Handarbeit ist ein Hobby des blindes Ehepaars Foto: Judith A. Sägesser

Agnes und Richard Bastian sind blind und aus Sicht von Sehenden ein besonderes Paar.

Stuttgart-Plieningen - Die Bastians brauchen keine Aussicht. Aber sie wohnen im achten Stock im Asemwald. Wenn Besuch kommt, darf er an dem Platz mit dem schönsten Blick sitzen. Was er dann sieht, können sich die Bastians nur in ihrer Fantasie ausmalen. Agnes und Richard Bastian sind blind. Und daraus machen sie keinen Hehl. „Zum Hund sagt man ja auch Hund, und zum Pferd Pferd“, sagt der 77-Jährige.

Nicht, dass es zum Lachen ist, dass die beiden nichts sehen. Aber die Bastians sind lebenslustige Menschen und nennen die Dinge beim Namen, das wünschen sie sich auch von anderen. Deshalb sagt er zu seiner Agnes „guck mal“ oder „schau mal“. Wenn Richard Bastian das erzählt, kichert er.

Blindsein bedeutet nicht, dass das Leben an einem vorüberzieht. Die Bastians leben jenseits der Dunkelheit. Sie stürzen sich ins Geschehen, so gut es eben geht. „Wir machen das nicht aus einem Bestätigungskoller heraus“, sagt er, „sondern weil es uns Spaß macht.“ Zweifellos.

Die Bastians sind beide von Geburt an sehbehindert

Die Bastians wandern zum Beispiel von Herzen gern. Mehrmals im Jahr ziehen sie los. Früher auch im Ausland, inzwischen bevorzugen sie Ziele in Deutschland. Sie lassen sich dann von sehenden Bekannten begleiten. Die Freunde leihen dem blinden Paar ihre Augen, berichten von den Blumen am Wegesrand, von herrlichen Panoramablicken oder von hinreißenden Bachläufen. Auf den Wanderungen lassen sich die Bastians zwar führen, doch die Routen recherchieren sie selbst. Sie wollen sich nicht dauernd bei anderen bedanken müssen.

Die Bastians sind beide von Geburt an sehbehindert. Aber es gab eine Zeit, in der haben sie noch Umrisse erkannt. „Da haben wir ganz verrückte Sachen gemacht“, sagt Richard Bastian. Nämlich Ganztageswanderungen – allein. Sie haben die Schritte gezählt, sich die Art des Bodens gemerkt, auf Geräusche geachtet. „Das Schöne war: Wir waren uns ganz arg sicher“, sagt er. Weil sie beieinander waren.

So ist das bis heute. Wobei sie sich nur noch zwei, drei Wanderrouten im Schwarzwald auf eigene Faust erlauben. Die Wege verwahren sie in ihrer Erinnerung wie ein Amulett in einem Etui. Wenn jemand fragt, wie sie das im Kopf behalten, winkt Richard Bastian ab. „Sie haben ja keine Ahnung, wie viel da rein passt“, erklärt er. „Man denkt immer, man läuft mit den Füßen, aber man läuft mit dem Hirn.“ Beide lachen.

Vor Agnes Bastian steht ein Körbchen mit Strickzeug. Dass der Faden auf dem Knäuel erst lila, dann grün und später blau ist, weiß sie nicht. „Ich habe die Wolle bekommen und soll Socken machen“, sagt sie. Ihr Mann ist eher der Makramee-Typ. Er knüpft Wandbilder und Lampenschirme, aber ab und zu strickt er auch Schals und Pullover. „Mit der Agnes ihrer Hilfe“, sagt er und dreht den Kopf zu seiner Frau, als würde er sie anschauen. Den liebevollen Blick sieht sie nicht, aber sie spürt ihn.

„Wir legen großen Wert auf Beziehungspflege“

Die Bastians haben sich gesucht und gefunden. Beide sind in Dörfern aufgewachsen. Sie im Schwarzwald, er am Rhein bei Frankreich. Mit Anfang 30 hat Agnes Bastian sich aus dem ländlichen Idyll losgerissen, „ich wollte rauskommen“, sagt die 66-Jährige. „Also habe ich mich selbstständig gemacht.“ Die gelernte Stenotypistin hat in Lörrach als Telefonistin angeheuert. Dort ist sie geblieben, bis sie 1989 ihren Richard geheiratet hat. „In der Gemeinschaft mit ihm habe ich mich entfaltet“, sagt sie. „Er hat mich in dem, was ich mache, bestätigt.“

Richard Bastian lebte damals schon in Stuttgart. Er hat bei einer Bank gearbeitet, als Schreibkraft und am Telefon. Wenn er von seiner Kindheit erzählt, ist von einem bösen Dorf die Rede, „Armut macht bitter“, sagt er. Doch Richard Bastian ist entkommen, „im Leben kommt es darauf an, dass man im rechten Moment das richtige Stichwort bekommt“, sagt er. In seinem Fall waren die Stichworte vor allem Gedichte. Die Liebe zur Lyrik hat einen Feingeist aus ihm gemacht. Er sagt, er könne 500 Gedichte auswendig. „Wenn ich das sage, denken viele, ich flunkere, aber ich flunkere nicht.“

Fast so wichtig wie die Zeilen von Erich Kästner und Matthias Claudius ist für die Bastians Geradlinigkeit. Ihre Lebensmittel kaufen sie immer freitags im immer gleichen Laden. „Dort hilft man uns“, sagt Richard Bastian. Dem Metzger sind sie treu, der Fischfrau auch. „Wir legen großen Wert auf Beziehungspflege.“ Sie gibt dem Paar das Raster, an dem es sich täglich entlanghangelt. Das ist für sie die beste Aussicht.