Rainer Fettings „Drei Figuren am Meer“ ist in der Galerie Thomas Fuchs zu sehen Foto: Galerie Thomas Fuchs

Sttuttgart tritt an: mit Kunst. Mit Offenheit. Mit Stimmenvielfalt. Am 22. und 23. Mai sind die Türen der Privatgalerien weit geöffnet. Der Galerienrundgang Art Alarm lockt mit Gegensätzen und Widersprüchen.

Stuttgart - Gerade noch die Fünf-Tages-Kurve bekommen – das dürfte die Stimmung der Organisatoren des ersten Frühjahrs-Art Alarms in Stuttgart treffen. Erst lange geplant, dann verschoben, fast schon abgesagt – und nun mit viel Antrittsmut versehen quicklebendig: Dieser Galerienrundgang hat etwas, bevor er überhaupt begonnen hat. Auch, wenn der Zugang Mühen suggeriert: Erforderlich sind eine vorherige Terminbuchung für einen fest begrenzten Zeitraum und ein maximal 24 Stunden alter negativer Coronatest.

Art Karlsruhe gibt Rückenwind

Rückenwind gibt es reichlich: Vor allem das Gallery Weekend in Berlin vor drei Wochen hat für reichlich Bewegung in den Sozialen Medien gesorgt. Immerhin sitzen einige der wichtigsten Sammlerinnen und Sammler im Südwesten – und wollten beim Kunstereignis in der Hauptstadt auch von zu Hause aus möglichst nahe dran sein. Und dann ist da noch die Kunstmesse Art Karlsruhe. Dieses Wochenende wäre es wohl wieder voll geworden in den Karlsruher Messehallen. Erst 2022 aber will die Art wieder als Messe antreten. Dafür gibt es nun als Kooperation mit inzwischen vielen Galerien die Reihe Art Karlsruhe Selection – und die Mitinitiatoren kommen aus Stuttgart. Thomas Fuchs und Andreas Pucher zeigen in ihren Galerieräumen eben jene Arbeiten, die sie an ihrem Stand auf der Art Karlsruhe präsentiert hätten. Von Mona Ardeleanu, Christian Awe, Bastian Börsig, Peter Churcher, Rainer Fetting, Jochen Hein, Ruprecht von Kaufmann, Yongchul Kim und Günter Zachariasen.

Rainer Fettings Sehnsuchtsbild

Ein Sehnsuchtsbild in jeder Hinsicht empfängt das Publikum: Rainer Fettings „Drei Figuren am Meer“ (2015), ein Trio in der Gischt – dort also, wo irgendwie aktuell wohl jeder gerne wäre. Durchkreuzt aber ist hier alle Idyllik, rüde greift die dunkle Nordsee – lange schon ist Sylt Fettings zweiter Wohn- und Arbeitssitz – nach den Menschen, nach dem Himmel.

Konkrete Poesie neu interpretiert

Eine eigenwillige Distanz halten auch die Figuren Rina Böchers. Ihre Bilder locken zu Dengler und Dengler (Rosenbergstraße 102). Selbst in Südafrika aufgewachsen, macht Böcher Migration zu ihrem Thema.

Für den harten Schnitt sorgen Angelika und Markus Hartmann. In ihrer Arbeits- und Ausstellungsetage im Galerienhaus (Breitscheidstraße 48) präsentieren sie eine von der britischen Fotokünstlerin Sue Barr eigens in Stuttgart erarbeiteten Serie. Unter dem Titel „Concrete Poetry“ präsentiert sie ihren Blick auf das architektonische Erbe des Brutalismus der 1960er und 1970er Jahre in Stuttgart – und der Titel ist zugleich eine fragende Anspielung auf den offenbar wesensfremden Dialog von Dichtung und Architektur in Stuttgart.

Vanessa Henns Gala-Auftritt

Vanessa Henn lässt die Dinge lieber in der Schwebe. Ihre Schau „railings and failings“ in der Galerie Michael Sturm (Christophstraße 6) bringt sich selbst jedoch exakt auf den Punkt und entwickelt Kunsthallen-Qualität. Spätestens hier wird deutlich: Der Corona-Schock sitzt zwar auch bei den Privatgalerien tief, doch der Wunsch wie auch die Kraft, gerade jetzt deutlich zu machen, welche Energie eine Galerie für eine Künstlerin, für einen Künstler freisetzen kann, ist größer.

Die nach Draußen gingen

Werke von Vanessa Henn warten auf der Art Alarm-Tour noch einmal – in der Galerie Valentien (Gellertstraße 6). Dort hat der Berliner Kunstvermittler Hergen Wöbken die Schau „Come Back Stuttgart“ konzipiert. Zu sehen: Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die nach Draußen gingen.

45 Jahre Galerie Brigitte March

In Stuttgart ist das mit dem „Draußen“ eine schwierige Sache. Zumindest, wenn man wie Karin Abt-Straubinger in Möhringen Galeriearbeit macht oder wie Brigitte March in Weilimdorf. Nicht nur, aber auch zum Art Alarm lohnen sich beide Wege. Wartet Abt Art (Rembrandtstraße 18) mit dem stetig wachsenden Porträt-Zyklus von Ulrich Klieber auf, macht Brigitte March (Solitudestraße 154a) auch im 45. Jahr ihrer Galeriearbeit unmissverständlich klar, dass nach der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre eigentlich kaum noch etwas kommen konnte – außer auf klarem Kurs wie etwa im Schaffen von Yutaka Matsuzawa.

Motoren der Moderne

Ist Kunst nicht auch poetischer Gegenentwurf? In jedem Fall in dieser Ausstellung: „Vier Motoren der Moderne – Hölzel. Baumeister. Baum. Fleischmann.“ in der Galerie Schlichtenmaier (Kleiner Schlossplatz). Zurück schauen, um nach vorne zu blicken – mit Künstlern dieses Formats gelingt solches.

Ist da nicht auch Raum für den „homme engagé“, für den Holzschneider und Maler HAP Grieshaber? Die Galerie Andreas Henn (Wagenburgstraße 4) hält zur Themen-Trilogie „Passion Osterritt Baumblüte“ eine feine Auswahl seiner Werke bereit.

Die Kunst tritt an

Was jetzt noch fehlt? Ein aktuell gültiger negativer Corona-Test als Eintritt in das Kunst-Panorama Art Alarm. Das Signal ist da und es ist wichtig: Stuttgart tritt an – mit Kunst, mit Offenheit, mit Stimmenvielfalt.

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