Jochen Herkommer gehört zum Ärzte-Team, das derzeit neben der eigenen Praxisarbeit auch in den Corona-Abstrichzentren im Landkreis Esslingen tätig ist. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Der Nürtinger Arzt Dr. Jochen Herkommer berichtet von seinen Einsätzen in den Corona-Abstrichzentren im Kreis Esslingen. Der anfängliche Ansturm auf die Drive-In-Stationen habe sich mittlerweile gelegt. Für Hausarzt-Patienten hat er derzeit eine Empfehlung.

Nürtingen - Als verantwortlicher Arzt hat Jochen Herkommer die beiden Corona-Abstrichzentren (CAZ) in Nürtingen und auf den Fildern mit entwickelt, dort ist er auch eingesetzt. Aus seinem Arbeitsalltag berichtet Herkommer unter anderem, dass sich die Lage in den CAZ mittlerweile deutlich entspannt habe. Allerdings hat er auch Empfehlungen für Patienten, die zum Hausarzt müssen.

Herr Herkommer, wie läuft ein Einsatz ab?

Die niedergelassenen Ärzte, die sich für einen Einsatz gemeldet haben, werden von den Maltesern eingeteilt und kommen mit dem eigenen medizinischen Fachpersonal. Alle haben entsprechende Schutzkleidung an. Die Patienten werden registriert, Barcodes fürs Labor werden vergeben und dann machen wir den Abstrich. Der Patient bleibt währenddessen im Auto sitzen und macht nur die Fensterscheibe runter.

Anfangs wurden die CAZ überrannt, manche Patienten mussten nach stundenlangen Wartezeiten ohne Test wieder gehen. Wie hat sich die Lage mittlerweile entwickelt?

Die Kriterien des Robert-Koch-Instituts werden nun vorab durch einen Arzt nochmals abgefragt. Die Anzahl der Tests hat sich mittlerweile deutlich verringert. Ich bin etwa an einem Tag durch die Autoschlangen gegangen und habe die Kriterien abgefragt. Da hat sich herausgestellt, dass doch sehr viele unter den Wartenden waren, die die Kriterien des Robert-Koch-Instituts für einen Test, also Face-to-Face-Kontakt mit einem Infizierten oder den Aufenthalt in einem Risikogebiet, gar nicht erfüllen. Diese Personen müssen wir wegschicken.

Warum werden weniger Tests gemacht?

Wir kommen an die Kapazitätsgrenzen. Teilweise haben wir bis zu 800 Tests pro Tag gemacht. Das Maximum liegt bei 500. Da kommen die Labore nicht hinterher. Deshalb wurde das erneute Abfragen der Kriterien von einem Arzt vor Ort eingeführt. Außerdem können auch die Tests ausgehen, da gab es bereits Engpässe. Wir müssen schauen, dass wir die Menschen testen können, die tatsächlich getestet werden müssen.

Wie gehen die Menschen damit um, wenn Sie an einem Zentrum abgewiesen werden?

Wir sind froh, dass die meisten Verständnis haben und einsichtig sind. Natürlich gibt es auch Ausreißer und Leute, die kein Verständnis zeigen, unvernünftig und unsolidarisch sind. Das sind im Moment aber Ausnahmen. Aber ich verstehe, dass die Leute Angst haben. Ich habe auch Angst, vor allem vor den Auswirkungen, will mich und meine Mitarbeiter schützen.

Wie bewerten Sie die Einrichtung der CAZ im Kreis Esslingen grundsätzlich?

Ich und auch alle anderen niedergelassenen Ärzte, mit denen ich gesprochen habe, wir sind sehr froh, dass die CAZ eingerichtet wurden und die Leute nicht in die Praxis kommen. Das wäre problematisch, wenn jemand käme, der im Risikogebiet war. Dann müssten wir eventuell die Praxen schließen.

Wie geht es in den Abstrichzentren nun weiter?

Im Moment haben wir Wartezeiten von etwa einer Stunde. Die Lage hat sich deutlich entspannt. Ich gehe davon aus, dass wir nun weniger Tests machen müssen. Es kamen zu Beginn sehr viele Menschen, ganze Familien, nach den Ferien krank aus den Risikogebieten zurück. Das hat sich nun beruhigt. Ferienrückkehrer aus Risikogebieten, die auch krank sind, haben wir im Moment nicht mehr.

Das heißt aber nicht, dass die Gefahr nun gebannt ist?

Nein, weil wir nicht wissen, wie sich die Situation weiterentwickelt. Wenn sich das Virus weiterhin exponentiell verteilt, kann es sein, dass wir in den nächsten Tagen wieder mehr testen müssen. Allerdings muss man auch betonen, dass wir die Tests wirklich für chronisch Kranke brauchen. Für einen älteren Menschen, etwa mit einer Lungenkrankheit, kann es lebensentscheidend sein, früh getestet zu werden.

Wie geht es für Sie nun weiter?

Die Lage ist dynamisch. Wir müssen auch als Ärzte in den Praxen jeden Tag neu entscheiden und anpassen. Ich gehe davon aus, dass es so noch einige Wochen weitergehen wird. Ich bin vermutlich nächste Woche wieder in einem der CAZ im Kreis im Einsatz.

Was raten sie Patienten, die ganz normal zum Hausarzt müssen?

Derzeit sollte man nur im Notfall zum Arzt gehen. Man kann vieles telefonisch machen, das sollte man nutzen, wenn man etwa seine Blutwerte abfragen will. Auch krankschreiben lassen kann man sich mittlerweile telefonisch.

Weitere aktuelle Infos zum Thema gibt es auch in unserem Coronavirus-Newsblog.

Für die Malteser im Einsatz

Jochen Herkommer ist seit 20 Jahren niedergelassener Arzt. Der 56-jährige Internist hat zusammen mit seiner Frau Dr. Anette Herkommer eine Hausarztpraxis in Nürtingen und ist ehrenamtlich für die Malteser im Einsatz. Er leitet die Notärzte in der Schnelleinsatzgruppe der Malteser Nürtingen und hat die ärztliche Verantwortung der Hilfsorganisation im Landkreis Esslingen inne.

CAZ
Die Malteser organisieren die seit dem 9. März eingerichteten Corona-Abstrichzentren auf dem Festplatz in Nürtingen-Oberensingen und auf der Messe Stuttgart in Leinfelden-Echterdingen. Ärzte und medizinisches Personal aus einem Pool von ansässigen Praxen ist dort im Einsatz.

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