Feiern die Liebe: Ben Brown und Jonathan Finch Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Jonathan Finch und Ben Brown sind im richtigen Leben ein Ehepaar. Als Artisten nennen sie sich Little Finch und schweben im Friedrichsbau durch die Luft.

Stuttgart - Es sind aufreibende Tage. Kaum hatten sie im Friedrichsbau-Varieté mit dem neuen Programm „Noir“ begonnen, drohte schon wieder das Ende. Tagelang waren sie in Winfried Kretschmanns Hand, bangten ob der neuen Coronaverordnung der Landesregierung. Offen lassen, zumachen, offen lassen, zumachen, viele Gerüchte machten die Runde, die Kulturszene übte sich wieder in Kaffeesatzleserei.

 

Schließlich war klar, der Saal darf halb voll sein, maximal 750 Besucher. „Ich habe Blut und Wasser geschwitzt“, sagt Geschäftsführer Timo Steinhauer, zwar werde man so kein Geld verdienen, im Gegenteil, aber zumachen möchte er nicht mehr. Gerade habe er seine Angestellten aus der Kurzarbeit geholt und die Artisten für drei Monate verpflichtet. „Wir lassen für die Zuschauer auf, wir brauchen die Kunst, die schönen Momente im Leben“, sagt er, „aber wir lassen auch auf für die Künstler.“

Das Varieté bleibt offen

Für Künstler wie Jonathan Finch (34) und Ben Brown (31). Wir sitzen gerade beim Gespräch im Foyer des Varieté, als Steinhauer dazukommt und sagt, man könne weiterspielen. Die Engländer sind sichtlich gerührt und erleichtert. In Stuttgart haben sie gerade ihr erstes längeres Engagement seit zwei Jahren. Endlich ein bisschen Sicherheit, endlich wieder Geld verdienen mit ihrem Talent als Luftikusse, endlich wieder auftreten. „Das Ensemble ist wunderbar“, sagt Jonathan Finch, „es hat uns sehr gefehlt, wieder auf einer Bühne zu stehen.“ Wobei sie ja die meiste Zeit nahe der Decke unterwegs sind, an einem Anker. Als Artisten nennen sie sich Little Finch und schweben durch die Luft.

Spielen mit Klischees

Als ziemlich beste Partner, als ziemlich beste Artisten mit ziemlich nackten Hintern. Sie zelebrieren ihren Auftritt, feiern zu Depeche Mode die Vielfalt und die Toleranz – jeder möge doch nach seiner Fasson selig werden. Sie spielen mit den Klischees der schwulen Szene. Tätowierungen, Nacktheit, Latex, Leder, „wir feiern so die Menschen, die für uns gekämpft haben, dass wir frei sein konnten im Leben und frei sein zu heiraten“. Ihre Hochzeit und die Flitterwochen waren die Inspiration für ihre Nummer, an einem Anker zeigen sie ihre Kunst, die sich aber nicht in der guten Absicht erschöpft. Sie sind erstklassige Artisten, kraftvoll, geschmeidig, mit einer ganz eigenen Ausdrucksweise.

Erst Sport, dann Artistik

Die beiden kennen sich schon ewig. Jonathan Finch wuchs in Manchester auf, im Norden Englands, Ben Brown im Süden, in Portsmouth. Doch beide betrieben sie Acrobatics, eine in England weit verbreitete Art des Turnens. Sie mischt Bodenturnen mit Luftakrobatik. Beide waren sie gut, so gut, dass sie immer wieder bei nationalen Meisterschaften gegeneinander antraten. Sie liebten diesen Sport so sehr, dass sie nicht davon lassen konnten. Als junge Männer studierten sie, kamen aber unabhängig voneinander auf die Idee „ihr Talent und ihre Leidenschaft für die Artistik“ nicht ungenutzt zu lassen, wie Jonathan Finch das ausdrückt. So trafen sie sich 2012 auf der Zirkusschule in London, wurden privat und beruflich ein Paar.

Anderswo geht es prüder zu

Ihre Liebe verstecken sie weder im Privaten noch auf der Bühne. Wobei es an manchen Auftrittsorten prüder zugehen muss. In Singapur mussten die Kostüme züchtiger sein, in einem irischen Zirkus im englischen Herzland wollte der Direktor schon eine provokante, „zweideutige“ Nummer, aber auch nicht zu provokant. In Stuttgart dürfen sie sich hingegen nach Herzenslust austoben – und werden gefeiert. „Es ist großartig“, freuen sie sich über den Zuspruch. Und auch darüber, zur Ruhe zu kommen. Derzeit wohnen sie in einer Wohnung des Varietés auf dem Pragsattel. Drei Monate an einem Ort auftreten, den Luxus haben sie zu Hause nicht. „In England gibt es diese Varieté-Kultur nicht“, sagt Brown. Da hat es zwar viele Theater, aber gebucht werden sie nur für eine Show. So treten viele Künstler an einem Abend an drei Orten auf. „Wenn wir auf die Bühne gehen, kommt uns die Burlesque-Tänzerin mit dem Rollkoffer entgegen, auf dem Weg ins nächste Theater.“

Durchkommen

So leicht ihre Kunst aussieht, so hart verdient ist mitunter das Geld. Während der Pandemie hätten sie 60 Euro Arbeitslosengeld bekommen, denn sie waren zu oft im Ausland aufgetreten. Also arbeitete Ben Brown in einem Reformhaus, Jonathan Finch zunächst in einem Amazon-Verteilcenter. Nach sechs Wochen schmiss er hin, fortan beantwortete er Kundenbeschwerden bei einem Internetanbieter. Trainiert haben sie zu Hause, „wobei beim Handstand meine Füße die Decke berührt haben“, sagt Finch. Nun haben sie endlich wieder Platz. Dass sie ihre Familien an Weihnachten nicht sehen können, weil sie über die Feiertage auf der Bühne sind, ist für sie als Artisten normal. Oder besser gesagt, war normal. Ben Brown: „Dass wir wieder auftreten dürfen, ist ohnehin das größte Geschenk.“

Varieté-Programm

Info
Die 20er-Jahre-Show „Noir“ ist bis zum 27. Februar 2022 im Friedrichsbau-Varieté auf dem Pragsattel zu sehen. Gespielt wird donnerstags bis sonntags. Karten und Infos über Telefon 07 11 /  2 25 70 70 oder www.friedrichsbau.de.