Arnulf Herrmanns Oper „Der Mieter“ in Frankfurt Schwankend zwischen den Welten

Von Susanne Benda 

Björn Bürger als Georg in „Der Mieter“ Foto: Aumüller
Björn Bürger als Georg in „Der Mieter“ Foto: Aumüller

2012 hat der Komponist Arnulf Herrmann (49) mit „Wasser“ bei der Münchner Biennale seinen ersten Opernerfolg gefeiert. Auch „Der Mieter“ beschreibt frei nach Roland Topors gleichnamigem Roman und Roman Polanskis Film mit grandios ausdifferenzierten Klängen einen Psychotrip ins Innere eines isolierten, verzweifelnden Menschen.

Frankfurt - Es gibt Klänge, die man nicht vergisst. Zu ihnen gehörte 2005 bei den Donaueschinger Musiktagen ein Stück von fast unscheinbarer Kürze. „Das Fällen hoher Bäume ist mit Risiken verbunden“ hieß es, die Klangkünstlerin Hanna Hartman wurde damals mit dem Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnet, und zu hören war, wie ein gefällter Baum in lastender Langsamkeit, Faser für Faser, zu Boden sinkt. Auch Arnulf Herrmann hat in der zentralen Szene seiner zweiten Oper „Der Mieter“ Klänge gleichsam unter ein Mikroskop gelegt: Ein Glasdach zerbricht in Zeitlupe, Riss für Riss, und die Zuhörer, die sehen, wie der einsame Held des Stücks auf der Bühne verzweifelt vom Fenster seiner Wohnung aus zum Todessprung auf die Veranda ansetzt, fühlen sich, rundum beschallt von Lautsprechern, als seien sie eben erst durch die Luft geflogen, lägen nun selbst mitten auf dem zersplitternden Glas, und gleich werden sie fallen, ganz tief.

Das ist einer der Momente dieser denkwürdigen Opernuraufführung, die man nicht vergessen wird. Es gibt noch etliche weitere davon in diesem Stück, das der 49-jährige gebürtige Heidelberger, der heute als Professor für Komposition in Saarbrücken lehrt, gemeinsam mit dem Österreicher Händl Klaus über Motive aus Roland Topors Roman „Der Mieter“ (und aus dessen Verfilmung durch Roman Polanski) schrieb, und so verlässt man das Frankfurter Opernhaus nach zwei mit Klängen wie mit Bildern prall gefüllten Stunden am Sonntagabend mit der Gewissheit, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.

Herausragend: die sänger Anja Petersen und Björn Bürger

Wobei dieses Besondere auch auf der Gemeinsamkeit gründet, mit der die Oper in Frankfurt erarbeitet wurde. Da ist das Libretto um einen Mann, der das Zimmer einer Selbstmörderin anmietet und von seinen Mitbewohnern selbst in den Tod getrieben wird: Es öffnet tatsächlich poetische Räume – die frei assoziierenden Sprachbilder von Händl Klaus waren selbst bei seinen Textbüchern für drei Opern von Georg Friedrich Haas nie so überzeugend, so frei und so wenig dekorativ wie hier. Da ist die Regie von Johannes Erath, die, auch wenn sie zuweilen eine Spur weniger konkret hätte sein können, eindrucksvoll das Irrlichtern des Stücks zwischen Wahn und Wirklichkeit in Bilder und Aktionen setzt. Da sind wunderbare Sänger, die sich mit hoher Kunst hingeben – unter anderen Anja Petersen als geradezu sphärische Johanna, Claudia Mahnke, Hanna Schwarz und vor allem der immer wieder vom Bariton ins Falsettieren fallende Björn Bürger, der dem Georg gibt, was man ihm geben muss: Weichheit und Kante, Präzision (lupenrein lässt Bürger seine A-cappella-Passage im ersten Bild einmünden in eine Trompetenphrase) und rabenschwarze Verzweiflung.

