Das Tagpfauenauge, der Inbegriff des Schmetterlings, ist selten geworden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In Stuttgart boomt Vieles – nur nicht die Naturnähe, kommentiert Lokalchef Jan Sellner. Das Problem ist erkannt, zur Lösung können auch die Bürger etwas beitragen.

Stuttgart - Stuttgart hat viel zu bieten. Und davon immer mehr. Man schaue sich allein dieses Wochenende an mit einer nie da gewesenen Dichte an Großereignissen, Open-Air-Veranstaltungen und Festen.Auch sonst ist die Stadt ein bis zum Rand gefüllter Kessel Buntes. Wer eintaucht, ersäuft fast in Eindrücken. Man kann sich an diesem Stuttgart berauschen.

Bei all dem Angebotenen, Vorhandenen und neu Entstehenden übersieht man gelegentlich, was nicht da ist. Das, was der Stadt fehlt. Gemeint ist nicht der x-te hippe Laden oder eine weiteres Top-Event, sondern Unscheinbares – wie Schmetterlinge. Man muss in Stuttgart heute nicht weit gehen, um eine neue Attraktion oder eine neue Party zu erleben. Musiker von Weltrang geben sich die Klinke in die Hand, man hat Spitzenkunst vor der Haustür, Spitzenköche um die Ecke und Spitzentanz im Park – das bereichert Stuttgart und lässt es pulsieren. Gleichzeitig ist es verdammt schwer, in der Stadt noch ein Tagpfauenauge zu entdecken – und das macht sie ärmer.

„Wenn Schmetterlinge in die Stadt fliegen, sind sie eigentlich schon fast tot“

Muss das einen interessieren? Stuttgart und die Insekten! Diese Diskussion kreiste in der Vergangenheit meist um die Juchtenkäfer, die – wie aktuell die Eidechsen – oft als Störfaktoren wahrgenommen wurden. Man könnte argumentieren: Wer auf Schmetterlinge und andere Insekten steht, ist im Naturkundemuseum mit seiner eine Million Falter zählenden Sammlung gut aufgehoben. Oder er kann in die Wilhelma gehen, die sich übrigens vorbildlich für die Insekten in der Stadt engagiert. Oder er fährt ins Umland oder gleich aufs Land. Da soll es ja noch welche geben. Alles richtig.

Man kann allerdings auch der Meinung sein, dass Stuttgart ohne Schmetterlinge Entscheidendes fehlt. Der am Naturkundemuseum beschäftigte Schmetterlingsforscher Hossein Rajaei hat auf dieses in vielen Städten zu beobachtende Phänomen jüngst hingewiesen: „Wenn Schmetterlinge in die Stadt fliegen, sind sie eigentlich schon fast tot.“ Alle würden über Artenschutz reden, dabei aber oft die kleinen Arten vergessen. Sein Wunsch: mehr naturnahes Grün in Stuttgart. Mehr blühende Inseln. Jeder Einzelne kann demnach etwas dazu beitragen. Lasst Blumen blühen, heißt in diesem Fall: Lasst uns etwas für Insekten tun. Oft reicht es auch schon, etwas zu unterlassen: nämlich allzu häufiges Rasenmähen. Oder die Umwelt weniger mit Licht zu verschmutzen. „Unsere Nächte sind heller, als sie sein müssten“, sagt der Schmetterlingsforscher. Die Nachtfalter unter den Nachtschwärmern überleben das nicht.

Gibt es Schmetterlinge bald nur noch im Bauch?

Immerhin: Das Problem ist erkannt und war bereits auch Gegenstand einer großen Multimedia-Reportage unserer Zeitung. Das Verschwinden der Schmetterlinge und Wildbienen, überhaupt das massenhafte Sterben der Insekten vor allem als Folge der industriellen Landwirtschaft, ist glücklicherweise kein Randthema mehr, sondern wird in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Die baden-württembergische Akademie für Umwelt- und Naturschutz veranstaltete dazu jüngst einen Biologentag an der Universität Hohenheim unter dem Titel: „Gibt es Schmetterlinge bald nur noch im Bauch?“ Dort sind sie zumindest sicher.

jan.sellner@stnz.de

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