Hans Mayer Foto: Marko Funke

Am Donnerstag hat der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer bei der Kölner Kunstmesse Art Cologne den diesjährigen Art-Cologne-Preis erhalten. In seiner Laudatio kritisiert Götz Adriani, Vorsitzender der Stiftung Kunsthalle Tübingen, zugleich aktuelle Auswüchse des Kunstmarktes.

Die große Gier

Bekanntlich häufen sich die Skandale um Kunstspekulanten, Kunstberater, Kunstsammler und Kunsthändler, um Kunsthistoriker, Kunstfälscher, Kunstdiebe sowie nicht zuletzt um dubiose Kunstverkäufe hier im Lande.

Ungebremst unterminiert die Gier nach Werten unsere Wertesysteme. Megahändler und global agierende Auktionsgiganten sind die Profiteure einer neureichen, milliardenschweren Klientel, die selbst billigste Kunst zur teuersten Offerte werden lässt. Die Armseligkeit eines vulgären Reichtums macht die von der Presse genüsslich aufgesogenen Rekordsummen zu alleinigen Qualitätsfaktoren und begehrten Statussymbolen.

Mittlerweile ist die zeitgenössische Kunst, für deren radikale Errungenschaften wir uns starkmachten, en vogue wie nie zuvor. Zur Unterhaltungsgröße verharmlost, wurde sie zum massentauglichen Bestandteil jenes Small Talks, der den kritischen Diskurs weitgehend ersetzt hat. Haben wir das gewollt und ließen wir zu, dass die faszinierenden Erkundungen der Künste auf dem besten Wege sind, zu Anlagemodellen und Lifestyle-Accessoires einer von Kunstkenntnis unbehelligten Schickeria zu verkommen?

Beltracchi und die Folgen

Unter den Scharlatanen, die im Bannkreis der Kunst ihr Unwesen treiben, schießt der Bilderfälscher Beltracchi den Vogel ab. Momentan als freischaffender Freigänger unterwegs, entpuppt er sich zum gerissenen Medienprofi, der nicht nur in Talkshows das große Wort führt. Namhafte Blätter hofierten den Kriminellen und feierten ausführlich dessen bescheidene autobiografische Ergüsse. Welcher Kunstkritik, die ihren Namen verdient und welcher ernstzunehmenden Berichterstattung ist jemals eine solche mediale Aufmerksamkeit zuteilgeworden?

Auch der bis zu seiner Inhaftierung im Düsseldorfer Klüngel pompös etablierte Pseudo-Kunstberater Achenbach ging, von bestallten Kunsthistorikern willfährig unterstützt, mit bemerkenswerter krimineller Energie vor. Um auf großem Fuß paradieren zu können, trat der gewiefte Ratgeber das Zutrauen der von ihm Beratenen mit Füßen. Der vom Sozialarbeiter zum Kunst- und Restaurantbetreiber mutierte, ja zum Fußballpräsidenten gekürte Strippenzieher erklärte vor Gericht seine Fälschungsmanöver beschönigend zu Collagen. Damit degradierte Achenbach das viel gerühmte, von Werner Spies in die Kunstgeschichte eingeführte Prinzip der Collage, höchst unrühmlich zum Prinzip dreister Rechnungsmanipulationen, die es ihm erlaubten, „collagierend“ Millionengewinne zu ergaunern.

Der Vertrauensschwund

Die beiden Betrugsaffären, ihre fragwürdige Medienrezeption sowie die im Hauruckverfahren erfolgte Monetarisierung zweier Hauptwerke Andy Warhols durch die nordrhein-westfälische Landesregierung mögen als Spitze des Eisbergs beispielhaft für eine Entwicklung stehen, deren Machenschaften zunehmend aus dem Ruder zu laufen drohen. Ob und inwieweit die Glaubwürdigkeit des seriösen Kunsthandels – und um ihn sollte es nicht nur zur Stunde in erster Linie gehen – durch solche Exzesse und den sich daraus ergebenden Vertrauensschwund in Mitleidenschaft gezogen wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann nur hoffen, dass meine Befürchtungen unbegründet sind.

Geschichte mitgeschrieben

All dies betrifft Hans Mayer, der heute fast auf den Tag genau sein 50-Jahr-Galeristen-Jubiläum begeht, nur am Rande. Auch in Zeiten voller Krisensymptome und einer Marktbeschleunigung ohnegleichen ist er ein ruhender Unruhepol geblieben, der Maßstäbe gesetzt hat und mit seinem jüngst erstellten Galerieneubau nach wie vor setzt. International vernetzt, hat sich der vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler Geehrte um den Kunsthandel in Deutschland verdient gemacht. Auf seinen untrüglichen Blick ist genauso Verlass wie auf das sichere Kalkül in Bezug auf ein stimmiges Verhältnis von Kunst und Preis. Dem Idealbild des Kunsthändlers als diskreter Vermittler sowie als Initiator, der daran interessiert ist, seinen Künstlern zur Reputation zu verhelfen, kommt Hans Mayer ausgesprochen nahe. Unbestritten ist er einer jener, die durch ihren Pioniergeist und ihre Risikobereitschaft die neuste Kunstgeschichte mitgeschrieben haben.

