Mit 15,9 Prozent ist die Armutsquote in Deutschland so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung. Stuttgart und die Region stehen viel besser da. Doch das könnte sich durch die Corona-Pandemie bald ändern.
Stuttgart - Die bitterste Nachricht ist vielleicht jene: All die Corona-bedingten Auswirkungen – Kurzarbeit, Schließungen, Abbau von Arbeitsplätzen – sind in den Armutsbericht 2020 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes noch gar nicht eingeflossen. Trotzdem ist die Armutsquote auf einem Rekordhoch. In Deutschland gelten 13,2 Millionen Menschen als arm, das sind 15,9 Prozent der Bevölkerung – ein so hoher Anteil wie noch nie seit der Wiedervereinigung.
„Für uns ist das eine schreckliche Nachricht“, sagt Ursel Wolfgramm, die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Baden-Württemberg. „Im Südwesten stehen wir zwar besser da, allerdings ist auch dort die Armutsquote um 0,4 Prozent gegenüber 2019 auf 12,3 Prozent gestiegen.“ Baden-Württemberg steht damit auf dem zweiten Platz hinter Bayern (11,9 Prozent) und vor Schleswig-Holstein (14,5 Prozent). Die meisten Armen gibt es in Bremen (24,9 Prozent).
Welche Unterschiede gibt es im Land?
In Stuttgart leben elf Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Die höchste Armutsquote im Südwesten liegt bei 15,1 Prozent in der Region Rhein-Neckar, die niedrigste bei 10,6 Prozent in der Region Hochrhein-Bodensee. Auch in eher reichen Gegenden gibt es Rekordwerte, etwa in der Region Nordschwarzwald (13,6 Prozent) oder Neckar-Alb (13,1 Prozent).
Wie wird die Armutsquote berechnet?
Der Verband stützt sich auf die offizielle Statistik zur Armutsgefährdung. Darin wird dargestellt, wie viele Personen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Laut Mikrozensus liegt die Armutsgrenze bei Alleinstehenden bei 1074 Euro netto im Monat, bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2256 Euro. Nicht gezählt werden Menschen in Gemeinschaftsunterkünften wie Wohnungslose, Pflegebedürftige in Heimen, Menschen mit Behinderung oder Geflüchtete. Tatsächlich ist die Lage also noch kritischer.
Welche Gruppen sind gefährdet?
Besonders betroffen sind Arbeitslose, Alleinerziehende, Menschen mit niedriger Qualifikation, kinderreiche Familien und Menschen mit Migrationshintergrund. Dass auch kinderreiche Familien – also Familien mit mehr als drei Kindern – gefährdet sind, hält Wolfgramm für ein Armutszeugnis, da Deutschland ein demografisches Problem habe, welches nur durch Geburten gelöst werden könne. Dramatisch ist laut dem Verband auch, dass die Armut unter den Rentnern und Pensionären zugenommen hat, sie liegt im Südwesten bei 17,8 Prozent. Außerdem habe die Kinderarmut im Land mit 14,8 Prozent einen neuen Höchststand erreicht.
Welche Probleme resultieren daraus?
Wer arm ist, erlebt eher Frust und fühlt sich abgehängt. „Das treibt die soziale Spaltung voran“, sagt Wolfgramm. „Dadurch erleben rechte Parteien wie die AfD einen Zulauf.“ Außerdem erlitten Menschen, die länger in Armut leben, stärkere gesundheitliche Einschränkungen. Wenn sie sich nun mit dem Coronavirus infizierten, hätten sie daher tendenziell schwerere Krankheitsverläufe. Außerdem könnten sie es sich zum Beispiel nicht leisten, Essen nach Hause zu bestellen. „Plakativ gesprochen, kann man sagen: Arme leiden durch Corona eher als Reiche.“
Was wird in Stuttgart dagegen getan?
Die Stuttgarter Jugendhausgesellschaft hat während der Pandemie zum Beispiel gespendete Laptops an Kinder und Jugendliche verteilt, welche keine eigenen Geräte zuhause haben, wodurch sich das Homeschooling schwierig gestaltet. Denn Bildung gehört zu den wichtigsten Elementen, damit Armut nicht vererbt wird.