Die ehemalige Sekretärin Sylvia Kristel verlieh „Emmanuelle“ als Hauptdarstellerin ganz besondere Qualitäten. Foto: Arte/Emmanuelle Tinacra Films

1974 wurde „Emmanuelle“ der große Beitrag des Kinos zur sexuellen Revolution. Knapp ein halbes Jahrhundert später blickt eine Arte-Doku mit Skepsis und Bewunderung zurück.

Stuttgart - Eigenlob stinkt nicht immer. Wer einen der erfolgreichsten und einflussreichsten Filme in der Geschichte der bewegten Bilder gedreht hat, dürfte sich schon mal auf die Schulter klopfen und der Welt erklären, was er oder sie sich da ganz Besonderes hat einfallen lassen. Der 1940 geborene Franzose Just Jaeckin hat so einen Wunderfilm geschaffen, den Softporno „Emmanuelle“, den seit seinem Kinostart 1974 rund 350 Millionen Menschen gesehen haben sollen.

 

Das ist aber eher eine offizielle Zahl, hochgerechnet aus Kinokartenverläufen, Videokassetten-Absatz und TV-Ausstrahlungen. Hinzu kommen noch ein paar Fantastilliarden Pubertierender, die mit „Emmanuelle“ hinter dem Rücken von Eltern, Lehrern und Dorfpfarrern einen ersten Schleichgang durch den Wundergarten der Lüste unternommen haben.

Ein Bangkok seltsamer Träume

„Emmanuelle“ ist aber nicht einfach die Goldeselvariante von Schmuddelkino, sondern Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. Höchste Zeit also, dass auch der Kultursender Arte mal genauer hinschaut, mit der sehr empfehlenswerten Dokumentation „Emmanuelle – Königin des Softpornos“. Zu Wort kommt darin Jaeckin, und der erweist sich als erstaunlich hellsichtig. Nicht er sei für den Erfolg des Films verantwortlich: „Der Erfolg kam damals genau zur Zeit der sexuellen Befreiung, der Pille. Es war ein gesellschaftliches Phänomen, Punkt.“

In „Emmanuelle“ reist die von Sylvia Kristel gespielte Titelheldin nach Bangkok. Schon im Flugzeug hat sie Sex mit einem Wildfremden und in der exotischen neuen Umgebung dann immer weitere Begegnungen mit Männern und Frauen. Zwischen den Momenten des Stöhnens gibt es suchende Gespräche über das Wesen von Liebe, Begehren, Partnerschaft und Freiheit. Wenn die Münder wieder für anderes gebraucht werden, bleibt in den weichgezeichneten Bildern ein Element des Traums. Man kann nie sicher sein, ob Emmanuelle sich realen Partnern oder nur Hirngespinsten hingibt. Just Jaeckin war Modefotograf, bevor er von dem Produzenten Yves Rousset-Rouard als Erstlingsregisseur angeheuert wurde. Rousset-Rouard schwebte ein Skandal vor, den man nicht ablehnen konnte, ein Film, der inhaltlich Grenzen überschritt, aber optisch so lecker daherkam wie die neue Frühjahrsmode in Magazinen für die feinen Pariser Kreise.

Auf die Barrikaden

Jungen Menschen von heute, die mit den Unterleibs-Zehnkämpfen auf Youporn.com aufwachsen, dürfte kaum noch zu vermitteln sein, dass „Emmanuelle“ einmal so viel Aufsehen erregte, als hätten die Filmemacher durch alle Schlafzimmerfenster Europas gleichzeitig Backsteine geworfen. Aber von der großen Wirkung erzählen die Zeitzeugen. Immer, wenn Emmanuelle sich hinlegt, geht sie eigentlich auf die Barrikaden. Dieser Film hatte etwas Augenöffnendes, Ermutigendes, Enthemmendes.

Der Blick fast ein halbes Jahrhundert später ist da skeptischer. Mehr Frauen als damalsstellen an die sexuelle Revolution die Frage, wer da eigentlich von was befreit werden sollte. „Emmanuelle“ kann man leicht so durchinterpretieren, dass eine Frau von gesellschaftlichen Konventionen befreit werden soll, um männlichen Begierden beständig, überall und widerstandslos zur Verfügung zu stehen. Die sexuelle Befreiung der Frau wäre dann eine hin zu umfassenderer sexueller Dienstbarkeit.

Nicht so dumpf wie in Deutschland

Die Spur, dass die ausgelebte Sexualität der Frau in Wirklichkeit die ausgesponnene Fantasie des Mannes ist, führt zurück zur literarischen Vorlage. Der Roman „Emmanuelle“ erschien 1959. Das Autorinnenpseudonym Emmanuelle Arsan schützte angeblich eine Diplomatengattin. Längst aber gibt es den Verdacht, der Herr Diplomat selbst, Louis-Jacques Rollet-Andriane, habe den Roman geschrieben.

Richtig ist wohl beides gleichzeitig, die Deutung von Befreiung und die von neuer Knechtung. Auch die alte Moral von Keuschheit und Scham sollte ja vor allem garantieren, dass Männer nicht die Kontrolle über die Frau – oder die Frauen – in ihrem Leben verloren. Man muss nur einen Blick auf das deutsche Softpornokino jener Jahre werfen, mal pseudomedizinisch aufklärerisch, mal in lachhafter Journalismuspose, oft als dumpfe Gaudi unterwegs, von „Schulmädchenreport“ bis „Unterm Dirndl wird gejodelt“, um die Eleganz, Intelligenz und Würde von „Emmanuelle“ zu erkennen.

Kristel und die schwitzenden Moderatoren

Dass süßlicher Kitsch mit mysteriöser Eleganz einhergeht, ist aber auch der ehemaligen Sekretärin Sylvia Kristel zu verdanken, einer Niederländerin, deren Akzent in „Emmanuelle“ noch so stark war, dass sie synchronisiert werden musste. Dass sie in allen Situationen rein und unschuldig wirke, wird in der der Dokumentation gepriesen, aber das fasst die Kunst dieser Frau nicht ganz. Sie entblößt sich und entzieht sich dabei. Je mehr man von ihr sieht, desto weniger weiß man. Nie ist das Ideal des Cool Jazz – größtmögliche Intensität in Gestalt kühler Ebenmäßigkeit – so unverkrampft vor eine Kamera gebracht worden.

Kristel hat Filme außerhalb der Softpornowelt gedreht, aber Kritik und Publikum wollten die nicht sehen. Das hat nichts mit Qualitätsansprüchen zu tun. Das Faszinierendste an der „Emmanuelle“-Doku sind die Ausschnitte aus Interviews und Talkshows mit Kristel. Moderatoren und Großintellektuelle schwitzen und glubschen, ihre verquälten Fragen scheinen nur Ersatzplappereien für den Wunschsatz „Zieh dich aus!“. Eine klebrige Pampe aus Begierde, Verachtung und Spott erstickt alle Gespräche, und man sieht Sylvia Kristel an, wie sehr sie daran leidet. Etwas Traurigeres wird man so schnell in keinem großen Spielfilm finden.

Ausstrahlung: Arte, 25. Juni 2021, 21.45 Uhr. Die Doku ist hier in der Mediathek des Senders bereits online abrufbar – bis 23. August 2021.