Lars Stoltze kümmert sich darum, dass sich die Kiebitze im Ammertal wohlfühlen. Foto: Faltin

Manchmal ist es gar nicht so schwer und gar nicht so teuer, eine Vogelart vor dem Aussterben zu bewahren: Das Schutzprojekt für den Kiebitz im Ammertal bei Tübingen macht Mut.

Wer würde den Kiebitz, der früher eine Allerweltsart war, heute überhaupt noch erkennen? Sein braunes oder schwarzes Gefieder ist, wenngleich es metallisch glänzt, völlig unscheinbar, und das soll es auch sein – denn der Kiebitz, der ähnlich groß ist wie eine Taube, lebt und nistet auf offenem Boden und möchte um keinen Preis auffallen. Am ehesten identifiziert der Laie den Kiebitz aufgrund seiner kecken Federtolle auf dem Kopf. Wie schlecht gekämmt sieht er aus.

 

Im Ammertal, zwischen den Orten Unterjesingen und Wurmlingen (Kreis Tübingen), könnte man ihn nun tatsächlich wieder zu Gesicht bekommen. Im Moment natürlich nicht, da macht er Winterurlaub in Frankreich oder Spanien. Aber seit drei Jahren brüten dort, auf einem 4,5 Hektar großen Gelände mit kleinem See und feuchten Wiesen, im Sommerhalbjahr vier, fünf Brutpaare. Lars Stoltze vom Nabu in Tübingen ist dann jeden zweiten Tag vor Ort und passt auf die Vögel auf.

Ein Zaun hindert den Fuchs am Klauen der Eier

Die Wiederansiedlung nach zwölf kiebitzlosen Jahren sei ein großer Erfolg, sagt Stoltze. Das Projekt zeige erstens, dass Artenschutzprogramme erfolgreich sein können, zudem oft schon in kurzer Zeit. Und es koste zweitens jährlich nur ein paar tausend Euro. Schon vor vielen Jahren hat der Nabu die wenig rentablen Flächen, die kein Landwirt haben wollte, gekauft oder gepachtet. Vor drei Jahren wurde sie dann bewusst für den Kiebitz hergerichtet.

Und das war gar nicht so aufwendig. Der Boden wurde weiter vernässt, weil die Vögel im flachen Wasser nach Insekten, Schnecken und Würmern suchen. Ein Teil der Wiese wurde aufgebrochen, weil Kiebitze den offenen grasfreien Boden lieben. Weiden wurden gefällt, weil Raubvögel dort oft ansaßen und die Kiebitze erbeuteten. Zehn Rinder schauen ab und zu vorbei, um das Gras kurz zu halten. Und während der Brutzeit wird das Gelände eingezäunt, damit keine Füchse die Eier klauen und damit der Kiebitz auch von Spaziergängern und ihren Hunden unbehelligt bleibt. Nach derzeitigem Stand der Forschung sind tatsächlich vor allem die vielen Füchse für den Verlust von Gelegen verantwortlich.

Um 92 Prozent ist der Bestand der Kiebitze eingebrochen

Das ist schon alles an Arbeit, auch wenn natürlich viel ehrenamtliches Herzblut in dem Projekt steckt und es immer etwas zu tun gibt. Das Schöne ist zudem, dass das Biotop auch vielen anderen Arten zugute kommt, etwa der winzigen, aber sehr seltenen Schmalen Windelschnecke, dem Laubfrosch und dem Kammmolch, vielen Libellen und Schmetterlingen und auch einigen Vogelarten. Das Rebhuhn, ebenfalls eine extrem gefährdete Art der Flurlandschaft, ist mit fünf bis sieben Brutpaaren zurück, und in diesem Jahr hat erstmals auch die seltene Tafelente im Ammertal gebrütet.

