Artenschutz bei Stuttgart 21 Eidechsen türmen aus Killesberg-Habitat

Von Jürgen Bock 

Aller Artenschutz ist nichts, wenn die geschützte Art nicht mitmacht. Die Bahn muss im Zuge von Stuttgart 21 Tausende Eidechsen umsiedeln. Für sehr viel Geld. Doch am Ende könnte sich das als vergebliche Liebesmüh erweisen.

Stuttgart - Der Gartenbesitzer vom Killesberg ist hörbar amüsiert. „Die machen halt, was sie wollen“, sagt er und lacht lauthals. Gemeint sind die kleinen Gesellen, die er seit einigen Monaten in seinem Garten beobachtet. „Eidechsen hatte ich dort davor noch nie. Aber jetzt sehe ich an manchen Tagen Dutzende. Das müssen wohl Habitat-Flüchtlinge von nebenan sein.“

Gemeint sind die großen Steinwälle am Rande des Landschaftsschutzgebiets Feuerbacher Heide. Dort haben die Projektpartner von Stuttgart 21 im vergangenen Sommer 14 000 Tonnen Steine verteilt, um streng geschützte Mauereidechsen von den Baustellen im Neckartal umzusiedeln. Regierungspräsidium und Stadt hatten sich zuvor auf diese Fläche geeinigt, weil es andere geeignete Areale in Stuttgart nicht mehr gibt. Die Proteste ließen nicht lange auf sich warten, der Anblick ist für viele bis heute gewöhnungsbedürftig.

Die Umsiedlungen sind inzwischen abgeschlossen. Laut einem Bahn-Sprecher hat man 1660 erwachsene und 1540 junge Tiere eingefangen und in die Höhenlage gebracht. Doch damit ist es nicht vorbei. Die Bahn hat sich verpflichtet, das Gelände zu pflegen und 30 Jahre lang zu überwachen. 3,7 Millionen Euro kostet all dies insgesamt.

Volle Gärten auf dem Killesberg

Spaziergänger und Anwohner kritisieren schon seit Längerem, dass trotz der hohen Umsiedlungszahlen kaum einmal Eidechsen auf den Steinhügeln zu beobachten seien – obwohl die eigens aufgestellten Verbots- und Informationstafeln dazu auffordern, aus sicherer Entfernung deren Verhalten zu studieren. Dafür reißen die Meldungen nicht ab, dass sich in der weiteren Umgebung die Zahl der gesichteten Tiere in den vergangenen Monaten sprunghaft erhöht hat.

Und zwar nicht nur direkt an die Feuerbacher Heide angrenzend. Offenbar haben viele der Tiere ihre erzwungene neue Heimat verlassen und sich über einen größeren Bereich ausgebreitet. Solche Beobachtungen gibt es aus der Birkenwaldstraße, aus der Straße am Kriegsbergturm oder auch vom Fleckenweinberg oberhalb von Feuerbach. „Ich habe auf meiner Terrasse in all den Jahren noch nie eine Eidechse gesehen. Jetzt tummeln sie sich an warmen Tagen geradezu“, sagt ein Anwohner.

Wanderungsbewegungen gibt es aber offenbar nicht nur auf dem Killesberg. Auch im Neckartal tut sich was. Dort laufen bereits seit Längerem Baumaßnahmen für Stuttgart 21, zudem hat die Stadt das frühere Güterbahnhofsgelände für die Bebauung präpariert und in diesem Zuge ein Eidechsenhabitat am Bahndamm für Tausende Tiere angelegt. „Seither wuselt es bei uns geradezu. Selbst in den Erdbeeren schauen einen Eidechsenaugen an“, sagt ein Mann, der im benachbarten Gewann Blick in Untertürkheim einen Schrebergarten hat. Seinen Nachbarn gehe es genauso, erzählt er. „Diese Tiere sind schlauer, als die Bahn oder die Artenschützer denken“, sagt er. „Wenn sie gestört werden, orientieren sie sich neu. Die hocken doch nicht auf irgendeinem künstlichen Steinhügel rum.“

Wanderungsbewegungen auch in Untertürkheim

Bei der Bahn, die weitere rund 6000 Tiere aus Untertürkheim umsiedeln soll, aber keine Flächen dafür findet, will man die Sinnhaftigkeit des Tuns nicht kommentieren. Dort verweist man auf die Verpflichtung, die der Artenschutz auferlegt. „Bauträger haben diese Regeln einzuhalten und nicht zu bewerten“, sagt ein Bahn-Sprecher. Auch die Aussicht, womöglich 30 Jahre lang ein Gebiet zu überwachen, dessen Bewohner großteils nicht mehr da sind, wird knapp kommentiert: „Dieses Monitoring ist Bestandteil des geltenden Artenschutzrechts.“ Man könne nicht mehr tun, als Habitate mit allen erforderlichen Grundlagen für die Tiere einzurichten. In Feuerbach habe man jetzt bewusst auf Zäune verzichtet, um die Fläche öffentlich zugänglich zu halten. „Der Aufenthaltsort jedes einzelnen Tieres ist nicht bekannt. Dafür hätte man sie mit Sendern versehen müssen“, so der Sprecher. Erst nach dem ersten Überwachungsbericht im nächsten Jahr könne man qualifizierte Aussagen liefern, wie viele Tiere noch da sind.

Immerhin: In den nächsten Monaten dürften sich die Eidechsen um die ganzen Diskussionen über sie nicht groß scheren. Dann sind sie mit der Winterruhe beschäftigt.

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