Artenschutz in Stuttgart Ausnahmeflut

Von Jürgen Bock 

Auf dem Stuttgarter Killesberg wächst langsam Gras über die grauen Steinhaufen, die Eidechsen von den Stuttgart-21-Baustellen als Ersatzquartier dienen. Weitere Flächen dieser Art gibt es laut Gutachten in der Stadt nicht mehr. Dafür aber reichlich geschützte Tiere. Foto: Lichtgut-Oliver Willikonsky
Auf dem Stuttgarter Killesberg wächst langsam Gras über die grauen Steinhaufen, die Eidechsen von den Stuttgart-21-Baustellen als Ersatzquartier dienen. Weitere Flächen dieser Art gibt es laut Gutachten in der Stadt nicht mehr. Dafür aber reichlich geschützte Tiere. Foto: Lichtgut-Oliver Willikonsky

Laut Studie gibt es in Stuttgart keine Ersatzflächen für Eidechsen mehr. Das eröffnet nicht nur der Bahn neue Möglichkeiten, sondern allen Bauherren. Doch das neue Schlupfloch ist gefährlich.

Stuttgart - Artenschutz ist nicht Tierschutz. Das klingt zunächst verwirrend. Doch es gibt einen himmelweiten Unterschied. Der Tierschutz hält seine Hand über jedes einzelne Wesen. Beim Artenschutz geht es ausschließlich darum, den Bestand einer Art zu erhalten. Und genau da kommen Stuttgart 21 und generell die Baubranche in der Landeshauptstadt ins Spiel.

Die dürfen jetzt nämlich hoffen, künftig nicht mehr jede Mauereidechse einzeln über die Straße tragen zu müssen. Ewige Verzögerungen, hohe Umsiedlungskosten und die verzweifelte Suche nach Ersatzflächen innerhalb der dicht besiedelten Großstadt prägen bisher das Bild vom Artenschutz bei den Bauherren. Doch jetzt bietet eine Studie im Auftrag der Stadtverwaltung ein Schlupfloch. Da haben nämlich Experten nachgezählt und hochgerechnet. Und sie kommen zu dem überraschenden Ergebnis, dass die Tiere in Stuttgart so häufig vorkommen, dass sie zumindest hier nicht gefährdet sind. Mehr noch: Sie bescheinigen schwarz auf weiß, dass es keinerlei mögliche Ersatzflächen mehr gibt. Bauherren haben also hochoffiziell gar keine Möglichkeit mehr, Mauereidechsen umzusiedeln. Auch die Bahn nicht, die vergeblich 200 Flächen geprüft hat, damit 6000 Exemplare aus Untertürkheim ihre Koffer packen und umziehen können. Jetzt könnte es eine Ausnahmegenehmigung geben und alle Beteiligten wären fein raus – außer den Mauereidechsen natürlich. Die wären tot.

Doch ganz so simpel ist die Sache nicht. Sobald es die erste Ausnahme gibt, etwa für die Bahn, werden zig weitere Anträge folgen. Eine Ausnahmeflut wäre das. Lässt man die zu, ist die Art irgendwann doch gefährdet. Wer also wird künftig befreit? Wer muss bei seinem Bauvorhaben Eidechsen umsiedeln? Die Studie der Stadt hat ein großes Fass aufgemacht.

juergen.bock@stuttgarter-nachrichten.de

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