Wiesenvögel wie der Kiebitz sind besonders bedroht. Foto: Picture Alliance

Giftstoffe für Nutzpflanzen verleiden auch Insekten und Schmetterlingen das Leben auf dem Land. Weltweit sind viele Tier- und Pflanzenarten heute stärker denn je bedroht. Der Internationale Tag der biologischen Vielfalt an diesem Montag weist darauf hin.

Stuttgart - Bei der vom Naturschutzbund (Nabu) ins Leben gerufenen Aktion „Stunde der Gartenvögel“ sollten Naturbegeisterte am Muttertag eine Stunde lang alle Vögel notieren, die sie in ihrem Umfeld gesehen haben. Dabei haben sich wieder sehr unterschiedliche Trends ergeben: Zum Beispiel wurden etwa weniger Meisen beobachtet als im Vorjahr, dafür mehr Mauersegler und Schwalben. Auch wenn die endgültigen Ergebnisse der diesjährigen Mitmachaktion noch nicht vorliegen, hält eine recht bedenkliche Entwicklung weiterhin an: Seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten sind Vogelarten auf dem Rückzug, die für Wiesen und Felder typisch sind. Die Bestände von Rebhuhn, Kiebitz und Feldlerche würden „regelrecht zusammenbrechen“, meldet der Nabu. Immerhin können der Feldsperling und einige wenige weitere Arten dieses Lebensraums mit „Landflucht“ auf die Misere reagieren: Sie etablieren sich in jüngster Zeit verstärkt in Stadtgebieten.

Giftstoffe stehen ganz oben auf der „Sündenliste“

Auch bei anderen Tiergruppen zeigt sich, dass das Leben auf dem Land immer härter wird. Aus einer jüngst für die Bundestagsfraktion der Grünen erstellten Studie geht hervor, dass in Deutschland aktuell 53 Schmetterlingsarten als verloren einzuordnen sind. 106 Arten sind vom Aussterben bedroht. Allein von den hierzulande heimischen 184 Tagfalterarten gelten bundesweit 41,5 Prozent als ausgestorben oder in ihrem Bestand gefährdet – in Nordrhein-Westfalen sind es sogar 70 Prozent. Die Ursachen sind immer dieselben: Giftstoffe zum Schutz von Nutzpflanzen in der Land- und Forstwirtschaft stehen nach Ansicht vieler Biologen ganz oben auf der „Sündenliste“ des Menschen. Hinzu komme die immer intensivere Nutzung von Agrarflächen. Dazu zählt der zunehmende Anbau von Wintergetreide. Dies führt dazu, dass nicht mehr im März, sondern bereits im Herbst gesät wird – mit der Folge, dass im Frühjahr zur Brutzeit die Halme schon so hoch und dicht stehen, dass viele Vögel darin weder Nahrung noch Brutflächen finden.

Immer mehr wertvolle Lebensräume gehen verloren

Weil neue Flächen für Siedlungen sowie Industrie und Gewerbebetriebe gebraucht werden, gehen zudem natürliche Lebensräume und artenreiche traditionelle Kulturlandschaften verloren. Darüber hinaus beklagen die Naturschützer, dass immer mehr für Tiere und Pflanzen besonders wertvolle Waldlichtungen aufgeforstet werden und viele Wälder ein zunehmend dichteres Kronendach bekommen. Dadurch wird der Waldboden schattiger, so dass etwa für Raupen wichtige Futterpflanzen verschwinden. Damit gibt es weniger Schmetterlinge – und weniger Futter für Vögel. So gerate ein ganzes Ökosystem aus der Balance, heißt es in der Stellungnahme der Grünen zu dieser Studie.

b>Der Artenreichtum nimmt erschreckend stark ab

Wenn die Weltnaturschutzbehörde IUCN (International Union for the Conservation of Nature) wie im vergangenen Dezember ein so bekanntes Tier wie die Giraffe auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten setzt, dann verursacht das weltweit Aufregung. Dass es aber immer weniger Insekten gibt, scheint viele Menschen dagegen kaum zu stören.

Dabei ist diese bedenkliche Entwicklung für jedermann sichtbar: „War die Windschutzscheibe Ihres Autos vor 30 Jahren nach einer Ausfahrt nicht heftig ,insektenverschmiert‘ und ist sie jetzt nach sommerlichen Fahrten nicht erschreckend sauber?“, fragt der Naturschutzbund BUND-Regionalverband Südlicher Oberrhein in einer aktuellen Schrift zum Insekten- und Vogelsterben. Und gibt gleich die Antwort: „Selbst Nichtbiologen fällt auf, dass der Artenreichtum und die Anzahl der Schmetterlinge massiv abgenommen haben.“

Auch in Naturschutzgebieten gibt es weniger Vögel und Pflanzen

Die Naturschützer beschreiben darin einen Trend: Nicht nur in den „Maissteppen“ würden immer weniger Arten und Individuen registriert. Das gelte „erschreckenderweise auch für die wertvollsten, immer dem Ferneintrag von Giften und Düngemitteln ausgesetzten Naturschutzgebiete, zum Beispiel am Kaiserstuhl, oder für die Orchideenwiesen am Bollenberg im Elsass“. Das Fazit ihres Berichts: „Wir erleben gerade ein stilles Artensterben, und zwar nicht im fernen Afrika, sondern direkt vor unserer Haustür.“

Gerade Vögel, Schmetterlinge und Orchideen sind allerdings unerlässliche „Helfer“ in dem Bemühen, Naturschutzgebiete auch für Besucher attraktiv zu halten. In zu großer Zahl können Touristen zu einer Belastung werden, aber sie bringen eben auch Geld in die Region – Geld, das die Akzeptanz dieser Gebiete bei der lokalen Bevölkerung deutlich erhöht. Das gilt für Nationalparks mit Löwen oder Berggorillas in Afrika genauso wie für besondere Kulturlandschaften wie die Wacholderheiden im Land, etwa das Schutzgebiet Digelfeld bei Hayingen auf der Schwäbischen Alb. Nicht umsonst ist das Motto des diesjährigen Internationalen Tags der biologischen Vielfalt dem Thema „Biodiversität und nachhaltiger Tourismus“ gewidmet.

Intensives Management für den Kiebitz

Die Naturfreunde kümmern sich allerdings keineswegs nur in Schutzgebieten um bedrohte Arten. Ein gutes Beispiel ist der Kiebitz. Für diese hoch bedrohte Vogelart hat der Nabu ein mehrjähriges Projekt auf den Weg gebracht. Um dem Kiebitz, der bevorzugt auf Feuchtwiesen, Heiden und Moorflächen brütet, wieder Auftrieb zu geben, sollen noch bis Ende 2018 bundesweit „Maßnahmen in normalen Agrarlandschaften entwickelt und in verschiedene Förderprogramme inte­griert werden“, so der Nabu. Besonders intensiv will man das „Kiebitz-Management“ allerdings in Schutzgebieten vorantreiben. Das kann recht aufwendig sein, vor allem wenn jedes einzelne Gelege gesichert und die Bearbeitung des Ackerlands an die brütenden Vögel angepasst wird. Und natürlich gehört auch dazu, mit Schildern und Öffentlichkeitsarbeit das Verständnis der Besucher für den Schutz der Wiesenvögel zu wecken.

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