Verglichen damit sind wir Kunsthistoriker gerade mal in der Lage, vorgenommene Weichenstellungen nachzuvollziehen. Die Kunstwissenschaft muss sich damit abfinden, dass sie am Fortgang der Moderne nur sporadisch beteiligt war und das weite Feld der Kunst vornehmlich Sammlern und Händlern überlassen hat. Während ich als Historiker die Auseinandersetzung mit der Gegenwart auch als ein Resultat der Beschäftigung mit der Vergangenheit verstehe, bewundere ich an Hans Mayer, mit welcher Offenheit er Intuitionen aus dem schnellen Augenblick schöpft und dabei zum Zeitgenossen schlechthin avancierte.

Der Entgrenzer

Niemals scheute Hans Mayer davor zurück, die Grenzziehung zwischen High und Low zu durchbrechen und seinen Kunstbegriff im Sinne von Beuys durch Musik, durch Rock und Pop, durch Literatur, Theater und Tanz, durch Architektur, Fotografie, Design und Mode interdisziplinär zu erweitern. Er selbst bezeichnete sich als Makler des ­Cross-over.

Erinnert sei nur daran, dass Hans Mayer im Musikbereich seit Jahrzehnten die Gruppe Kraftwerk begleitete und mit ihr 2011 die hinreißende Neufassung der traditionsreichen Galerie am Grabbeplatz feierte, dass bei seinen Eröffnungen The Who und die Small Faces spielten, dass er 1972 Konzerte mit Steve Reich durchführte und 1965 der Musik von John Cage ein Forum bot.

Unvergessen ist, dass er Phil-Glass-Aufführungen organisierte, 1988 Gastgeber von La Monte Young war und Max Raabe frühe Auftritte ermöglichte. Eine Sternstunde der Kunstgeschichte und eine gesellschaftliche Begebenheit sondergleichen gelang ihm 1979, als bei einer Warhol-Ausstellung in seiner Galerie Joseph Beuys dem amerikanischen Kollegen die Ehre erwies und die beiden Antipoden freundschaftlich miteinander umgingen – ein Zusammentreffen übrigens, das Warhol zu eindrucksvollen Beuys-Porträts veranlasste.

Beginn in Esslingen

Die alte Reichsstadt Ulm hat in ihrer jüngeren Geschichte sowohl Albert Einstein als auch Hans Mayer und die Hochschule für Gestaltung hervorgebracht. Unter der ­Leitung von Max Bill prägte sie den Lebensentwurf und das ästhetische Vermögen des gelernten Industriekaufmanns, der, von dem Kunstkritiker Schulze Vellinghausen animiert, umsattelte und vor genau 50 Jahren und sieben Tagen, das heißt am 10. April 1965, seine Galeristenkarriere in der Esslinger Bachstraße 32 begann. Er tat dies freilich nicht sang- und klanglos irgendwo in einem Hinterhof, sondern wie es seine unnachahmliche Art ist, gleich fulminant mit einer Schau des damals in Deutschland nahezu vergessenen, ehemaligen Bauhauslehrers und Dozenten an der Ulmer Hochschule ­Josef Albers.

Mit dieser „umfangreichsten Albers-Ausstellung, die je auf unserem Kontinent zu ­sehen war“, wie die „Frankfurter Rundschau“ begeistert berichtete, sowie einem John-Cage-Eröffnungskonzert war die Latte hoch gelegt und wurde in den fünf Jahrzehnten danach kaum einmal gerissen. Von Anfang an war es das Anliegen des Neulings, seine Ausstellungen und Vernissagen zu Ereignissen zu machen. Selbstbewusst trat er auf und leistete in seiner (op) art galerie Pionierarbeit.

Dabei übernahm er als einer der Ersten den unmittelbar zuvor in der Ausstellung „The Responsive Eye“ im Museum of Modern Art aus der Taufe gehobenen Begriff der ­Op-Art. Nach Albers präsentierte der Junggalerist in Esslingen Ausstellungen zu Bill, Calderara, Graubner, Gerstner oder ­Graeser. Auch war Hans Mayer seiner Zeit voraus, als er Julian Beck und Judith Malina, die Protagonisten des New Yorker Living Theatre, zur Eröffnung einer Le-Parc-Ausstellung einlud, als er den Schauspieler ­Minetti zu einer Lesung bat oder bei einer Alviani-Vernissage eine Modenschau zeigte. Esslingen und die heimische Presse standen des Öfteren kopf. Denn man kann sich kaum mehr vorstellen, welchen schweren Stand die derzeit so inflationär verbreitete zeit­genössische Kunst in den bundesrepubli­kanischen 1960er Jahren hatte. Kunstwerke, die heute Millionenwerte darstellen, von Restauratoren-Teams mit Argusaugen überwacht werden, die unter Polizeischutz mit luftgefederten Großraumtransporten, in Klimakisten verpackt und auf sämtlichen Routen von Kurieren begleitet unterwegs sind, diese Werke transportierte Hans einst in seinem klapprigen VW-Bus durch die westdeutschen Lande, in der vagen Hoffnung, einen Kunden dafür zu gewinnen.

