An den Fangzäunen im Frühjahr werden immer weniger Erdkröten entdeckt und eingesammelt. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Experten stellen in diesem Jahr einen drastischen Rückgang der Amphibien gegenüber dem langjährigen Mittel fest. Zudem sind viele Tiere abgemagert. Wie stark ist der Verlust, welche Ursachen hat er – und was müsste dagegen getan werden?

Offenburg - Es sind dramatische Zahlen, die Hubert Laufer vom landesweiten Verein Amphibien- und Reptilien-Biotopschutz mit Sitz in Offenburg zu verkünden hat: An den rund 900 Stellen in Baden-Württemberg, an denen im Frühjahr an Fangzäunen und Straßenröhren die Wanderung von Fröschen, Kröten und Molchen beobachtet werden, sind jetzt so wenige Tiere gezählt worden wie noch nie. Der Rückgang liege im Landesschnitt bei 50 Prozent, an einigen Stellen betrage er sogar bis zu 90 Prozent, sagt Laufer.

 

Teilweise werden Frösche schon seit 30 Jahren an ihren Wanderstellen zu den Laichgewässern vor dem Autotod bewahrt, sodass mittlerweile eine gute Datenbasis vorliegt. Hubert Laufer hat die Zahlen genommen und aus ihnen das langjährige Mittel errechnet – und dieses dann mit der diesjährigen Zählaktion verglichen. Sein Fazit: „Es wird still am Tümpel – immer mehr Froschkonzerte finden nur noch in einer Notbesetzung statt, da die Solisten, unsere Frösche und Kröten, von der Bühne verschwinden, und das in alarmierender Geschwindigkeit.“ Der 60-jährige Hubert Laufer kümmert sich von Kindesbeinen an um Amphibien und ist seit 30 Jahren in diesem Bereich hauptberuflich als Gutachter tätig.

Anderswo in Deutschland sieht die Lage ganz ähnlich aus

Eine Videokonferenz von 250 Amphibienexperten aus ganz Deutschland und angrenzenden Staaten hat vor wenigen Tagen gezeigt, dass die dramatische Entwicklung anderswo ganz ähnlich verläuft. In Baden-Württemberg sind die Zahlen sehr aussagekräftig für Grasfrosch und Erdkröte, ein Thüringer Experte bestätigt den Abwärtstrend auch für den Laubfrosch.

Der Naturschutzbund (Nabu) berichtet deutschlandweit von unterschiedlichen Ergebnissen. In Langenhagen bei Hannover etwa habe man im positiven Sinn alle Rekorde gebrochen; allerdings wird dort erst seit 2014 gezählt: „Aber das ist ein schönes Beispiel, dass ein Schutzzaun dazu beitragen kann, eine Population erstarken zu lassen“, sagt der dortige Helfer Ricky Stankewitz. Heinz-Werner Steckhan vom Nabu Walddörfer in Hamburg stützt dagegen die baden-württembergischen Erkenntnisse: „Hatten wir bisher weit über tausend Amphibien, waren es im letzten Jahr ganze 80, überwiegend Grasfrösche.“

Die Trockenheit spielt vermutlich eine große Rolle

Über die Ursachen rätseln die Biologen noch. Ein wichtiger Hinweis könnte darin bestehen, dass die Sammler an den Fangzäunen zuletzt immer wieder auf stark abgemagerte Tiere gestoßen sind. Offensichtlich finden sie nicht genügend zu fressen. Das könnte daran liegen, dass ihre Beute weniger wird – Stichwort Insektensterben. Eine Rolle spiele aber vermutlich auch die zunehmende und oft lang anhaltende Trockenheit, glaubt Hubert Laufer. Denn wenn es nur noch im Morgentau feucht genug sei, damit die Frösche und Kröten nach Futter suchen könnten, habe das schnell dramatische Folgen. Zudem verschwinden Regenwürmer dann in tiefere Erdschichten, und auch Schnecken verkriechen sich. Der Klimawandel könnte deshalb „wie ein Brandbeschleuniger das negative Szenario für die Amphibien befeuern“, glaubt Laufer und stützt sich bei dieser Aussage auch auf erste Studien.

Vermutlich gibt es aber ein ganzes Bündel an Ursachen. Problematisch seien auch die überhöhten Nährstoffeinträge durch Düngemittel, das Einschleppen gebietsfremder Tierarten und eine schnelle Zunahme von Krankheiten und Parasiten, wie zum Beispiel der Krötengoldfliege. Auch Wildschweine, die sich längere Zeit in der Nähe von Fließgewässern aufhalten, können die Zahl der Amphibien stark dezimieren. Sie lieben die Eiweißhappen.

Mehr Feuchtgebiete müssten renaturiert werden

Für die Bekämpfung des Amphibiensterbens sei es jedenfalls wichtig, den Klimaschutz endlich ernsthaft anzugehen, sagt Laufer. Daneben müssten möglichst viele Feuchtgebiete und Gewässer renaturiert und teils aufgestaut werden; der Biber sei ein natürlicher Freund der Frösche und Kröten. Weiter müssten an den Wanderstellen mehr Röhren unter den Straßen gebaut werden, damit weniger Tiere auf dem Asphalt ihr Leben lassen. Jetzt soll eine Datenbank aufgebaut werden, um die bisherigen Erkenntnisse statistisch zu verfeinern und um daraus Lösungsansätze ableiten zu können. Der Nabu Baden-Württemberg fordert zudem, dass Kleingewässer neu angelegt werden. Der Trend, dass die Bestände einbrächen, habe sich schon 2019 abgezeichnet, so Claudia Wild, die Sprecherin des Nabu.

Positiv ist zumindest, dass es immer noch genügend Menschen gibt, die im Frühjahr bereit sind, ein bis zwei Monate lang an den Fangzäunen zu helfen. Trotzdem würden immer engagierte Personen gesucht, sagt Laufer. Manche Wanderstellen werden dagegen allmählich nicht mehr betreut: „Es lohnt sich schlicht nicht mehr, 500 Meter lange Zäune aufzubauen, wenn am Ende nur noch zehn Erdkröten eingesammelt werden können“, betont Hubert Laufer.