Eine Polizistin findet den schwer vergifteten Sergei Skripal auf einer Parkbank. Foto: Arte/James Pardon

Im März 2018 wird im britischen Salisbury ein Attentat mit dem Nervengift Nowitschok verübt. Eine Stadt rutscht in den Ausnahmezustand. Die BBC-Serie bei Arte wirkt wie ein Corona-Planspiel.

Stuttgart - Eigentlich wäre das erstklassiges Material für einen modernen Agententhriller. Im März 2018 verübten mit hoher Wahrscheinlichkeit Operateure eines russischen Geheimdienstes im britischen Städtchen Salisbury einen Nervengiftanschlagauf ihren ehemaligen Kollegen Sergei Skripal. Der hatte als Doppelagent für die Briten gearbeitet, war aufgeflogen und im Rahmen eines Agentenaustausches in den Westen gekommen.

Dass das benutzte Gift Nowitschok nicht unentdeckt bleibt, könnte Teil des Plans gewesen sein. Furcht und Schrecken sollten sich ruhig verbreiten, Dissidenten und Agenten eingeschüchtert werden. Dass die sozialen Netzwerke von abstrusen Diskussionen um die angebliche Verantwortung von westlichen Diensten oder um eine pure Inszenierung erschüttert wurden, passte gut in Vladimir Putins Konzept zur Destabilisierung des Westens von dessen Idiotierändern her.

Kein Hinterzimmergrusel

Die BBC-Serie „The Salisbury Poisonings“, die jetzt in vier Teilen an einem Abend bei Arte zu sehen ist, geht den Stoff aber nicht als Agentenjagd an. Sie ist auch kein Thriller über die Vorbereitung eines Anschlags und kein Hinterzimmergrusler über das einfädeln einer Politintrige. Mit staunenswerter und wirkungsvoller Selbstbeschränkung lassen die Autoren Adam Patterson und Declan Lawn sowie der Regisseur Saul Dibb („Die Herzogin“) alle Informationen zum Hintergrund des Anschlags nur am Rande vorkommen.

Hie und da kommen Täter, Motive und Zusammenhänge in einem Satz aus dem Munde einer Nebenfigur aus höheren Polizeikreisen vor oder in sehr kurzen Zitaten aus echten Nachrichtensendungen zu Beginn jeder Folge. Aber die Macher dieser Serie interessiert ganz anderes: Wie gehen eine kleine Gemeinschaft und deren offizielle Stellen mit einer plötzlichen, nie gekannten und schwer eingrenzbaren Bedrohung um?

Aufgabe: Kontaktverfolgung

Das in russischen Labors entwickelte Nowitschok ist schon in kleinster Dosierung wirksam und bleibt, einmal ausgebracht, lange gefährlich - mindestens fünfzig Jahre lang, sagen westliche Experten. Als die Skripals auf einem öffentlichen Platz in Salisbury zusammenklappen, gehen die Ersthelfer noch von einer Überdosis Drogen aus. Als sich herausschält, was da wirklich am Werk ist, stellt sich die schwindelerregende Frage nach Kontaktpersonen und Aufenthaltsorten.

Wen und was haben die Skripals vor Sichtbarwerden der Symptome berührt? Wo könnte eine winzige Kontamination mit Nowitschok noch jemandem gefährlich werden? Wie ernst die Sorge der Weiterverbreitung zu nehmen ist, wird schnell klar. Detective Sergeant Nick Bailey (Rafe Spall), einer der mit dem Fall betrauten lokalen Polizeibeamten, wird mit einer schweren Nowitschok-Vergiftung auf der Intensivstation eingeliefert.

Der Ausnahmezustand wird normal

Zwar konzentriert sich die Serie auf einige wenige Figuren – vor allem die Familie des Polizisten Bailey, die Gesundheitsbeauftragte des Landkreises, Tracy Daskiewiezc (Anne-Marie Duff) sowie die alkoholkranke Dawn Sturgess und ihren Freund, die Monate nach dem Anschlag das weggeworfene Nowitschok-Behältnis der Täter finden und öffnen werden. Aber „The Salisbury Poisonings“ will sich auch nicht als allzu detaillierte Psychostudie positionieren.

Ja, wir erfahren einiges über die Figuren, aber da bleibt absichtlich eine Distanz - als seien das entferntere Nachbarn, von deren Krisen und Belastung wir einiges erfahren, ohne uns einbilden zu können, ein rundes Bild ihres Lebens zu haben. So verlieren wir uns nicht in den Einzelleben, sondern behalten einen Gesamtvorgang im Blick – die Verschiebung der Normalität hin zum Ausnahmezustand, der dann die neue,wenn auch sehr anstrengende Normalität wird.

Parallele zu Corona

Diese behutsame, meist sehr faktentreue Fiktionalisierung eines realen Geschehens verzichtet auf klassische Spannungstricks. Sie drückt nicht auf die Tube, sondern thematisiert das zähe Voranschreiten von Erkenntnisprozessen und daraus abgeleiteten Maßnahmen. Trotzdem bleibt sie immer einnehmend und lohnend. Das liegt an der mätzchenfreien Regie und den exzellenten Schauspielern, aber eben auch an der unübersehbaren Parallele dieser Giftbedrohung zur Coronapandemie.

Die Serie, die lange vor dem vor dem Lockdown geplant wurde und in Großbritannien im Juni 2020 ausgestrahlt wurde, lässt vieles wiedererkennen. Aber sie nimmt einen dort noch mehr mit, wo sie von einer Entschlossenheit und Konsequenz der Reaktion erzählt, die in Salisbury im Kleinen möglich war und die im Großen bei Corona dann immer wieder gefehlt hat.

Verfügbarkeit: Arte, 10. Juni 2021, alle vier Teile ab 21.05 Uhr. Bereits hier online in der Mediathek des Senders abrufbar – bis 9. Juli 2021.

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