Damals gab es im Südwesten der Republik weder Sammler wie Burda, Froehlich, Weishaupt oder Würth noch Galerien von Rang. Der Einzige, der Hans Mayer mit vergleichbarem Anspruch und kurzem zeitlichem Vorlauf das Wasser reichen konnte, war im nahe gelegenen Stuttgart Hans Jürgen Müller. Informationen über und Hinweise auf die aktuelle, internationale Kunstszene verdankte ich 1965 als Volontär an der Stuttgarter Staatsgalerie hauptsächlich den ­Galerien Mayer und Müller.

Krefeld und Düsseldorf

Als zweite Station suchte sich Mayer Krefeld aus, das im Gegensatz zu Esslingen durch Paul Wember zu einem Mekka der Avantgarde-Kunst geworden war. Dort fing seine Zusammenarbeit mit Denise René an, der renommierten Pariser Galeristin und Verfechterin konstruktiver und kinetischer Tendenzen. Zwischen Paris und Krefeld wurden zahlreiche Kooperationsprojekte entwickelt, bis dann Ende November 1971 die von Max Bill konzipierte, aufsehenerregende Galerie am Düsseldorfer Grabbeplatz eröffnet werden konnte.

Mit Vantongerloo gab er den Startschuss, dann kamen im Laufe der 1970er Jahre Ellsworth Kelly, Mondrian, Arp, Calder, Uecker, Kricke, Mack, Yves Klein, Bill Beckley, Andy Warhol und Beuys. In den 1980ern und ­1990ern sind es, um nur einige zu nennen, Newton, Wesselmann, Rauschenberg und Lichtenstein, Basquiat, Hopper oder Haring, die bei Mayer zumeist ihre Deutschlandpremieren hatten. Ihnen schlossen sich bis dato Künstlergrößen wie Gehry, Paik, Lindbergh und Longo, Caro, Flanagan, Willikens, Klauke, Markus Oehlen und andere Prominenz an.

Der viel beschworene Hans im Glück hatte das Glück, dass im Geiste seines Musée imaginaire 2007 in der Heimatstadt Ulm ein Museum eröffnet wurde. Zu verdanken ist es den leidenschaftlichen Kunstsammlern Siegfried und Jutta Weishaupt, die es zwischen Münster und Rathaus errichten ließen, um in wechselnden Präsentationen aktuelle Kunst zeigen zu können. Die Sammlung Weishaupt kam in enger Verbindung mit Mayer zustande und ist ein Musterbeispiel für das auf Freundschaft und Vertrauen basierende, kongeniale Zusammenwirken eines ungemein bewanderten Sammlerehepaars und eines versierten, sachkundigen Händlers.

Warhols „Cars“

Das Vertrauensverhältnis, das Hans ­Mayer zu seinen Sammlern und Künstlern in langen Zeiträumen beharrlich aufgebaut hat, führte im Falle Andy Warhols zum exzeptionellen Bilderzyklus „Cars“. Ihn schuf der Künstler 1986 zur 100-jähringen Wiederkehr der Erfindung des Automobils für die Daimler-Benz AG in Stuttgart. Dass diese letzte Bildserie Warhols, die in der Kunsthalle Tübingen Anfang 1988 ihre Premiere hatte, inzwischen durch Einzelverkäufe willkürlich auseinandergerissen und zu Geld gemacht wurde, ist die mehr als beschämende Seite der von Mayer und Hans J. Baumgart initiierten Erfolgsgeschichte.

Von 1965, als Hans Mayer die Galeristentätigkeit in einem ehemaligen Sarglager aufnahm, bis heute, als er nach eigener Aussage „quasi neben dem Sarg von Jan Wellem“, dem kurfürstlichen Großsammler, seinen Galerieneubau platzierte, steht der Name Hans Mayer nicht etwa für Nekromantie, sondern synonym für Qualität und­ ­Originalität.

Das Loblied, das ich anzustimmen suchte, soll mit jener Widmung ausklingen, mit der Hölderlin ein Exemplar seines Romanfragments Hyperion versehen hat. Sie lautet kurz und etwas schwäbisch: „Wem sonst als Dir.“ Wem sonst als dem großartigen Galeristen, dem weltweit aktiven Händler und wunderbar anregenden Weggefährten gebührt dieser singuläre Kölner Kunstpreis – wem sonst als Hans Mayer!

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