Am Ufer einer überschwemmten Oderwiese knabbert ein Biber die Rinde von Weidenästen ab. Die Bestände vieler großer Süßwassertierarten sind laut einer Studie rund um den Globus drastisch zurückgegangen. Foto: Patrick Pleul/zb/dpa

Die Zahl von Bibern, Krokodilen, Riesenschildkröten und vielen anderen großen Süßwasser-Tieren ist innerhalb von 40 Jahren dramatisch gesunken. Schuld an dem Artensterben ist vor allem der Mensch: Er zerstört die Lebensräume und konsumiert das Fleisch der Tiere.

Berlin - Die Bestände vieler großer Süßwassertierarten sind laut einer Studie rund um den Globus drastisch zurückgegangen. Bei Arten mit einem Gewicht von mehr als 30 Kilogramm seien die weltweiten Populationen von 1970 bis 2012 um 88 Prozent zurückgegangen, berichten Forscher vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin im Fachblatt „Global Change Biology“.

Zu den bedrohten Tierarten zählen etwa Flussdelfine, Biber, Krokodile, Riesenschildkröten und Störe. Der Verlust sei damit doppelt so groß wie bei Wirbeltieren an Land oder im Meer. Auch Europa zählt zu den besonders betroffenen Regionen.

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„Große Fischarten wie Störe, Lachsfische und Riesenwelse sind besonders betroffen: Sie führen mit 94 Prozent die traurige Spitze an, vor Reptilien mit 72 Prozent Rückgang“, teilte das Leibniz-Institut mit. Zu den Ursachen zählten Übernutzung, etwa für den Konsum von Fleisch und Kaviar, sowie Lebensräumzerstörungen.

Staudamm-Projekte zerstören Lebensräume

Die Forscher kritisierten Planung und Bau weiterer 3700 Staudammprojekte weltweit. Davon sollen 800 in Gebieten mit besonderer Artenvielfalt entstehen, etwa in der Umgebung von Amazonas, Kongo, Mekong und Ganges. Solche Maßnahmen versperrten den Zugang zu Laich- und Futtergründen.

Die Wissenschaftler trugen den Angaben zufolge verschiedene Daten zusammen: zum Bestand von 126 großen Süßwassertierarten weltweit sowie zur historischen und aktuellen Verbreitung von 44 Arten in Europa und den USA.

Noch klafften aber auch Lücken bei der Überwachung, merken die Forscher an. Die Ergebnisse seien erschreckend und bestätigten die Befürchtungen, so Studienleiterin Sonja Jähnig.

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Menschheit lebt auf Kosten der Natur

Nach Angaben des „Living Planet Report 2018“ der Umweltschutzorganisation Word Wildlife Fund (WWF) sind die weltweiten Tierbestände zwischen 1970 und 2012 im Schnitt um knapp 60 Prozent geschrumpft. Der Rückgang betrifft alles, was auf der Erde kreucht und fleucht: Säugetiere, Fische, Vögel, Amphibien und Reptilien. „Ein großer Fluss wie der Kongo in Afrika ist fast vollständig leergefischt“, sagt Christoph Heinrich aus dem Vorstand des WWF Deutschland.

Die Fauna des Planeten schwinde „in beispiellosem Tempo“, warnt Marco Lambertini, Generaldirektor des WWF International, welcher die Untersuchung gemeinsam mit der Zoological Society of London und dem Global Footprint Network alle zwei Jahre erstellt.

„Wir können ziemlich genau nachweisen, dass die Menschheit seit den 70er Jahren den Planeten deutlich übernutzt. Und das wird von Jahr zu Jahr schlimmer“, so Heinrich. „Die Menschheit treibt die Erde in einen lebensbedrohlichen Burn-Out.“

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Sechstes Artensterben

Während die Welt der Tiere schrumpft, expandiert die der Menschheit. Die Zahl der Menschen hat sich seit 1960 auf 7,7 Milliarden verdoppelt. In den zurückliegenden Erdzeitaltern gab es fünf große Massensterben. Derzeit erlebe der Planet durch das Einwirken des Menschen seine sechste „Massenauslöschungsperioden“, warnen die Forscher (hierzu auch das Buch der US-Wissenschaftsjournalistin und Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Kolbert „The Sixth Extinction“ – „Das sechste Sterben – Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“, Berlin 2015)

Doch es gibt einen Unterschied: In der Urzeit hatte das Aussterben natürliche Ursachen – Einschläge von Asteoriden- und Meteoriten, Klimawandel, Vulkanismus, verdunstende Meere. Heute ist es der Mensch, der versucht Evolution zu spielen und damit sein eigenes Überleben riskiert.

Durch Intensiv-Landwirtschaft, Brandrodung, Umweltverschmutzung und Überfischung raubt er immer mehr Tieren und Pflanzen ihren Lebensraum. An jeder bedrohten Art hängen weitere, die für das Überleben als Nahrung oder Symbiose-Partner unentbehrlich sind.

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„Ungemütliche Zeiten brechen an“

„Ohne Einsicht und Veränderungsbereitschaft brechen in den globalisierten Gesellschaften des Anthropozäns (Zeitalter des Menschen) ungemütliche Zeiten an“, lautet das Fazit des WWF-Reports. Die Befunde seien „ein Weckruf, um die Erholung dieser Populationen voranzutreiben“, erklärt Ken Norris, Forschungsdirektor der Zoological Society of London.

Wenn die Menschen mit den natürlichen Ressourcen weiter so verschwenderisch wie bisher umgehen, benötigen sie bis 2030 zwei Planeten, um ihren Bedarf an Nahrung und nachwachsenden Rohstoffen zu decken (im Moment liegt der Faktor, um den die Menschheit die Biokapazität der Erde überlastet, bei 1,6). Bis 2050 würden es sogar drei Erden sein, prognostiziert der WWF.

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