-Verlegungen in der Innenstadt begleiten Hubert Großmann und Hans Pflugfelder musikalisch.
Corona-Pause:
Die Pandemie schob auch der Verlegung von Stolpersteinen einen Riegel vor: Alle zwischen 20. März und 15. Juni geplanten Aktionen wurden abgesagt. Gunter Demnig, Jahrgang 1947, gehört qua Alter zur Risikogruppe, hätte durch Reisen und Begegnungen mit Organisatoren andere in Gefahr gebracht – und die Hotels waren ohnehin zu.
Zigtausende Stolpersteine:
Inzwischen gibt es rund 75 000 verlegte Steine in fast 2000 Kommunen in Europa. Seit 2015 übernimmt das die „Stiftung – Spuren – Gunter Demnig“ in Zusammenarbeit mit Geschichtsvereinen, Gewerkschaften oder anderen Initiativen vor Ort, die das Gedenken an im Dritten Reich ermordete Menschen aufrecht erhalten wollen.
Opfer aus Ludwigsburg
Biografien, mehr Informationen, Hinweise zu den Büchern „Zu Besuch bei verfolgten Nachbarn“ und einen Stadtplan mit den 82 bisher in Ludwigsburg verlegten Stolpersteinen gibt es unter www.stolpersteine-ludwigsburg.de.