Experten suchen Bäume nach Spuren des exotischen Schädlings ab. Spürhunde schnüffeln an jedem Gehölz, gleich ob gefällt oder lebend. Foto: factum/Bach, Benker

Wegen des Asiatischen Laubholzbocks fällen Arbeiter derzeit Bäume am Ortseingang. In den nächsten Wochen rückt der Tross in die Wohngebiete vor. Jedes Gehölz, das dicker ist als ein Bleistift, wird gehäckselt und verbrannt.

Hildrizhausen - Am 5. August bekam Matthias Schöck in einem Plastikkübel ein Problem überreicht, „von dem man nicht ahnt, dass man sich einmal in seinem Leben mit ihm beschäftigen muss“, wie der Bürgermeister der 3600-Seelen-Gemeinde Hildrizhausen im Kreis Böblingen damals sagte. Ein besorgter Bürger hatte am Rathaus geklingelt. Eine Fernsehsendung hatte seinen Sinn für eben jenes Problem geschärft. In dem Kübel kauerte ein Asiatischer Laubholzbock, ein Käfer mit langen Fühlern und weißen Flecken auf dem schwarzen Panzer. Tage später herrschte in Hildrizhausen der Ausnahmezustand.

Was der exotische Schädling in Ländern anrichtet, in denen er keine natürlichen Feinde hat, ist im Osten Nordamerikas unübersehbar. Bäume, die er befällt, sterben unweigerlich. Nadelholz verschmäht der Exot, von den Laubhölzern sind wenige Arten sicher. Rund um US-Großstädte fressen die Larven des Käfers durch ein Drittel aller Laubbäume fingerdicke Gänge. Etwa 30 Eier legt jedes Weibchen unter der Borke ab. Tausende von Bäumen mussten in Nordamerika gefällt werden. Der Schaden summiert sich auf rund 150 Millionen Dollar. Großstädte sind vorwiegend betroffen, weil die Käferlarven in Holzpaletten aus Asien eingeschleppt werden, besonders in Hafenstädte. In Mitteleuropa ist der Exot erstmals 2001 im österreichischen Braunau entdeckt worden. Vier Jahre später meldete die Gemeinde Bornau bei Bonn einen Fund. Auf den Plätzen zwei und drei folgten Lörrach und der bayerische Kreis Ebersberg.

Wie der Käfer hierher kommt, ist unklar

Wie der Exot sich in einem Dorf des Landkreises Böblingen ansiedeln konnte, gilt als unaufklärbar. Fest steht für Landrat Roland Bernhard: „Wir werden ihn ausrotten.“ Der Satz, gesprochen bei einer Bürgerversammlung, ist Gesetz. Die EU hat scharfe Regeln erlassen, um die Ausbreitung des Schädlings zu verhindern. Deren Dringlichkeit ist gerade in Hildrizhausen offenkundig. Die Gemeinde liegt im Schönbuch. Der ist im vergangenen Jahr zum schönsten Wald Deutschlands gewählt worden.

In diesen Tagen werden die Folgen der schärfsten EU-Vorschrift unübersehbar. Ein Spezialunternehmen ist angerückt. Ein Baggerführer beißt mit seiner Schaufel Geäst­ von Bäumen, trennt die Stämme von den Wurzeln. Gegen den Asiatischen Laubholzbock hilft keine Chemie. Verborgen tief im Holz, übersteht er auch wochenlange Frostperioden. Die einzige Waffe gegen ihn ist der Kahlschlag.

Im Umkreis von 100 Metern um jeden befallenen Baum muss alles Laubholz gerodet werden, das dicker ist als ein Bleistift. 18 Bäume waren befallen. Ihretwegen werden exakt 639 Gehölze innerhalb der nächsten Wochen geschreddert und verbrannt – Hecken und jahrzehntealte Bäume. Selbstredend sind auch private Gärten betroffen. „Es geht nicht anders“, sagt Regina Meier, Leiterin des Kreislandwirtschaftsamts. 200 Grundeigentümer sind betroffen. 100 Euro zahlen ihnen die Gemeinde und der Landkreis als Entschädigung für den Kahlschlag in ihren Gärten.