Schon seit Langem kämpfen Naturschützer, Kommunen und das Land um die sogenannten Bodenbrüter, denn sie haben es besonders schwer in unserer Agrarlandschaft, in der Wiesen fünfmal im Jahr gemäht und nach der Ernte weit und breit kein Halm mehr zum Verstecken bleibt. Um 92 Prozent ist der Bestand an Kiebitzen seit 1995 eingebrochen, beim Rebhuhn sind es 82 Prozent. Ein Artenschutzprojekt für das Rebhuhn existiert im Kreis Tübingen seit 2017, und immerhin 41 Reviere sind bisher entstanden: „Von einer langfristig stabilen Population mit 250 Rebhuhnrevieren sind wir aber noch weit entfernt“, sagt Projektleiterin Karin Kilchling-Hink.

Eine Vernetzung der Biotope wäre wichtig

Beim Kiebitz sieht die Situation ähnlich aus – er ist derzeit vor dem Aussterben bewahrt, aber noch längst nicht über den Berg. Oder, um in der Vogelsprache zu bleiben: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Lars Stoltze ist es deshalb wichtig, die wenigen Kiebitz-Gebiete im Land miteinander zu vernetzen. Bei Wurmlingen gibt es wenige Kilometer entfernt am Neckar eine weitere Brutfläche, auch bei Gärtringen, auf der baden-württembergischen Seite der Iller bei Memmingen oder auf der Baar wurden entsprechende Programme angestoßen. Eigentlich müsste ein Koordinator dafür sorgen, fordert Stoltze, dass weitere Flächen entstehen und alle miteinander verbunden würden. Der Nabu Baden-Württemberg bewirbt sich gerade um eine Bundesfinanzierung, um dies bei 15 Flächen im Land zu tun. Auch da passiert also einiges.

Land startet doch ein Bodenbrüter-Programm

Übrigens: Das Illertal ist mit 53 Brutpaaren im Jahr 2018 das größte Kiebitz-Gebiet im Land. Dort sorgen Naturschützer dafür, dass die Vögel auch im ganz „normalen“ landwirtschaftlichen Gebiet ihre Küken aufziehen können, indem sie etwa Gelege mit Stahlkörben schützen.

Wenige Kilometer ammerabwärts, schon am Stadtrand von Tübingen, bereitet das Regierungspräsidium ebenfalls eine weitere, neun Hektar große feuchte Brachfläche für den Kiebitz vor. Und der ist so ungeduldig, zurückzukehren, dass in diesem Jahr schon vier Paare gebrütet haben, obwohl das Gebiet noch gar nicht richtig modelliert war.

Das Umweltministerium hat zudem eine weitere gute Nachricht zu verkünden: Ein spezielles Artenschutzprogramm für Bodenbrüter, das die grün-schwarze Koalition versprochen hatte und das trotzdem immer wieder auf der Kippe stand, könnte nun doch Mitte 2023 starten. Eine Arbeitsgruppe entwickle gerade ein Konzept, sagt Bettina Jehne, die Sprecherin des Ministeriums. Jetzt muss nur noch das Geld im neuen Haushalt bereit gestellt werden.

Rote Liste der Brutvögel

Bericht
Vor wenigen Wochen hat die Landesanstalt für Umwelt die neue Rote Liste für Brutvögel veröffentlicht. Danach sind 118 von 200 in Baden-Württemberg vorkommenden Brutvogelarten in ihrem Bestand gefährdet, das entspricht 59 Prozent. Der Trend zeigt weiter nach unten. In jüngster Zeit sind Flussuferläufer, Haselhuhn und Raubwürger aus unserer Landschaft komplett verschwunden.

Aufwärtstrend
Für immerhin sechs Arten hat sich in Baden-Württemberg eine Verbesserung feststellen lassen. So hat sich die Population des Weißstorches in den vergangenen Jahren derart gut erholt, dass er nun aus der Roten Liste entlassen werden konnte. Auch die Zaunammer gehört nunmehr zu den ungefährdeten Arten. fal