Und da ist schließlich das Bühnenbild von Kaspar Glarner, das, deutlich inspiriert von Polanskis Film und gespickt überdies mit sehr filmisch wirkenden Schnitten und Lichtwechseln, den Wechsel zwischen Innen- und Außenwelt des Protagonisten wie auch die allmähliche Auflösung des Individuums bebildert. Auf Gazevorhänge vor und hinter der Spielfläche projizieren Videoeinspielungen (Bibi Abel) das gemietete Zimmer und Aktionen der handelnden Personen, während diese parallel an anderen Orten der Bühne singen und spielen. Und zum Handlungsraum wird mehr und mehr ein raffiniert von unten beleuchtetes Quadrat, das am Ende senkrecht in der Luft hängt, sodass auch der Mieter, der sich auf ihm bewegt, von Seilen aus dem Schnürboden gehalten werden muss. Auf diese Weise verschieben sich, befördert auch von Katharina Taschs immer fantastischer, abgedrehter wirkenden Kostümen, die Ebenen, und es entsteht eine Atmosphäre, die etwas Albtraumhaftes, Surreales hat, zugleich aber auch etwas beklemmend Mögliches. Die akustisch vergrößerten Wassertropfen, welche die behutsam eingesetzte Elektronik dem live vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester Gespielten hinzufügt, erinnern nicht nur an Herrmanns Opernerstling, sondern stehen auch für dieses Unentschiedene, dieses Schwanken zwischen den Welten, das die gesamte Partitur durchdringt.

Arnulf Herrmann ist ein feiner Theatermusiker

Händl Klaus hat viele Mittel dazu: Seine Sprache ist wie rohes Holz, in das die Musik wie eine Lasur tief eindringen kann. Allein schon Johannas drei Gesänge mit ihren weiten Bögen zwischen gestotterten Wortbrocken sind kleine poetische Preziosen. Deren Kraft zu nutzen: Dazu hat Arnulf Herrmann die Ideen und die Mittel, und der Dirigent Kazushi Ono setzt sie mit spürbarer Energie und hörbarer Genauigkeit um. Von (oft freundlich von Soloinstrumenten gestützten) weiten Intervallsprüngen und kleinen, wiederholten Motivzellen leben die Gesangsstimmen; das zumal im Bereich der Bläser und des Schlagwerks stark ausdifferenzierte Orchester reichert zahlreiche Akkordcluster, die mit Vorliebe (und starker physischer Wirkung) auf- und abwärts gleiten, mit Vierteltönigem an. Mit wenigen Farben, Rhythmen und Klang-Akzenten macht Herrmann, ein feiner Theatermusiker, aus Situationen packende Momente und aus Figuren Persönlichkeiten – besser als mit einer Flöten-Flatterzunge kann man zwei schnatternd intrigierende Frauen kaum beschreiben. Indem auf der Bühne das Surreale zunimmt, gewinnt auch die Musik an Dynamik und Härte, und die dekadente Grundfarbe geben tiefe Bläser wie auch der dominierende Dreivierteltakt vor. Dass das Stück gelegentlich ins Parodistische, mal in Richtung Alban Berg, mal in Puccini-artige Emphase und einmal gar ins Operettenhafte kippt, ist eine hohe Qualität. „Der Mieter“ lebt musikalisch auch vom Reiz der Brechungen.

Das Ende, das zugegeben, ist, als das Licht auf der Bühne zu einem letzten metallischen Schlag ausgeht, eigentlich schon lange dagewesen. Mit einem einzigen, dramaturgisch klug gesetzten Selbstmord wäre man womöglich doch ausgekommen und hätte damit nicht nur ein paar Gähner im Publikum verhindert, sondern auch eine lange Szene, in der Georg als Selbstmordkandidat wörtlich in den Seilen hängt. Aber das ist nur eine Marginalie. „Der Mieter“ ist ein exzellent gemachter, packender Opern-Horrorthriller. Hingehen, unbedingt!

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