Experten durchstreifen immer wieder das gesamte Dorf

Die zu rodende Fläche hätte weit größer sein können und kann täglich wachsen. Die befallenen Bäume standen allesamt am nordöstlichen Rand der Gemeinde. Wären sie verteilt gewesen, hätte das gesamte Dorf gerodet werden müssen. Anfang September ist ein Käfer im benachbarten Altdorf entdeckt worden – aber kein befallener Baum. Deshalb gilt dort einstweilen Entwarnung. Die kann täglich dem Alarm weichen. Ganze 15 Käfer sind bisher gefunden worden, obwohl mit größter Sorgfalt gesucht wurde. Experten durchstreifen das Dorf, um typische Spuren an Baumborken zu entdecken, die für Laien nicht zu erkennen sind. Spürhunde schnüffeln Holz ab, lebendes wie gefälltes. Sie können den Befall selbst dann noch riechen, wenn der Schädling längst weitergezogen ist, weil sein Wirt stirbt.

Die Arbeit der Suchtrupps ist noch längst nicht beendet. Im Umkreis von zwei Kilometern um jedes befallene Gehölz, so schreibt es ebenfalls die EU vor, muss jeder Baum untersucht werden, bis hinauf in seine Krone. Erst wenn die Prozedur vier Jahre lang keinen neuen Fund ergibt, gilt das Gebiet als frei von Schädlingen. Wird ein weiterer befallener Baum entdeckt, beginnt die Frist von vorn. Die Zone, in der gefällt werden muss, wird genauso erweitert wie die, in der gesucht werden muss.

So gut wie jeder Hildrizhausener macht sein Brennholz selbst oder verkauft es. Seit dem ersten Käferfund darf kein Holz mehr die Gemeinde verlassen. Dass der Schädling nicht verschleppt wurde, ist ungeachtet dessen keineswegs ausgeschlossen. Als ausgewachsenes Tier lebt der Asiatische Laubholzbock nur wenige Wochen. Zwischen der Eiablage und dem Schlüpfen aus dem Baum vergehen Jahre.

Der asiatische Laubholzbock in Europa

Ausbreitung
Der Asiatische Laubholzbockkäfer stammt aus Ostasien. Seit Mitte der 1990er Jahre hat er sich in Nordamerika verbreitet. Eier oder Larven werden vorwiegend mit Holzpaletten eingeschleppt. Diese müssten im Herkunftsland erhitzt werden, um eben die globale Verbreitung von Schädlingen zu verhindern. Die Vorschriften werden aber nicht beachtet. Allerdings kann der Exot sich auch in Schränken oder Schatullen verbergen. Selbst Bonsaibäume sind verdächtig.

Gefährdung
Als gänzlich ungefährdet gilt unter den heimischen Gehölzen nur die Deutsche Eiche. In seiner Heimat befällt der Asiatische Laubholzbock fast ausschließlich Pappeln. In fremden Regionen besiedelt der Schädlinge hingegen scheinbar wahllos Laubgehölze. Obstbäume sind nicht seine bevorzugte Nahrung, aber auch sie sind gelegentlich betroffen. Ahorn, Birke, Buche, Erle, Esche, Haselnuss, Linde, Pappel, Platane, Rosskastanie, Ulme und Weide sind besonders gefährdet.

Vermehrung
Der Schädling gilt als flugfaul. Üblicherweise befällt eine Kolonie einen Baum und zieht in die nächste Umgebung, wenn sein Wirt beginnt abzusterben. Die begrenzte Ausbreitung ist aber nicht garantiert. Einzelne Käfer schwärmen aus unbekanntem Grund gegen alle Gewohnheiten mehrere Hundert Meter in die Umgebung aus. Als weit wahrscheinlicher gilt aber bei einer flächenhaften Ausbreitung, dass der Exot mit Holztransporten verschleppt worden ist.

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