Marc Feltens „Affenmensch“ (2019, Ausschnitt) ist in der Galerie Abt Art zu sehen Foto: /Galerie AbtArt

Saisonstart unter Pandemiebedingungen: Stuttgarts Galerienszene blickt verhalten optimistisch in die Zukunft.

Stuttgart - Im Frühjahr war die Stimmung so schlecht wie noch nie: alle Ausstellungen geschlossen, wichtige Messen abgesagt, die Kauflust gleich null. Einnahmeausfälle zwischen 60 und 100 Prozent prophezeite damals der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) seinen Mitgliedern. Ganz so schwarzseherisch gibt sich der Kunstmarkt aber mittlerweile nicht mehr. Jedenfalls nicht im Südwesten. „Im Unterschied zu Berlin besitzt Stuttgart eine sehr loyale Sammlerszene“, sagt zum Beispiel Imke Valentien. Gleich bei der ersten Vernissage nach dem Ende des Lockdowns im Mai, so die Mitbetreiberin der Galerie Valentien, sei das Publikum zurückgekommen. „Durch die erzwungene Isolation“, vermutet sie, „haben sich die Leute auf die Dinge besonnen, die ihnen wirklich wichtig ist. Und dazu zählten für viele Kunst und Kultur.“

Deswegen blickt Valentien auch „verhalten optimistisch“ in die Zukunft. Zwar habe es in ihrer Galerie Kurzarbeit gegeben, aber keine Entlassungen. Vor allem Werke im mittleren Preissegment seien wieder gefragt. Bei Stücken im Spitzensegment hapere es dagegen noch. Letzteres könnte daran liegen, dass Museumskuratoren ihrerseits Budgetsorgen haben. Zudem sind internationale Sammlungsbeauftragte weiterhin durch Reisebeschränkungen ausgebremst.

Dennoch läuft auch der Messebetrieb wieder an. So fand unlängst in Berlin die „Positions“ statt, aus Stuttgart war die Galerie Fuchs vertreten. An der auf Grafik spezialisierten Parallelmesse „Paper Positions“ nahm mit der Galerie Sturm ein weiterer Aussteller aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt teil.

Der Stuttgarter Kunsthandel scheint der Corona-Pandemie bislang erfolgreich getrotzt zu haben

Der hiesige Kunsthandel scheint der Weltkrankheit aus Wuhan bislang also erfolgreich getrotzt zu haben. Dafür spricht nicht zuletzt das Programm des Art Alarms am kommenden Wochenende. Die Teilnehmerliste des Vernissagenmarathons, mit dem sich die privaten Galerien traditionell aus der Sommerpause zurückmelden, ist identisch mit der vom Vorjahr. Sie sind alle noch da! Die einzige Änderung betrifft die Galerie Henn, die ihren Standort am Wilhelmsplatz gegen kleinere Räume am Eugensplatz eingetauscht hat. „Dieser Umzug war bereits vor der Coronakrise geplant“, sagt Andreas Henn. Er folge lediglich dem schon länger bestehenden Trend der Branche, angesichts rasant steigender Innenstadt-Mieten die Ausstellungsfläche zu reduzieren.

War der BVDG also zu pessimistisch, als er in einer Pressemitteilung vom Juni bundesweit vor einem Massensterben von Galerien gewarnt hat? Um in dieser Hinsicht belastbare Aussagen zu treffen, meint Imke Valentien, müsse man das nächste Jahr abwarten. „Im Frühling hatten viele Kollegen noch Rücklagen.“ Auch die Soforthilfeprogramme von Bund und Land hätten die Umsatzeinbußen teilweise aufgefangen. Sorge bereiten Valentien indes die seit Ende August wieder ansteigenden Infektionszahlen. „Eine zweite Welle mit neuen, harten Einschränkungen“, befürchtet die Kunstvermittlerin, „würden einige Galerien ökonomisch wahrscheinlich nicht mehr überleben.“

Wandert der Kunsthandel ins Internet ab?

Wäre der Online-Handel da ein Rettungsanker? Imke Valentien winkt ab. Zwar präsentiert sie mittlerweile mehr Arbeiten aus dem Galerieprogramm auf ihrer Homepage, von einem Amazon für Bilder hält die Stuttgarterin aber nichts: „Kunst lebt von der Magie des Originals und der Kommunikation im realen Ausstellungsraum.“

Etwas anders bewertet dagegen die Galerie Braunbehrens die Strategie des Kunstverkaufs per Mausklick. „Wir haben gleich bei Ausbruch der Pandemie das Angebot auf unserer Online-Plattform erweitert“, berichtet der Geschäftsführer Berthold Naumann. Tatsächlich hätte eine Reihe von Sammlern im Lockdown und auch danach vermehrt über das Internet zugegriffen. Gleichwohl offenbarten die Erfahrungen der vergangenen Monate auch die Grenzen des digitalen Vertriebswegs im Bildergeschäft. Naumann musste feststellen: „Über’s Netz verkaufen wir fast ausschließlich Grafik. Und auch die bevorzugt von Künstlern, die den Sammlern schon durch Präsenzausstellungen bekannt sind.“ Ansonsten teilt Naumann die vorsichtig positive Einschätzung der Kollegin. „Einigen Interessenten, die beim Erwerb eines Bildes zunächst noch zögerten, gab die Senkung der Umsatzsteuer den entscheidenden Impuls zum Kauf.“

Der Silberstreif am Kunstmarkt-Horizont lässt Braunbehrens auch wieder eine Messeteilnahme anvisieren. Im Oktober zeigt sich die Galerie auf dem eher regional bedeutsamen „Roten Kunstsalon“ der Villa Rot in Burgrieden. Was größere Branchentreffen wie die Art Karlsruhe anbetrifft, so Naumann, wolle man dagegen erst einmal abwarten. „Falls die Krise doch etwas Gutes besitzt“, sagt er, „liegt es vielleicht darin, dass der stationäre Kunsthandel gegenüber den Messen Marktanteile zurückgewinnt.“ Denn bei einer Galerienschau könne man nicht nur die Künstler wirkungsvoller inszenieren als in einer engen Messekoje, sondern auch die Abstandsregeln komplikationsloser einhalten. Dem pflichtet auch Imke Valentien bei: „Galerieausstellungen“, sagt sie, „sind das perfekte Kulturereignis in der Pandemie. Ich habe riesige Räume, kann auch nach Vereinbarung öffnen und alle Fenster und Türen aufreißen.“

Info: An diesem Samstag und Sonntag (18./19. September) öffnen 18 Galerien ihre Türen. Informationen zur Veranstaltung Art Alarm gibt es unter https://www.art-alarm.de.

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